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In der Türkei trifft die Pandemie kleine Unternehmen besonders hart

Demircan, Ozan
·Lesedauer: 6 Min.

Die türkische Wirtschaft kommt trotz des zweiten Lockdowns mit einem Nullwachstum durch die Krise. Doch viele Kleinunternehmer stehen vor dem Bankrott.

Die Zentralbank hatte im November die Leitzinsen angehoben, um die Inflation einzudämmen. Trotzdem stieg sie im selben Monat leicht an, auf 14,03 Prozent. Foto: dpa
Die Zentralbank hatte im November die Leitzinsen angehoben, um die Inflation einzudämmen. Trotzdem stieg sie im selben Monat leicht an, auf 14,03 Prozent. Foto: dpa

Hanife Caliskan war im Sommer noch guter Dinge. Die Betreiberin eines Restaurants im Istanbuler Geschäftsviertel Levent hatte ihren Laden im Juni nach einem zwei Monate langen Lockdown wiedereröffnen dürfen. Die Angestellten der Banken und Konzernholdings in der Umgebung kehrten zurück – und damit auch ihre Kundschaft. „Es war wie ein kurzer Albtraum“, fasst sie die Wochen im Frühsommer zusammen. Heftig, aber bald zu Ende, dachte sie.

Doch mit Beginn der zweiten Infektionswelle musste sie ihr Restaurant wieder schließen. Sie darf zwar Speisen zum Mitnehmen anbieten. Doch die umliegenden Firmen sind nahezu komplett ins Homeoffice gegangen. Und im Geschäftsdistrikt Levent lebt kaum jemand. „Mein Umsatz ist von einem auf den anderen Tag eingebrochen“, klagt sie, „und damit auch mein Einkommen.“

Der Albtraum geht weiter. Wie Caliskan fühlen sich viele Tausende Menschen in der Türkei derzeit, die mit den steigenden Infektionszahlen ihre Arbeit verlieren. Seit Mitte Dezember gelten im Land strenge Lockdowns. In der Nacht und an Wochenenden gilt eine komplette Ausgangssperre.

Das Coronavirus hat die Türkei fest im Griff. Mit gut zwei Millionen bestätigten Infektionen liegt das Land weltweit an siebter Stelle. Mit einem Mix aus Ausgangssperren und geöffneten Geschäften will die Regierung von Staatschef Erdogan die Infektionszahlen senken und gleichzeitig die Wirtschaft schonen.

Doch Hunderttausenden Menschen und ihren Angehörigen droht der wirtschaftliche Bankrott. Vor allem die ärmere Bevölkerung ist von den jüngsten Maßnahmen zur Eindämmung der Neuinfektionen betroffen. Kurz vor Weihnachten waren die Infektionszahlen leicht vom Höchststand von täglich mehr als 30.000 bestätigten Neuinfektionen auf rund 22.000 kurz vor Weihnachten gesunken. Die Todeszahlen stiegen jedoch leicht auf rund 250 pro Tag. In der Türkei wird derzeit mehr getestet als in Deutschland.

Ein Jahr des Nullwachstums

Die Regierung hat mit kreditfinanzierten Programmen die Wirtschaft stimuliert. Die Lira hat dadurch zwar mehr als ein Viertel an Wert verloren. Dafür lief der Wirtschaftsmotor im Land weiter. Die Indizes für die Industrieproduktion sowie für Investitionen sind vergleichsweise hoch. Ökonomen rechnen damit, dass die türkische Wirtschaft das Jahr mit einem Nullwachstum beenden wird. Das wäre deutlich besser als die Rezession, die sich in vielen Industrieländern abzeichnet.

Unter den Beschäftigten im Land gibt es einen großen Teil, der wirtschaftlich kaum unter Corona leiden dürfte. Ein Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Land arbeitet im öffentlichen Dienst, ein Großteil davon ist verbeamtet.

Von den restlichen Angestellten erhält ein Drittel den Mindestlohn von derzeit rund 2300 Lira, umgerechnet rund 260 Euro pro Monat. Derzeit finden Verhandlungen statt, diesen zu erhöhen. Eventuell werden Menschen, die nur den Mindestlohn beziehen, sogar von der Lohnsteuer befreit. Bisher ist die Arbeitslosigkeit zudem nur leicht auf zuletzt 12,7 Prozent gestiegen.

Doch das ist nur die eine Seite. Menschen wie Hanife Caliskan können nicht einmal auf den Mindestlohn hoffen. Als eine von Hunderttausenden Einzelunternehmern und -unternehmerinnen im Land verdient die Restaurantbesitzerin das, was nach Abzug aller Ausgaben übrig bleibt. „Im Moment sind die Kosten viel höher als die Einnahmen.“ Ihr Vermieter verlangt weiterhin 3000 Lira pro Monat, rund 380 Euro. Derzeit sei ihr Umsatz geringer.

Die 51-Jährige versuchte, mit einer Instagram-Seite ihre Kunden auf sich aufmerksam zu machen. Jeden Tag veröffentlichte sie dazu ein Menü zum Mitnehmen. Der Durchbruch ist ihr damit nicht gelungen. „Wir müssen bald wieder öffnen dürfen“, fordert sie. „Wenn die Gaststätten länger schließen müssen, verlieren wir unsere Lebensgrundlage.“

Weniger großzügige Hilfen für Einzelunternehmer

Die Regierung von Staatspräsident Erdogan will den kleinen Unternehmen helfen. Mitte Dezember kündigte Erdogan an, den als „Esnaf“ bekannten Einzelhändlern und Betreibern kleiner Restaurants und Suppenküchen mit fünf Milliarden Lira (560 Millionen Euro) unter die Arme zu greifen. Der Sprecher eines der Esnaf-Verbände begrüßte die Hilfen. „Sie reichen aber bei Weitem nicht aus, um die Umsatzeinbußen auch nur ansatzweise auszugleichen.“

Nicht jeder Kleinunternehmer in der Türkei leidet gleich. Cem Eksi führt ebenfalls ein kleines Restaurant, allerdings im Touristenbezirk Beyoglu. Er hat früh eine Kundenkartei aufgebaut. „Ich habe zwar meine Laufkundschaft verloren“, erklärt Eksi, „aber nicht meine Stammkunden.“

Auch er darf nur noch Speisen zum Mitnehmen anbieten. Mit einem Unterschied: Jede Woche schickt er sein Menüangebot per WhatsApp direkt auf die Handys seiner ehemaligen Gäste. Bestellt wird per Rückantwort. Eksis Kellner liefert per Motorroller.

Viele Restaurants greifen auf Online-Lieferdienste zurück, in der Hoffnung, dadurch konstant Umsatz zu machen. Ein Trugschluss: De facto liefern sich die kleinen Gaststätten einen Preiswettbewerb mit großen Ketten, die ebenfalls in den Liefer-Apps vertreten sind. Allein im Touristenbezirk Beyoglu hat sich die Zahl der in der App vertretenen Gaststätten binnen weniger Jahre von 50 auf 280 erhöht.

Die App-Betreiber verlangen außerdem eine Kommission: Beim Marktführer Yemeksepeti, der zum Lieferando-Konzern gehört, können das bis zu 38 Prozent sein. Eksi rät stattdessen, den direkten Kontakt mit Kunden zu pflegen. Er selbst habe dadurch kaum Umsatz eingebüßt. Doch so vorausschauend wie er waren nur die wenigsten.

Große Unternehmen profitieren, die kleinen leiden

Bei den großen Konzernen zeichnet sich indes ein anderes Bild ab. Sie spüren deutlich weniger Folgen der Pandemie und Lockdowns. Viele Firmen sind bereits komplett digitalisiert, der Übergang ins Homeoffice verlief in der Regel reibungslos. Banken bieten über ihre Apps häufig mehr Leistungen an als in der Filiale. Und der Industrie half die schwache Lira, ihre Güter günstig zu exportieren. Vor allem die Produktion von Autoteilen und Automobilen hat sich schnell erholt.

Kleine Firmen können die Folgen der Pandemie ungleich schlechter abfedern. In ihrer Not erhöhen viele Kleinunternehmer die Preise - auch, um die erhöhten Kosten für Masken, Desinfektionsspray und Abstandsscheiben bezahlen zu können.

Das treibt die Inflation im Land an. Ein ungewollter Nebeneffekt der Pandemie, auf den die Verantwortlichen in Ankara nur schwer Einfluss nehmen können. Die Zentralbank hatte im November die Leitzinsen angehoben, um die Inflation einzudämmen. Trotzdem stieg sie im selben Monat leicht an, auf 14,03 Prozent.

Erol Karaca hofft, dass auch er bald höhere Preise verlangen darf. Als Taxifahrer in Beyoglu musste er zuletzt erhebliche Einbußen verkraften. Früher hatte er bis zu zehn Fahrten pro Tag. „Heute sind es höchstens fünf.“ Gleichzeitig muss er jeden Monat 1000 Lira bezahlen, um von einer Telefonzentrale mit Aufträgen bedient zu werden. Das sind umgerechnet 110 Euro. Für Karaca ist das eine halbe Monatsmiete.

„Seit fast zwei Jahren sind die Taxameterpreise gleich“, beschwert er sich. Dass seine Treibstoffkosten wegen des niedrigen Ölpreises gesunken sind, lässt er nicht gelten. „Wir verdienen auch ohne Corona kaum mehr als den Mindestlohn“, klagt der Vater von zwei Kindern. „Wir brauchen höhere Preise, um in dieser Phase zu überleben.“

Höhere Preise würden Hanife Caliskan auch nichts nutzen. Wenn niemand kommt, ist der Umsatz immer noch bei null. Sie hat ihr Geschäft Mitte Dezember geschlossen. „Der Albtraum ist noch lange nicht zu Ende.“