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Türkei erobert syrische Stadt – Putin fordert Rückzug der Truppen

Die Türkei treibt ihre Offensive in Nordsyrien voran und erobert die Stadt Ras al-Ain. Putin fordert derweil den Abzug ausländischer Truppen.

Das türkische Militär befindet sich in Nordsyrien auf dem Vormarsch. Foto: dpa

Das türkische Militär hat nach eigenen Angaben das Zentrum eines wichtigen syrischen Grenzorts eingenommen. Das türkische Verteidigungsministerium twitterte am Samstag, die Kontrolle über Wohngebiete im Zentrum von Ras al-Ain sei erlangt worden. Syrisch-kurdische Kämpfer schienen in manchen Teilen des Orts die Stellung zu halten. Ihre Miliz Syrische Demokratische Kräfte veröffentlichte Videos, auf denen Kämpfer sagten, es sei Samstag und sie seien noch dort. Sie wurden laut SDF in Ras al-Ain aufgenommen.

Die Kämpfe hielten an und die kurdischen Kämpfer versuchten, das türkische Militär wieder aus Ras al-Ain zu vertreiben, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Der Ort wurde von der Türkei heftig bombardiert. Ein Journalist der Nachrichtenagentur AP hörte auf der anderen Seite der Grenze Geräusche sporadischer Kämpfe. Die Türkei beschoss Ras al-Ain mit Haubitzen und darüber donnerten türkische Jets.

Vor einem Gefängnis mit inhaftierten Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat explodierte eine Autobombe, wie eine kurdische Polizeieinheit berichtete. Der Anschlag habe sich Samstagfrüh in der nordostsyrischen Stadt Hassakeh ereignet, die überwiegend unter kurdischer Kontrolle steht.

Kurdische Kräfte hätten daraufhin Verstärkung herangebracht, um zu verhindern, dass Insassen entkommen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Niemand reklamierte den Anschlag für sich, doch in der Vergangenheit haben Schläferzellen des IS derartige Taten verübt. Die Kurden halten in Syrien etwa 10.000 IS-Kämpfer gefangen, darunter etwa 2000 Ausländer.

Die türkische Offensive hat Befürchtungen geweckt, dass manche IS-Häftlinge entkommen könnten, weil Wärter an die Front ziehen. Die Kurdenmiliz YPG hat in den vergangenen Jahren mit Unterstützung der USA die Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien bekämpft und besiegt. Türkische Truppen erreichten bei ihrem Vorrücken in Syrien laut der türkischen Agentur Anadolu die Fernstraße M-4, die die Städte Manbidsch und Kamischli verbindet. Sie befindet sich etwa 30 Kilometer südlich der türkischen Grenze.

Türkei verteidigt den Angriff

Türkische Artillerieangriffe verursachten am Freitag eine Explosion bei einem kleinen US-Außenposten in der Nähe der Stadt Kobane. Dabei wurde kein US-Soldat verletzt. Die Amerikaner gaben den Außenposten daraufhin auf, wie US-Bedienstete berichteten, die nicht namentlich genannt werden wollten. Eine große US-Militärbasis in Kobane sei von dem türkischen Angriff nicht betroffen gewesen. Der Pentagon-Sprecher Brook DeWalt sagte, die Explosion habe sich im Umkreis von wenigen Hundert Metern um den US-Posten ereignet.

Die Türkei teilte mit, die USA seien nicht das Ziel des Angriffs gewesen und die türkischen Soldaten hätten auf Beschuss durch kurdische Kämpfer reagiert, die sich etwa 800 Meter von dem US-Außenposten entfernt befunden hätten. Das türkische Verteidigungsministerium berichtete, es habe den Angriff beendet, nachdem es mit den USA kommuniziert habe.

Ein Gefängnis mit inhaftierten IS-Kämpfern wurde nach syrisch-kurdischen Angaben durch türkischen Granatenbeschuss getroffen. Syrische Kurden veröffentlichten am Freitag ein Video, auf dem eine Granate im Hof eines Gebäudes landet, bei dem es sich um ein Gefängnis zu handeln schien. Sekunden später öffneten mehrere Männer Türen und schienen zu versuchen, das Gebäude zu verlassen.

Der französische Präsident Emmanuel Macron sprach mit US-Präsident Donald Trump telefonisch über die türkische Offensive in Syrien und warnte, dass sie zu einem Wiederaufleben der IS-Aktivitäten führen könne, wie aus dem Élysée-Palast verlautete. Macron habe „erneut auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass die türkische Offensive sofort gestoppt wird“. Er habe insbesondere die Notwendigkeit betont, „ein Wiederaufleben des IS in der Region zu verhindern“ und die kurdischen Kräfte zu unterstützten, die halfen, den IS zurückzudrängen.

Putin fordert Rückzug

Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich erneut für einen Abzug ausländischer Truppen aus Syrien ausgesprochen. „Jeder, der sich unrechtmäßig in einem fremden Land befindet - in diesem Fall in Syrien -, sollte das Gebiet verlassen. Das gilt für alle Länder“, sagte der Kremlchef am Samstag dem in Abu Dhabi ansässigen Nachrichtensender Sky News Arabia zufolge. Er habe darüber bereits mit den USA, der Türkei und dem Iran gesprochen. Syrien müsse von ausländischer Militärpräsenz befreit werden.

Putin schloss dabei auch einen Abzug der russischen Armee aus dem Bürgerkriegsland nicht aus. Sollte eine neue, legitime Regierung in Damaskus dies wünschen und nicht mehr die russische Hilfe benötigen, sei Moskau dazu bereit. Russland unterstützt den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Russland hat langfristige Verträge mit Syrien geschlossen, damit das russische Militär dort zwei Militärstützpunkte unterhalten kann.

„Syrien soll wieder Teil der Arabischen Liga werden"

Die Arabische Liga hat die türkische Militäroffensive scharf verurteilt. Die Angriffe seien eine „Invasion in das Land eines arabischen Staates und ein Angriff auf seine Souveränität", sagte Generalsekretär Ahmed Abul Gheit am Samstag. Der irakische Außenminister Mohamed Ali Alhakim, der amtierende Präsident der Arabischen Liga, sagte bei einem von Ägypten einberufenen Krisentreffen der Staatenallianz, die Militäraktion werde die humanitäre Krise und das Leiden der syrischen Bevölkerung verschärfen. Zusammen mit dem libanesischen Außenminister Gebran Bassil forderte er, Syrien wieder als Mitglied in die Arabische Liga aufzunehmen.

Seit Beginn der Offensive am Mittwoch seien 415 feindliche Kämpfer getötet worden, teilte das türkische Verteidigungsministerium mit. Die Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte sprach von 74 Toten aufseiten des von der YPG angeführten Rebellenbündnisses SDF und von 49 Toten aufseiten der mit der Türkei verbündeten Rebellen. Zudem seien 20 Zivilisten ums Leben gekommen, die meisten davon in Tel Abjad. Laut den Vereinten Nationen flohen 100.000 Menschen vor den Kämpfen.