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Studie zeigt: Die reichsten 50 Prozent werden immer reicher, Arme bleiben arm

Die obere Mittelschicht hat seit der Wiedervereinigung ihr Vermögen verdoppelt. Star-Ökonom Piketty warnt vor der großen Konzentration von Reichtum in Deutschland.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland immer weiter auseinander. Foto: dpa

Der Immobilienboom in Deutschland schafft Gewinner und Verlierer. Während für viele der Traum von den eigenen vier Wänden wegen der galoppierenden Preise in immer weitere Ferne rückt, profitieren die, die bereits eine Immobilie besitzen, enorm von der Preisentwicklung.

Die steigenden Immobilienpreise sind ein wesentlicher Grund dafür, warum in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Exzellenzclusters „ECONtribute“ der Universitäten Köln und Bonn, die am Donnerstag im Bundesfinanzministerium vorgestellt wurde.

Seit der Wiedervereinigung wurde die obere Mittelschicht demnach deutlich reicher – während die Armen arm blieben, schreibt ein Autorenteam um den Bonner Wirtschaftsprofessor Moritz Schularick. So konnten seit 1993 die reichsten 50 Prozent der Deutschen ihr Vermögen verdoppeln, die untere Hälfte der Bevölkerung gewann dagegen kaum etwas dazu.

Die Studie hat nach eigenen Angaben zum ersten Mal die langfristige Vermögensungleichheit in Deutschland untersucht. Der Vergleich reicht zurück bis ins Jahr 1895. Die gute Nachricht: In einem großen Teil dieses Zeitraums ging die Vermögenskonzentration zurück.

So ist gegenüber dem Jahr 1895 das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung bis heute von 50 auf 25 Prozent gesunken.

Die schlechte Nachricht: Seit der Wiedervereinigung ist wieder ein gegenläufiger Trend zu beobachten. War 1993 das Durchschnittsvermögen der reichsten zehn Prozent noch 50 Mal größer als in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung, so ist es inzwischen wieder auf das 100-Fache gestiegen.

Der Grund dafür sind neben den teils explodierenden Immobilienpreisen stark gestiegene Aktienkurse. Während Vermögende so doppelt profitieren – über den Wertzuwachs ihrer Immobilien und ihres Aktiendepots – „ist der Boom an den Aktien- und Immobilienmärkten an der unteren Hälfte der Vermögensentwicklung nahezu vorbeigegangen“, heißt es in der Studie.

Dass Immobilienpreise für eine steigende Ungleichheit sorgen, hatte Schularick bereits in einer früheren Studie herausgearbeitet. Seitdem spielt dieser Effekt spielen in der Debatte über Ungleichheit und möglichen politischen Folgen eine erhebliche Rolle. „Sozialer Zusammenhalt kann nur gelingen, wenn alle am Wachstum und Erfolg unserer Gesellschaft teilhaben“, sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD), der der Vorstellung der Studie beiwohnte. Die SPD hatte kürzlich eine Wiedereinführung der Vermögensteuer vorgeschlagen, auch Scholz hatte sich hinter die Idee gestellt.

Piketty für Vermögensteuer in Höhe von 90 Prozent

Der ebenfalls anwesende französische Star-Ökonom Thomas Piketty sagte, die Studie zeige, dass die hohen Wohlstandsunterschiede sogar noch zunähmen. „Die große Konzentration von Reichtum sollten Deutschland und Europa insgesamt Sorgen bereiten“, sagte Piketty.

Am Mittwoch ist Pikettys neues Buch „Kapital und Ideologie“ auf Deutsch erschienen, in dem der Ökonom mit radikalen Vorschlägen die aus seiner Sicht global steigende Ungleichheit abbauen will. So schlägt der linke Ökonom eine Vermögensteuer in Höhe von 90 Prozent ab einem Vermögen von zwei Milliarden Euro vor. Damit würde es Milliardäre in Zukunft de facto nicht mehr geben.

So weit gehen die Vermögensteuer-Pläne der SPD nicht annähernd, gleichwohl ist auch in Deutschland in den vergangenen Jahren Fahrt in die Debatte gekommen, wie gerecht es im Land eigentlich noch zugeht. Unstrittig ist, dass Deutschland bei der Chancengleichheit weiterhin großen Aufholbedarf hat. So machen Kinder aus einkommensschwachen Familien immer noch viel seltener Abitur als aus Akademikerfamilien.

Völlig umstritten sind aber die Befunde zur Entwicklung der Einkommens- und Vermögensungleichheit. So ging die Schere bei den Einkommen zwischen 1998 und 2005 auseinander, ist seitdem aber halbwegs konstant. Unter den G7-Staaten ist die Einkommensungleichheit in Deutschland immer noch gering. Einige Ökonomen halten das für eine gute Entwicklung, andere finden, im Daueraufschwung die für Deutschland vergleichsweise hohe Einkommensungleichheit konstant zu halten sei keine Glanzleistung.

Ähnliche Meinungsverschiedenheiten gibt es bei der Vermögensungleichheit. Vermögen sind in Deutschland so ungleich verteilt wie in nur wenigen anderen Ländern. Etliche Ökonomen argumentieren, dies habe besondere historische Gründe wegen der Wiedervereinigung. Zudem müsse man beim Vergleich mit anderen Ländern eigentlich das staatliche Rentensystem berücksichtigen.

Andere Ökonomen glauben hingegen, die hohe Vermögensungleichheit sei ein großes Problem und ein Grund für die zunehmende Polarisierung im Land. Zu diesem Lager zählt auch Schularick. So würden aktuelle Statistiken das Gesamtvermögen deutscher Haushalt zu niedrig schätzen, insbesondere weil der Wert von Betriebsvermögen „um bis zu zwei Billionen zu niedrig bewertet wurde“, schreibt er in seiner Studie. Deutschland sei damit „weitaus reicher“ als Statistiken es ausweisen. Allerdings wäre das Land damit auch deutlich ungleicher als angenommen.