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Der deutsche Windmarkt kollabiert – Stimmung der Branche so schlecht wie nie zuvor

Während die Branche international positiv in die Zukunft blickt, erreicht die Stimmung auf dem deutschen Windmarkt ein historisches Tief.

Während die Nachfrage im Rest der Welt steigt, trübt sich die Stimmung auf dem deutschen Markt weiter ein.  Foto: dpa

Es grenzt an Ironie. Noch nie ist in Deutschland soviel Windstrom erzeugt worden wie in diesem Jahr. Ende November haben die knapp 30.000 Windräder an Land und auf See knapp 15 Prozent mehr Energie produziert als zum gleichen Zeitpunkt 2018, verkündete der Energiekonzern Eon zuletzt.

Gleichzeitig kollabiert der deutsche Windmarkt. Lange Genehmigungsverfahren, zu wenig ausgewiesene Flächen und immer mehr Klagen gegen neue Anlagen haben den Ausbau fast zum Erliegen gebracht. Stellenabbau, rote Zahlen und Insolvenzen sind die Folge.

Die Situation droht sich bald durch die von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angekündigte Abstandsregelung von 1000 Metern zwischen Wohngebieten und Windrädern weiter zu verschärfen. Die Branche sieht schwarz für den deutschen Markt.

Das zeigt eine Umfrage, die das Marktforschungsinstitut Windresearch zusammen mit der weltgrößten Windmesse WindEnergy Hamburg durchgeführt hat. Die Umfrage liegt dem Handelsblatt exklusiv vor. In Deutschland bewerten die befragten Projektierer, Betreiber und Hersteller die Situation der Branche für 2019 zum ersten Mal deutlich negativ. Und auch der Ausblick für die nächsten zwei Jahre rutscht erstmals in den roten Bereich. „So schlecht war die Stimmung eigentlich noch nie“, sagt Experte Dirk Briese, von Windresearch.

Im Rest der Welt dagegen ist die Stimmung bestens: Die über 1000 befragten Windunternehmen aus aller Welt bewerten die internationale Situation ihrer Branche in diesem Jahr sogar noch besser als 2018. Die besten Marktchancen werden Asien und Nordamerika attestiert.

Die Aussichten für Europa hingegen haben sich verschlechtert. „Das liegt aber im Wesentlichen an Deutschland“, stellt Briese klar. Stephan Weil, der niedersächsische Ministerpräsident und damit Regierungschef des Bundeslandes mit den meisten Windrädern, warnt gar vor einem „drohenden Rückbau der Windenergie“.

Steigende Nachfrage im Rest der Welt

„Der Markt boomt weltweit – nur nicht in Deutschland. Hierzulande ist der Neubau von Windrädern praktisch zum Erliegen gekommen“, sagt ZF-Chef Wolf-Henning Schneider. Der Stuttgarter Konzern ist vornehmlich als Zulieferer für die Autobranche bekannt. Aber auch in der Windindustrie ist ZF mittlerweile eine Größe: Jedes vierte Windrad auf der Welt läuft mit einem ZF-Getriebe. Die etwa 65.000 der damit ausgerüsteten Turbinen produzieren weltweit 120 Gigawatt Strom pro Jahr. Genug um 100 Millionen Haushalte auf der ganzen Welt mit erneuerbarer Energie zu versorgen.

2011 hatte sich der Konzern durch die Übernahme von Hansen Transmissions in dem Markt nach ganz vorne geschoben und trotz erheblicher Marktunsicherheiten weiter investiert. Zwar gebe es einen „riesigen Absatz von Windgetrieben“, so Schneider, aber eben vornehmlich in Indien und den USA.

Nicht nur an Land bricht der Ausbau in Deutschland ein, auch auf See fällt die Stimmung der Branche für dieses Jahr erstmals in den negativen Bereich. Auch für die nächsten zwei Jahre trüben sich die Erwartungen ein. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres gingen nur 42 Anlagen auf dem Meer neu ans Netz, im gesamten Vorjahr waren es noch 140.

Als Hauptursache dafür gilt der sogenannte Ausbaudeckel von 20 Gigawatt (GW) bis 2030, mit dem die Bundesregierung den Ausbau von Offshore-Windparks steuern wollte.

Denn der Netzausbau an Land kommt nicht so schnell voran, wie er müsste, um den Windstrom zuverlässig vom Norden in den Süden zu transportieren. Hunderte von Bürgerinitiativen im ganzen Land klagen gegen den Ausbau der nötigen Trassen. Für die Offshore-Industrie heißt das, dass vor 2023 kein einziger Offshore-Windpark ans Netz angeschlossen wird.

Wenn sich die Rahmenbedingungen in Deutschland nicht verbessern, werde Deutschland nicht nur seine Klimaziele verfehlen, sondern auch weitere Arbeitsplätze gefährden, warnt Nordex-CEO José Luis Blanco. Zwischen 25.000 und 30.000 Stellen sind schon allein in den vergangenen zwei Jahren weggefallen. 

Durch die Internationalisierung der Branche, müsse man vermehrt die räumliche Nähe zu großen Märkten suchen, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, betont der Chef des Hamburger Turbinenherstellers. „Mittlerweile haben wir Produktionsstandorte in Lateinamerika, Indien und Europa - nahe unseren Volumenmärkten“, sagt Blanco. „Ein intakter Windmarkt ist ein wichtiges Kriterium für den Standort Deutschland.“ Produziert wird schließlich da, wo auch die Nachfrage ist.

ARCHIV - 15.05.2019, Schleswig-Holstein, Büsum: Windkraftanlagen stehen in der Nähe der Nordseeküste. (zu dpa