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Die steigenden Infektionszahlen gefährden den Wiederaufschwung

·Lesedauer: 6 Min.

Die hohen Zahlen an Corona-Neuinfektionen bereiten der deutschen Wirtschaft Sorgen. Ökonomen halten auch die Industrieproduktion für anfällig.

Produktion von Elektromotoren: In der Industrie nimmt die Unsicherheit angesichts der Corona-Reisebeschränkungen zu. Foto: dpa
Produktion von Elektromotoren: In der Industrie nimmt die Unsicherheit angesichts der Corona-Reisebeschränkungen zu. Foto: dpa

Die neuesten Zahlen klangen besorgniserregend: 4000 Neuinfektionen in den letzten 24 Stunden. Diese Pandemie sei „ein Charaktertest für uns als Gesellschaft“, der nur gemeinsam zu bestehen sei, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Berlin. Der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, warnte, die Zahl der mit dem Virus neu Infizierten könnte auf täglich 10.000 klettern.

Zwar sagt der Top-Virologe Hendrik Streeck in einem Gastbeitrag fürs Handelsblatt: „Nicht jeder Anstieg der Infektionszahlen darf Sorge bereiten.“ Aber auch die deutsche Wirtschaft ist beunruhigt. Einige Ökonomen beginnen bereits, um das zarte Pflänzchen des sommerlichen Wiederaufschwungs zu fürchten. „Es besteht durchaus das Risiko, dass die zweite Infektionswelle im Dienstleistungssektor die Probleme verschärft“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum hält auch die Lage in der Industrie für fragil. „Die Industrieproduktion befindet sich noch weit unterhalb des Vorkrisenniveaus, insbesondere in der Automobilindustrie“, sagt er. „Wenn wir im Winter wieder eine Situation wie Anfang Mai bekommen, würde auch die Rezession mit voller Wucht zurückkehren“, warnt er.

Immerhin: Bisher halten weder Ökonomen noch die Bundesregierung einen neuerlichen flächendeckenden Lockdown für wahrscheinlich. Doch für den Exportweltmeister Deutschland ist auch wichtig, wie sich die Lage bei seinen wichtigsten Handelspartnern entwickelt.

Neue Reisebeschränkungen und nächtliche Sperrstunden versetzen Hoteliers und Gastronomen in Angst. Der Deutsche Tourismusverband warnte am Donnerstag vor einer Pleitewelle. Der Deutschlandtourismus befinde sich bereits jetzt „in einer absoluten Notsituation“, sagte DTV-Geschäftsführer Norbert Kunz. „Wenn die Politik jetzt nicht die Branche mit passenden Rettungsprogrammen unterstützt, werden für viele Betriebe dieser Herbst und Winter die letzte Saison sein“, befürchtet er.

Steigende Infektionszahlen haben Spuren im gesamten Dienstleistungssektor hinterlassen: Der im Sommer zunächst kräftige Wiederaufschwung hat sich seit Ende August deutlich abgeschwächt. Besonders stark leiden alle Branchen, die auf den Kontakt von Menschen angewiesen sind – Hotels, Gaststätten, Veranstalter und Künstler.

Sie stehen für acht Prozent der Volkswirtschaft und können sich vorerst kaum erholen. Das „beste Konjunkturprogramm“ sei ein erfolgreicher Kampf gegen das Coronavirus, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag.

In der Industrie nimmt die Unsicherheit ebenfalls zu. Das Statistische Bundesamt hatte am Mittwoch für den August eine um 0,7 Prozent gesunkene Produktion gemeldet – nach kräftigen Anstiegen in den Vormonaten. Ist das bereits ein Vorbote für einen „Double-Dip“? Damit ist ein Konjunkturverlauf gemeint, bei dem nach einer Rezession ein kurzer Aufschwung folgt, der schnell in einen zweiten Abschwung mündet, bevor die echte Erholung einsetzt.

Die meisten Ökonomen rechnen aktuell nicht damit – solange die Pandemie beherrschbar bleibt. Zwar seien die Produktionszahlen für August ernüchternd. „Andererseits liegt die Produktion um 25 Prozent über dem Tiefpunkt im April“, sagte Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die Auftragseingänge seien „robust aufwärtsgerichtet“. Bis zum Vorkrisenniveau müsse die Industrie aber noch 12,4 Prozent aufholen.

Die Chemieindustrie ist weniger optimistisch. „Angesichts steigender Infektionszahlen in Europa und stringenterer Maßnahmen seitens der Politik wird es im Chemiegeschäft Rückschläge geben“, sagte dessen Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Der Erholungsprozess werde dadurch verzögert. Die Chemieindustrie kämpft sich seit Juli aus der Krise, die Geschäfte hätten sich in den vergangenen Wochen stetig verbessert, heißt es bei vielen Unternehmen. Mit einem „Double Dip“ rechnet aber auch Große Entrup nicht.

Verhaltene Hoffnungen in der Autoindustrie

Die jüngsten Ifo-Firmenumfragen etwa zeigen: Die Produktionserwartungen sind hoch. Der August-Rückgang habe nur in der Automobilindustrie stattgefunden, in der übrigen Industrie sei die Produktion leicht gestiegen, sagte Ifo-Chef Clemens Fuest. Auch andere Wirtschaftsinstitute erwarten in ihren Prognosen, dass der Aufschwung weitergeht, wenn auch langsamer. „Diese Szenarien unterstellen allerdings, dass die Lage bei den Infektionen beherrschbar bleibt“, sagte der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum: „Die Zweifel an dieser Annahme nehmen aber täglich zu.“

In der Autoindustrie sind die Aufschwunghoffnungen verhalten. „Asien ist definitiv die Lokomotive“, sagte BMW-Finanzchef Nicolas Peter am Donnerstag. In China hat der Autobauer im dritten Quartal 30 Prozent mehr verkauft als im Vorjahr. Sogar im Gesamtjahr liegt man trotz des Shutdowns im Februar im größten Automarkt der Welt im Plus. In Europa und den USA sei die Entwicklung schwieriger, eine „V“-förmige Entwicklung wie in Asien nicht in Sicht.

Der Volkswagen-Konzern wiederum reagiert in seinen Werken mit Vorsicht auf die zunehmende Zahl von Corona-Fällen. „Die Nachfrage zieht wieder an, sodass wir einen neuerlichen Shutdown unbedingt vermeiden wollen“, sagte VW-Personalvorstand Gunnar Kilian. Bis zur Adventszeit stehen im Stammwerk Wolfsburg etliche Sonderschichten auf dem Programm, um die Produktionslücke aus dem Frühjahr wieder auszugleichen.

Der Maschinenbau wiederum erholt sich erst langsam, sagte VDMA-Präsident Carl Martin Welcker. Bei den Auftragseingängen habe sich im August die Lücke im Vergleich zum Vorjahr auf 14 Prozent verkleinert. Beim Maschinenbauer Trumpf heißt es daher: „Der Abwärtstrend ist gestoppt.“

Das sagt auch Stefan Klebert, Vorstandschef des Düsseldorfer Anlagenbauers Gea, der die Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie beliefert. Sollte es doch zum Worst-Case-Szenario kommen, würden „die Krisenmaßnahmen aus der Erfahrung des Frühjahrs“ greifen.

Blick nach Frankreich und Großbritannien

Aus allen Schlüsselindustrien kommt der Appell an Bundesregierung und EU-Kommission, unbedingt die Grenzen offen zu halten und Inlandsreisen nicht zu erschweren. Hildegard Müller, Präsidentin des Automobilverbands VDA, betonte, die Hersteller seien darauf angewiesen, dass ihre Zulieferer die über ganz Europa verstreuten Fahrzeugwerke beliefern könnten.

Die Zeit der großen Sorge um die Lieferketten ist allerdings vorbei. Die Handelsexpertin der Industrieländerorganisation OECD, Marion Jansen, sagt sogar: „Es hat kein großes Lieferkettenproblem gegeben. Wo die Zulieferungen im Frühjahr eingebrochen sind, war dies ein sehr kurzzeitiges Phänomen.“ Erstaunlich viele Lieferketten hätten sehr gut sogar während der Krise funktioniert.

Entscheidend für die Schlüsselindustrien Deutschlands ist allerdings auch, wie sich die Wirtschaft in den wichtigen Handelspartnerländern entwickelt. In Großbritannien und Frankreich etwa steigen die Infektionszahlen viel stärker als hierzulande. Trotzdem: Die Wirtschaft beider Länder bleibt bisher auf Erholungskurs.

In Großbritannien würden die Unternehmen trotz Corona und Brexit „optimistisch in die Zukunft blicken“, sagte Ulrich Hoppe von der deutsch-britischen Handelskammer. Die Erholung hat sich demnach auch in Frankreich stabilisiert. „90 Prozent der Wirtschaft widerstehen auch den neuen Maßnahmen gegen Corona gut“, sagte Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau. Die übrigen zehn Prozent, Gastronomie, Luftfahrt und Auto, haben Probleme.