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Ist ein Staatsfonds eine Gefahr für die Finanzbranche?

Der Arbeitnehmerflügel der CDU, die Grünen und die Verbraucherzentralen kritisieren die Riester-Verträge als kompliziert, teuer und unrentabel. Stattdessen fordern sie ein staatlich organisiertes Standardprodukt für die Altersvorsorge. Nach der Bundestagswahl 2021 könnten diese Pläne Wirklichkeit werden. Was das für Finanzberater bedeuten könnte.

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Viele Jahre lang konnte sich die Finanzbranche bei der privaten Altersvorsorge auf ein parteiübergreifendes Netzwerk verlassen. So sorgte die Union bis zur Jahrtausendwende für die Steuerfreiheit der Kapitallebensversicherung und Gerhard Schröders rot-grüne Bundesregierung für die staatliche Förderung der nach seinem Arbeitsminister Walter Riester benannte Altersvorsorge.

Doch nun ist die Politik nicht mehr gut auf die Branche zu sprechen. „Die Versicherungswirtschaft hat uns vor der Einführung von Riester doch den Himmel auf Erden versprochen. Insbesondere die Einführung eines Standardprodukts. Passiert ist nichts. Wirklich gar nichts“, schimpft Karl-Josef Laumann, Vorsitzender des mächtigen Arbeitnehmerflügels der CDU. Laumann kritisiert einen undurchsichtigen Dschungel an Produkten, die teuer seien und zudem kaum Rendite brächten. Würde der Staat nicht Milliarden in die Förderung stecken, käme für den Bürger nichts mehr „dabei rum“. Es sei daher kein Wunder, dass die Menschen sich bei der privaten Altersvorsorge zurückhielten.

Tatsächlich stagniert seit 2016 die Anzahl der Riester-Verträge bei etwa 16 Millionen, nachdem der Absatz seit ihrer Einführung im Jahr 2001 zwischen 2005 und 2010 stark zugelegt hatte. Die Zahl der mit Abstand am meisten verkauften Produkte auf Basis von Rentenversicherungen nahm seit 2011 sogar um gut 300.000 Verträge auf 10,7 Millionen Verträge ab, während Riester-Fonds in der gleichen Zeit auf insgesamt 3,3 Millionen Policen zulegten. Die Kritik bezüglich der Intransparenz und der hohen Kosten ist bei vielen Riester-Produkten gerechtfertigt. Viele Probleme wurden von der Politik verursacht.

Teure Kapitalgarantie

So hat der Gesetzgeber den Produktanbietern die Garantie der eingezahlten Beiträge zum Rentenbeginn vorgeschrieben. Diese Garantie ist oft nur mit einem hohen Anteil von festverzinslichen Wertpapieren zu erreichen. Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat die Rendite der Garantieprodukte in der Folge extrem gedrückt. Die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) belässt es allerdings nicht bei der Generalkritik an der Riester-Rente, sondern schlägt zudem eine Alternative zu den existierenden Produkten vor. Weil die private Altersvorsorge deutlich effizienter, fairer und verbindlicher werden sollte, fordert sie die Einführung eines staatlich organisierten Standardprodukts. Dabei sollen ein gesetzlich vorgegebener Kostendeckel, der Verzicht auf Abschlusskosten und eine kostenlose Beratung der Anleger den auf dem Markt vorhandenen Produkten kräftig Konkurrenz machen.

Unerklärt bleibt von der CDA, weshalb sie ein staatlich organisiertes Standardprodukt der privaten Altersvorsorge zuordnet. Dabei ist ein Misstrauen gegenüber der staatlichen Altersvorsorge angebracht: Schließlich wurde die private Riester-Rente vom Gesetzgeber auf Initiative der Regierung Schröder eingeführt, weil die staatliche Rente allein nicht mehr ausreichte, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Da die auf dem Umlageverfahren beruhende gesetzliche Rente besonders von der Alterung der Gesellschaft betroffen ist, wurde 2005 die Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus beschlossen, die durch die staatlich geförderte private Riester-Rente kompensiert werden sollte.

Innerhalb der Großen Koalition aus Union und SPD scheint es aber aktuell keine Mehrheit für einen staatlich organisierten Altersvorsorgefonds zu geben. So spricht sich der Unternehmerflügel der Union – etwa der ehemalige Blackrock-Aufsichtsrat Friedrich Merz – zwar für eine Stärkung der Aktienanlage aus, sieht aber die Ausweitung der staatlichen Befugnisse in der Altersvorsorge eher kritisch. Dagegen kommt vonseiten der SPD eine Ablehnung gegen einen kapitalgedeckten Staatsfonds, weil die Sozialdemokraten stattdessen lieber die umlagefinanzierte gesetzliche Rente ausweiten wollen.

Ein kapitalgedeckter Staatsfonds könnte jedoch nach der nächsten Bundestagswahl im Bundestag mehrheitsfähig sein. Denn außer dem Arbeitnehmerflügel der CDU spricht sich dafür auch Bündnis 90/Die Grünen aus. „Es ist Zeit für einen Bürgerfonds“, wirbt Robert Habeck, Parteivorsitzender der Grünen. Die Bezeichnung „Bürgerfonds“ darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Habeck damit einen Staatsfonds meint und als Vorbild der weltweit größte Staatsfonds, der aus Öleinnahmen finanzierte Fonds in Norwegen, gilt.

Während dieser jedoch international breit außerhalb Norwegens vorwiegend in große Aktiengesellschaften investiert, schwebt Habeck eher ein nebulöses Zielbündel für einen deutschen Staatsfonds vor. „Der Fonds sollte allen Bürgern offenstehen und langfristig in den Umbau der Wirtschaft investieren“, so der Parteichef der Grünen. Die Bürger würden von Gewinnzuwächsen profitieren, zugleich könne der Fonds die Lage an den Finanzmärkten stabilisieren.

Die deutsche Altersvorsorgebranche ist vom Vorschlag eines staatlich organisierten Fonds alles andere als begeistert. Sie befürchtet mit der Konkurrenz eines Staatsfonds den Wegfall ihres „Brot-und-Butter-Geschäfts“. Außer Einkommens- und Existenzängsten werden auch plausible Einwände gegen einen Staatsfonds vorgebracht. „Es gibt keine empirischen Belege, dass ein Staatsfonds Kapital besser anlegt als privatwirtschaftliche Einrichtungen“, warnt Andreas Wimmer, Vorstand Firmenkunden der Allianz Lebensversicherung. Ein Staatsfonds würde als reine Beitragszusage auch Fragen der Sicherheit aufwerfen. So sei unklar, wer die Risiken von Wertschwankungen trägt oder was passiert, wenn der Fonds sich kurz vor Rentenbeginn stark negativ entwickeln sollte.

In einer gemeinsamen Stellungnahme schlugen Ende 2019 die Verbände der Versicherungswirtschaft (GDV), der Fondsgesellschaften (BVI) und der Bausparkassen stattdessen in einem Fünf-Punkte-Plan die Reform der privaten Altersvorsorge vor. Danach soll es Standardprodukte ohne komplizierte Wahlmöglichkeiten, eine simple staatliche Förderung von 50 Cent pro gespartem Euro, die Öffnung der Förderung für Selbstständige, die Lockerung der Beitragsgarantie sowie eine Vereinfachung des Zulagenverfahrens geben.

Schwedisches Vorbild

Statt der Branche mit einem Staatsfonds Konkurrenz zu machen, sollte der Staat die Förderung ausweiten und vereinfachen. Verbraucherschützer haben dafür wenig Verständnis. Sie favorisieren ebenfalls ein Standardprodukt und, um die Kosten für Sparer möglichst gering zu halten, einen staatlich organisierten Fonds nach dem Vorbild des schwedischen Staatsfonds Safa. Das Anlagerisiko aufgrund eines hohen Aktienanteils spreche nicht dagegen. „Eine einfache Strategie aus Aktien plus Umschichtung wäre deutlich besser als komplizierte Versicherungen oder der Riester-Sparstrumpf“, sagt Dorothea Mohn, Teamleiterin Finanzen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV).

Sie stützt sich dabei auf ein vom Verbraucherministerium gefördertes und vom Deutschen Bundestag veranlasstes Gutachten des Wirtschaftsinstituts ZEW in Mannheim. In der Studie „Kapitalanlage eines staatlich organisierten Altersvorsorgefonds“ plädieren die Autoren, Tabea Bucher-Koenen, Leiterin des ZEW-Forschungsbereichs „Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement“, ihr Mitarbeiters Jesper Riedler sowie Professor Martin Weber von der Universität Mannheim für einen hohen Aktienanteil. Als Vorgabe der Berechnungen wurde von einem Durchschnittsverdiener ausgegangen, der 45 Jahre vier Prozent seines Bruttoeinkommens am Kapitalmarkt investiert und im Rentenalter mit einem Entnahmeplan mit Restverrentung ab 90 über das angesparte Geld verfügt.

Auf der Grundlage historischer Renditen für Anleihen und Aktien und eines Zufallsgenerators ergibt sich bei einem reinen Aktienportfolio eine mittlere nominale Monatsrente von 5560 Euro. In den schlechtesten fünf Prozent der Simulationsfälle lag die Monatsrente unter 1650 Euro und in den besten fünf Prozent der Simulationen über 22.900 Euro. Alternativ wurden Mischportfolios, bei denen mit zunehmendem Alter der Aktienanteil nach dem Lebenszyklusmodell gesenkt wird, sowie ein Mischportfolio mit je zur Hälfte Aktien- und Rentenanteil, untersucht. Sie weisen im Durchschnitt deutlich geringere Rentenzahlungen als das reine Aktienportfolio auf, allerdings ist ihre Streuung deutlich geringer.

Die Schlussfolgerung der Gutachter: „Das Aktienportfolio mit Lebenszyklusumschichtung würde sich am besten als Standardportfolio eignen.“ Sie empfehlen also eine Art Riester-Fonds ohne Beitragsgarantie. Sie plädieren aber auch für eine Öffnungsoption für Anleger: „Man sollte Personen in Abhängigkeit ihrer Risikoeinstellung und Risikotragfähigkeit die Möglichkeit geben, von diesem Portfolio abzuweichen und riskantere oder weniger riskante Portfolios auszuwählen.“

Aus Sicht der Anleger bleibt die berechtigte Frage, warum sie dem Staat ihr Geld eher anvertrauen sollen als der Finanzbranche. Schließlich haben die Beschlüsse zur gesetzlichen Rentenversicherung der vergangenen Jahre bewiesen, dass die Parteien eine beitragsgerechte Rentenleistung gerne mal zugunsten wahltaktischer Umverteilungen für ihre Wahlklientel opfern. Anleger, die möglichst kostengünstig und breit gestreut in Aktien investieren wollen, benötigen dazu auch keinen Staatsfonds. Dies lässt sich bedarfsgerecht mit börsengehandelten ETFs verwirklichen. Sie unterliegen auch nicht dem Risiko, dass der Staat die Anlegergelder des Fonds für andere Zwecke verwenden könnte.

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