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Sprengt die Fußgängerzonen!

Schnaas, Dieter
·Lesedauer: 8 Min.

Viele Städte haben sich mit verwechselbaren Einkaufsmeilen, Shopping-Centern und „Business Districts“ zu Discountern des urbanen Lebens herabgewürdigt. Amazon und Corona beschleunigen den Ausverkauf. Besser ist es.

Am 25. September 1967 fiel der Komponist und Dirigent Pierre Boulez in einem herrlichen Interview mit dem „Spiegel“ über seine Branche her. Boulez entwürdigte Kollegen, vernichtete Intendanten, besudelte Regisseure und wünschte dem routinierten Repertoirebetrieb eines rettungslos vermufften Musiktheaters, das die immergleichen Opernleichen von Mozart-Verdi-Wagner schändete, nur noch den Tod auf den Hals: „Die teuerste Lösung wäre, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen“, sagte Boulez damals: „Aber glauben Sie nicht auch, dass dies die eleganteste wäre?“

Wären wir anno 2020 noch begabt zu Tiefenprovokation, zu reizaggressiver Konfrontation und anspruchsvollem Furor, dürfte man von Architekten und Städteplanern erwarten, dass sie sich des Boulez-Zitats bedienen und das Wort „Opernhäuser“ durch „Fußgängerzonen“, „Einkaufsmeilen“, „Shoppingcenter“, „Cities“ und „Central Business Districts“ ersetzen: Gewiss, es wäre die teuerste Lösung, sie allesamt die Luft zu sprengen, aber eben ziemlich sicher auch die eleganteste. Viele Städte haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gnadenlos selbst verbilligt, sich mit dem Bau und Erhalt von Fußgängerzonen und Ankerkaufhäusern, Großraumetagen und Dienstleistungsbüros stadtplanerisch herabgewürdigt, sich mit der Ansiedlung von Filialgeschäften und Schnellrestaurants in verwechselbaren Malls und Passagen lebensräumlich ausverkauft. Sie haben ihre Angestellten förmlich gezwungen zu amöbenhafter Nine-to-Five-Effizienz in den Funktionsarealen der Cities, ihre Verbraucher zum Vorlaufen in den konsumfixierten Hirntod - und ihre Einwohner zur feierabendlichen Selbstausbürgerung in Außenbezirke, Vorstädte, Randquartiere.

So gesehen, sind der Niedergang von Kaufhof und Karstadt, der Aufschwung des Onlinehandels und der Boom der Heimarbeit vor allem enthusiastisch zu begrüßen: Amazon und Corona beschleunigen das viel zu langsame Sterben der Warenhaus-, Einpendler- und Dienstleistungsstadt des 20. Jahrhunderts und schaffen Raum für etwas Neues - also los, worauf warten wir? Studien legen nahe, dass wir nach dem Ende der Coronakrise bis zu 30 Prozent der Büroflächen nicht mehr benötigen. Verkaufszahlen zeigen, dass das Konzept Kaufhaus und Fußgängerzone nicht mehr zieht. Und wenn der Trend zum Onlinehandel anhält, werden in den nächsten zehn Jahren viele Areale neu bebaut werden können, die heute noch mit Möbelhäusern und Riesenparkplätzen verriegelt und versiegelt sind.

Friedrich von Borries, Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, findet es daher auch „überhaupt nicht schlimm“, dass sich die Innenstädte verändern, im Gegenteil: Er sehnt sich fast herbei, dass Kaufhäuser schließen und Büroflächen veröden: Niemand brauche Fußgängerzonen und Shoppingcenter, Filialhändler und „Zweigstellen-Schaufenster, die sich um 17.30 Uhr verdunkeln“, so Borries. Die Innenstädte hätten sich mit ihrer Gesichtslosigkeit herunter konkurriert, „ihre eigene Peripherisierung betrieben“, so Borries, und weiter: Der Vormarsch des Onlinehandels habe den doppelten Vorzug, dass es im Gegensatz zu früher kein Konsumgefälle mehr zwischen Metropolen- und Kleinstadtbewohnern gebe - und dass die Städte nun endlich daran gehen könnten, sich nicht immer weiter zu verähnlichen, sondern ihr Vorzüge auszuspielen, ihren je eigenen Charakter zu finden.

Also los, so wie zuletzt vor rund 100 Jahren: „Wir bauen eine neue Stadt, (die soll die allerschönste sein)!“ - so fanfarenhaft zukunftsfroh läutete Paul Hindemith seine gleichnamige Kinderoper Ende der Zwanzigerjahre ein. Es war eine Zeit des Aufbruchs, in der Architekten und Ingenieure sich tatsächlich noch für Visionen einer besseren Welt zuständig fühlten, sich als Lebensreformer verstanden, als Schöpfer einer neuen Gesellschaft und Artisten einer Ästhetik, die den „Zusammenschluss der Künste unter den Flügeln einer großen Baukunst“ (Bruno Taut) feierte und das „ultimative Ziel aller visuellen künstlerischen Tätigkeit“ in der „Konstruktion“ sah (Walter Gropius).

Freilich, dass der hochfliegende Traum von der „Neuen Stadt“ einmal zum Albtraum werden könnte - das haben schon damals viele gesehen, und vielleicht niemand so scharf wie Oswald Spengler, der im Jahr 1922 die „Seele der Stadt“ sezierte. Für den Geschichtsphilosophen waren Städte eine Art Initialpunkt der Menschheitsentwicklung, an dem der reproduktive Kreislauf des bäuerlichen Lebens endete und die erzählbare Menschheitsgeschichte einsetzte: ein Zeit-Ort, der Gang und Sinn von „Geschichte überhaupt“ bestimmt: „Weltgeschichte ist Stadtgeschichte.“

Spengler konnte damals noch darauf vertrauen, dass jeder Leser sofort wusste, wovon er sprach: einerseits von der antiken Stadt als Ort derer, die der Natur, der agrarischen Produktion, dem Reich der Notwendigkeit enthoben waren, um sich als Politiker, Künstler, Philosophen oder Krieger hervorzutun - andererseits von der mittelalterlichen Stadt als Ort der kaufmännischen Emanzipation und Selbstorganisation, der arbeitsteiligen Ausdifferenzierung (Emile Durkheim) und „Verbrüderung“ (Max Weber) - der bürgerlichen „conjurationes“, die Gegen-Orte zu den Feudalzwängen auf dem Land konstituierten.

Klar, für einen talentierten Tragiker wie Spengler war das der ideale, sonnenhelle Hintergrund, um seine düstere Diagnose vom „Untergang des Abendlandes“ umso dramatischer in Szene setzen zu können: Der „Steinkoloss Weltstadt“ beende die Erfolgsgeschichte urbaner Emanzipationsprozesse, so Spengler: „Ich sehe - lange nach 2000 - Stadtanlagen für zehn bis zwanzig Millionen Menschen, die sich über weite Landschaften verteilen“; der Mensch werde „von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen, besessen, zu ihrem Geschöpf, ihrem ausführenden Organ“ und „endlich zu ihrem Opfer gemacht“.


„Grundlegende Reorganisation unseres sozialen Lebens“

Die meisten Zeitgenossen haben Spenglers Dystopie - der schöpferische Stadtmensch, der ein Opfer seines emanzipativen Strebens wird und sich im Moloch Stadt selbst zum Verschwinden bringt - nicht geteilt. Wohl aber haben die meisten Beobachter das grundstürzend Neue der modernen Großstadt gesehen, sie als soziale Tatsache analysiert, beschrieben und gemalt: ihre Expressivität, Nervosität und Reizflut, ihre Halt- und Ruhelosigkeit, die die Menschen dazu anhält, Distanz zu wahren, sich als höflich-isolierte Individuen mit Neutralität, Interesselosigkeit und „Blasiertheit“ zu begegnen (Georg Simmel). Und Walter Benjamin erfand die Sozialfigur des „Flaneurs“, der sich in lichtdurchfluteten Passagen zugleich verliert und findet, der sich vor den neuen Schaufensterfronten als Adressat kollektivpsychologischer Versprechen erfährt, verdinglicht zur Ware und verführt zur warenförmigen Selbstanreicherung - und der sich als einsamer Individualist lustvoll spiegelt und verirrt im Geflecht der eigenen und fremden Blicke.

Und heute? Für Martina Löw, Professorin für Architektur- und Planungssoziologie an der TU Berlin, ist klar, dass mit „Amazon“ und „Corona“ einmal mehr eine umfassende Reorganisation des städtischen Raums einhergehen wird, dass die produktive, digitalisierte, grüne, fahrradgerechte Stadt der Zukunft nicht viel gemein haben wird mit den „nervösen“ Städten der Weimarer Republik oder den funktionalisierten Dienstleistungscities, Fußgängerzonen, Parkplätzen und Massenkonsumtempeln, die unser gesellschaftliches Selbstbild als Wirtschaftswunderkinder nach dem Zweiten Weltkrieg gleichsam „bestädtigt“ haben. Junge Leute liefen heute mit ihren digitalen Endgeräten vor den Augen durch die Straßen, um Medien zu konsumieren statt Schaufenster, seien „gewissermaßen blind auf den Straßen unterwegs“. Außerdem ersetze die Videokonferenz künftig das Kaffeehausgespräch, der Spaziergang im Wohnviertel am Stadtrand das Geschäftsessen in der Innenstadt: „Was hier stattfindet“, sagt Löw, „ist nichts weniger als eine grundlegende Reorganisation unseres sozialen Lebens. Unser Begriff und unser Gefühl dessen, was eine Stadt ist und auszeichnet, ändert sich gerade von Grund auf.“

Für Löw ist der Berliner Kudamm ein Beispiel dafür, wie „Stadt“ schon jenseits von Einkaufstrasse und Business-Distrikt funktionieren kann: als Kondensat des geselligen Lebens - mit Restaurants, Hotels, Galerien, Theatern, Programmkinos und Start-up-Büros, kurz: als ein Ort, der von Menschen „tags und nachts angesteuert wird“. Räume zu schaffen mit Kreuzungspunkten und Knoten; Plätze für Begegnungen, „jenseits der Verwechselbarkeit, die durchaus auch etwas Reibung erzeugen dürfen im Ensemble des Bestands“, sagt Löw, darum ginge es: um die „Charakterbildung einer Stadt“. Friedrich von Borries bringt die urbane Zukunft auf die Formel der „produktiven Stadt“ - und er versteht darunter einen Raum der Mischquartiere mit Werkstätten, Büros, Cafés und personalisierten Ladenlokalen, in denen die Bürger wohnen, arbeiten und konsumieren, sich gut und gern und rund um die Uhr aufhalten: „Wenn schon Stadttouristen in Berlin es in diese Viertel zieht – warum sollte es ausgerechnet Berliner dann noch zum Potsdamer Platz ziehen?“

Gute Frage. Denn das ist die vielleicht die größte Sünde vieler Kommunalpolitiker in den vergangenen zwanzig Jahren: dass sie der Auffassung waren, ihre Stadt müsse vor allem Touristen gefallen - und nicht so sehr ihren Bewohnern. Dass sie ihre Stadt als globale Marke positionierten - und den dauernden Wert des lokalen Marktplatzes unterschätzten. Man könnte es die „Strategie der Entertainment-Architektur“ nennen: Frank O. Gehry brachte Mitte der Neunzigerjahre im nordspanischen Bilbao die Architektur zum Tanzen und avancierte damit zum Pionier eines Städtewettbewerbs um Aufmerksamkeit. Der sprichwörtlich gewordene „Bilbao-Effekt“ prämierte eine Bauproduktion, die auf demonstrativ verblüffende, überwältigende Wirkungen abzielte: wackelnde Wände, schiefe Ebenen, spektakuläre Karambolagen - eine Architektur im Dienst der Werbung, deren Aufgabe darin bestand, einprägsame Logos zu schaffen, Wunschbilder städtischer Identität: „Seht her, so bin ich!“ Der „fotografische Blick“, so Martina Löw, wurde auf diese Weise „zum dominanten Blick in der Stadtwahrnehmung“ - „für Investoren“ wohlgemerkt und „für Touristen“: Stadtpolitik als „Bildpolitik“, denn anders als früher bereisten Besucher Städte heute nicht mehr, um ihre Attraktionen vor Ort und im Original zu bestaunen, sondern um sich das fotografisch und filmisch Vorab-Bestaunte vor Ort und im Original bestätigen zu lassen. Die Folgen waren ein Wettbewerb der Überspanntheiten und eine Serienfabrikation von Solitären, waren eine Originalitätssucht und ein Kreativitätsstress, den die Planer bei der Gestaltung von gemischten Stadtquartieren für ihre Bewohner allzu oft vermissen ließen.

Also los, noch einmal - worauf warten wir? Klagen wir nicht über Amazon, freuen wir uns über das Ende der Business-Cities mit ihren öden Großraumbüros, nehmen wir die Stadt wieder in Besitz - und sprengen, nun ja: wenigstens gedanklich, die Fußgängerzonen!

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