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Spahn verspricht Freiheiten für Geimpfte - Menschen zweifeln am Tempo

·Lesedauer: 4 Min.

BERLIN (dpa-AFX) - Vollständig gegen Corona Geimpfte sollen nach Willen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) genauso wie Negativgetestete schneller Freiheiten beim Einkaufen und Reisen zurückerhalten. Getestete und Geimpfte hätten dieselben Möglichkeiten, bekräftigte Spahn am Montag in Berlin. Gegenüber der "Bild am Sonntag" hatte er sich zuvor auf eine Auswertung neuester Erkenntnisse durch das Robert Koch-Institut (RKI) bezogen: Demnach sei das Übertragungsrisiko zwei Wochen nach der zweiten Impfung wahrscheinlich sogar geringer als nach einem negativen Schnelltests von symptomlosen Infizierten.

Spahn betonte, auch für vollständig Geimpfte würden in der aktuellen Pandemiephase Corona-Regeln wie Abstand, Hygiene und Schutzmasken weiterhin gelten. "Denn sowohl der tagesaktuelle Test als auch die vollständige Impfung reduzieren das Infektionsrisiko zwar deutlich, aber sie geben keine hundertprozentige Sicherheit davor, andere zu infizieren", sagte er am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Länder mit höherer Impfquote wie Chile, Großbritannien oder die USA zeigten, dass Kontaktbeschränkungen weiter notwendig seien, sagte er am Montag bei einem Besuch des Impfzentrums Messe in Berlin.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident und CDU-Chef Armin Laschet (CDU) sprach sich für ein Impfen "unter Hochdruck" aus. Das Impfen bleibe die stärkste Waffe. Noch vor Beginn der Sommerferien werde deutlich mehr als die Hälfte der Deutschen mindestens ein Mal geimpft sein, sagte der CDU-Chef am Ostermontag nach dem Besuch eines Impfzentrums der Städteregion Aachen.

Wie viele Menschen wie schnell beide für den vollständigen Schutz nötige Impfdosen der bislang verwendeten Vakzine erhalten, wird hingegen debattiert. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, plädieren für einen Strategiewechsel: Die Zweitimpfungen sollten weiter verzögert werden, um möglichst viele Erstimpfungen zu ermöglichen und damit die Zahl schwerer Verläufe zu senken, sagten sie der "Augsburger Allgemeinen" (Dienstag).

Wenn der Abstand zur Zweitimpfung bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech <US09075V1026>/Pfizer und Moderna <US60770K1079> von sechs auf zwölf Wochen verlängert würde, könnten bis Juli über 60 Millionen Menschen in Deutschland erstgeimpft sein, sagte Lauterbach der Zeitung. "Wenn wir jetzt unsere Strategie wechseln und auf möglichst viele Erstimpfungen ausrichten, wird kein vierter Lockdown mehr nötig sein." Lauterbach verwies auf Erfahrungen aus Großbritannien sowie Modellrechnungen, wonach so "weit über 10 000" Todesfälle verhindert werden könnten.

Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut hatte zunächst für das Biontech/Pfizer-Mittel einen Abstand von drei bis sechs Wochen empfohlen, für den Moderna-Impfstoff vier bis sechs Wochen. In einem Entwurf vom 1. April zur Aktualisierung der Empfehlungen ist nun von einer zweiten Dosis nach sechs Wochen die Rede - so sei "sowohl eine sehr gute individuelle Schutzwirkung als auch ein größerer Effekt der Impfung auf Bevölkerungsebene zu erzielen".

In der Bevölkerung herrscht dagegen Skepsis, bis Ende des Sommers überhaupt eine Impfung zu erhalten. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur erwartet nur knapp ein Viertel (23 Prozent), dass das Ziel eingehalten wird, bis zum 21. September jedem Impfwilligen eine Corona-Impfung anzubieten. 62 Prozent rechnen nicht damit. 15 Prozent machten keine Angaben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat mehrfach angekündigt, bis Herbstbeginn allen impfwilligen Erwachsenen in Deutschland ein entsprechendes Angebot machen zu wollen.

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums vom Samstag sind gut zwölf Prozent der Deutschen mindestens einmal geimpft worden - mehr als zehn Millionen Bürgerinnen und Bürger. 4,3 Millionen Menschen haben demnach bereits die zweite Impfung erhalten. Nach Ostern sollen Impfungen auch in bundesweit 35 000 Hausarztpraxen starten und dort allmählich hochgefahren werden. Später sollen auch Fachärzte, Privatärzte und Betriebsärzte mitimpfen.

In dem RKI-Bericht an Spahns Ministerium, der auch der dpa vorliegt und über den die "Bild am Sonntag" zuerst berichtet hatte, heißt es: "Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist das Risiko einer Virusübertragung durch Personen, die vollständig geimpft wurden, spätestens zum Zeitpunkt ab dem 15. Tag nach Gabe der zweiten Impfdosis geringer als bei Vorliegen eines negativen Antigen-Schnelltests bei symptomlosen infizierten Personen." Das Risiko einer Übertragung erscheine "nach gegenwärtigem Kenntnisstand in dem Maß reduziert, dass Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung wahrscheinlich keine wesentliche Rolle mehr spielen".