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So retten digitale Weltreisen einen Spielwarenhändler

·Lesedauer: 4 Min.

Auf Events im Laden muss Heinz Lehmann derzeit verzichten. Sein Geld verdient er nun mit virtuellen Spieleabenden. Das kommt bei Firmen gut an.

Rein in den Flieger und raus in die weite Welt: nach Dublin und Las Vegas, nach Rio und Marrakesch. Rein virtuell natürlich, wegen Corona. Aus der Not heraus fängt Heinz Lehmann gerade an, digitale Weltreisen zu organisieren.

Denn das Virus sorgt dafür, dass der Spielwarenhändler aus Hannover auf Events in diesen Tagen komplett verzichten muss. Von Spieleabenden in seinem Laden jedoch lebt der Kaufmann seit einigen Jahren. Die Regale sind zwar voller Lego-Packungen und Rutschautos. Der Verkauf würde aber nicht reichen, betont Lehmann: „Rein mit dem Spielwarenhandel lässt sich nichts mehr verdienen.“

Daher hat der gebürtige Schwabe schon im Frühjahr während der ersten Coronawelle angefangen, eine Onlinealternative zu den Veranstaltungen vor Ort zu entwickeln. Dabei lädt er Gruppen per Zoom ein, zweieinhalb Stunden lang miteinander zu spielen. Vor der Kulisse eines Pubs in Irland veranstaltet Lehmann ein Quiz, in Nevada dürfen die Gäste Kartenkombinationen erraten, in Sydney geht es zu wie einst im Fernsehen bei den Montagsmalern.

Geantwortet wird stets über die Kommentarfunktion des Videodienstes Zoom, mehrere Spielleiter in wechselnden Kostümen führen launig durch den Abend. Natürlich gibt es am Ende auch einen Gewinner. Das kommt gut an, gerade erst hat ein Team des Versicherers HDI einen Abend bei Lehmann und seinen Kollegen verbracht.

Wegen des Virus werden die Weihnachtsfeiern in Lokalen ausfallen. Daher rechnet der 70-Jährige mit einer guten Resonanz auf sein neues Angebot in den nächsten Wochen.

Lehmann war schon immer ein Pionier der Spielwarenbranche hierzulande. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Nach der Wende hat er reihenweise Geschäfte in Ostdeutschland gekauft. 1994 stieg er als einer der Ersten in den Onlinehandel mit Spielzeug ein. Viel zu früh, wie er sich hinterher eingestehen musste. Inzwischen ist der joviale Unternehmer mit seinem Erlebnisladen wieder ein Vorreiter. Kaum jemand setzt so sehr auf Veranstaltungen wie Lehmann.

Der erfahrene Verkäufer hat gute Gründe für seine Strategie. Die Spielwarenläden vor Ort sterben zusehends. Auch Lehmann selbst gab seinen Store in der City auf und zog weiter raus. Der Konkurrenzkampf wurde schon vor der Pandemie jedes Jahr härter. Die Deutschen kaufen immer häufiger im Netz ein. Vor sieben Jahren lag der Onlineanteil bei rund einem Viertel. Vergangenes Jahr waren es über 40 Prozent, 2020 dürfte es noch mehr werden. Gleichzeitig ging der Anteil des stationären Handels von knapp 40 Prozent auf weniger als 30 Prozent zurück.

Für die Händler heißt das: Sie müssen sich überlegen, ob sie in ein wettbewerbsfähiges Onlineangebot investieren. Nur dann profitieren sie vom Internetboom. Andererseits ist es zwingend nötig, die Läden attraktiver zu machen. Eine beliebige Kundenveranstaltung anzusetzen reiche nicht aus, warnt Wieland Sulzer, Vorsitzender des Handelsverbands Spielwaren. Es müsse professionell und fantasievoll sein – und mit Herzblut: „Die Leute sind anspruchsvoller geworden.“

Etwa 3000 Spielwarenläden gebe es von Flensburg bis Garmisch, sagt Steffen Kahnt, Geschäftsführer des Handelsverbands Spielwaren. Jedes Jahr aber würden es 100 weniger.

Mehr als 8000 Gäste in einem Jahr

Lehmann hatte mit den Events einen Weg gefunden zu überleben. Mehr als 8000 Gäste begrüßte er 2019. Vor Weihnachten hätte er die Leute vergangenes Jahr sogar in zwei Schichten bespaßt. Bis zu 96 Teilnehmer drängten sich dann jeweils in seinem Geschäft. Bei 45 Euro Gebühr pro Person eine einträgliche Sache. Umso schlimmer für Lehmann, dass das Business ausgerechnet jetzt ruht, in der wichtigsten Zeit des Jahres.

Mit seinem Digital-Vorstoß sorgt Lehmann für Aufsehen in der Branche. Auch, weil er im Spätsommer, gemeinsam mit der Fachzeitschrift „Planet Toys“, an einem Abend die führenden Köpfe der deutschen Spielwarenbranche auf seinen Digitaltrip geschickt hat. Ernst Kick war dabei, der Chef der Nürnberger Spielwarenmesse, Ulrich Brobeil, Geschäftsführer des Verbands der Spielwarenindustrie, und auch Funktionär Kahnt. Sie alle äußerten sich hinterher sehr angetan von dem Konzept.

Firmen können sich einen eigenen Abend für 1200 Euro sichern, einzelne Spieler sind mit 15 Euro dabei. „Ich hätte es nie gedacht, aber da ist richtig viel Emotion drin“, meint Lehmann. Zumindest einen Teil seiner Ausfälle will er damit ausgleichen. Ob daraus langfristig ein Geschäft wird, müsse sich zeigen. Auf die Veranstaltungen im Laden will er trotzdem auch zukünftig nicht verzichten. „Normal wird es erst, wenn wir wieder mit den Events anfangen dürfen.“