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Die Skisaison ist in Gefahr – Wintersportbranche hofft auf offene Pisten im Dezember

·Lesedauer: 7 Min.

Hoteliers, Sporthändler und Skilehrer könnten davon profitieren, dass die Deutschen Auslandsreisen meiden. Es könnte aber auch ganz anders kommen.

Die Hotelbesitzer im Allgäu werben damit, dass die Urlauber unter sich bleiben können. Foto: dpa
Die Hotelbesitzer im Allgäu werben damit, dass die Urlauber unter sich bleiben können. Foto: dpa

Schneit es? Oder bleiben Hänge und Wiesen grün? Für Egon Hirt war das bislang die einzig entscheidende Frage. Denn Skier und Snowboards verkauft der Sporthändler aus Titisee-Neustadt nur, wenn die Pisten präpariert und die Loipen gespurt sind. Dieses Jahr stellt sich der Kaufmann aber noch eine ganz andere Frage: Dürfen die Gäste in der Coronakrise überhaupt in den Schwarzwald kommen? Und wenn es gestattet ist: Haben die Leute Lust darauf?

„Der Feldberg ist ein großer Anziehungspunkt, wir leben vom Massentourismus“, sagt Hirt, der drei Sportgeschäfte im Südschwarzwald betreibt. Die anstehende Saison könnte für Hirt und die Region rund um die höchste Erhebung im Südwesten besonders gut laufen: Denn wie schon im Sommer dürften viele Deutsche den Trip ins Ausland scheuen.

So wie Sporthändler Hirt geht es hierzulande auch Hoteliers und Skiherstellern, den Vermietern von Ferienwohnungen von Garmisch bis ins Sauerland und den Skischulen: Sie hoffen nach dem Ende der Corona-Beschränkungen im November auf eine glänzende Wintersaison. Schließlich sind Fernreisen so gut wie unmöglich. Gleichzeitig müssen sie sich aber auch darauf einstellen, dass sie womöglich gar kein Geschäft machen – dann nämlich, wenn die Infektionen überhandnehmen und der sogenannte Lockdown light über die nächsten vier Wochen hinaus gelten sollte.

„Wir fahren alle auf Sicht“, fasst es Sybille Wiedenmann zusammen, die Geschäftsführerin der Pro Allgäu GmbH. In der Marketingkooperation haben sich 80 Hotels aus dem Allgäu zusammengeschlossen – Häuser mit drei bis fünf Sternen. Normalerweise würden die Gäste ihre Ferien zwei, drei Monate im Voraus buchen, sagt die Managerin. Zuletzt seien es häufig nur noch zwei Wochen gewesen. Wenn überhaupt. Angesichts der sich über Wochen ständig ändernden Regeln seien die Besucher höchst verunsichert. „Die Telefone klingeln Tag und Nacht“, berichtet Wiedenmann.

Dabei habe sich den Sommer über gezeigt, dass die Leute sicher und entspannt Ferien im Allgäu verbringen könnten. „Wir haben großzügige Hotels mit sehr viel Raum“, sagt Wiedenmann. „Häufig kann man direkt von der Haustür aus die Aktivitäten starten.“ Zudem kämen die Urlauber eher nicht ins Allgäu, weil sie große Skigebiete suchten oder zum Après-Ski wollten. Vielmehr seien Winterwandern, Langlauf oder Schneeschuh-Touren angesagt – all das, was in Zeiten von Social Distancing angeraten sei. Beste Voraussetzungen im Grunde – „wenn wir denn aufmachen dürfen“, so Wiedenmann.

Das ist durchaus nicht selbstverständlich, selbst wenn die bundesweiten Verbote wie geplant Ende des Monats vorbei sein sollten. Im Berchtesgadener Land waren die Hotels jüngst gezwungen, alle Gäste nach Hause zu schicken. Rund 2500 Besucher mussten den südöstlichsten Zipfel der Bundesrepublik Mitte Oktober quasi über Nacht verlassen, als dort die Infektionszahlen dramatisch nach oben kletterten. Nur Geschäftsreisende durften bleiben.

Die Deutschen entdecken den Urlaub zu Hause

Dabei hätten Millionen Menschen den Urlaub im eigenen Land gerade erst für sich entdeckt, sagt Wiedenmann. Mehr als die Hälfte der Gäste habe diesen Sommer zum ersten Mal überhaupt in den Hotels im Allgäu übernachtet. Das sei eine riesige Chance gewesen, die eigene Qualität zu beweisen. Diese Kunden gelte es jetzt zu halten und neue Inlandstouristen anzulocken.

Ob das überhaupt möglich sein wird? „Ich hoffe, dass sich alles stabilisiert“, sagt Peter Hennekes, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Skilehrerverbands. Bleibt es über Weihnachten und Neujahr bei den bundesweiten Einschränkungen, wäre das eine Katastrophe für seine Mitglieder. Die meisten Skilehrer sind Freiberufler. Stehen die Lifte still, verdienen sie keinen Cent. Der Manager hat deshalb schon im Mai begonnen, Konzepte für die neue Wintersaison zu erarbeiten. „Es geht darum, den Sport in den Fokus zu rücken, wir wollen die Verbindung zum Partytourismus aufbrechen“, erläutert Hennekes.

Um Lehrer und Gäste zu schützen, empfiehlt Hennekes vor allem kleinere Gruppen. Mehr als acht Schüler sollen es pro Kurs nicht mehr sein. Außerdem sollen alle stets Mund und Nase bedecken – außer bei der Abfahrt selbst. In den Gondeln sollen sich die Sportler mit dem Rücken zueinander platzieren und die Hauben der Sessellifte bleiben offen; zumindest wenn es nach Hennekes geht. Und die urigen Skihütten? „Es wird über Zelte nachgedacht, wo man sich aufwärmen kann“, sagt der Verbandsfunktionär.

Corona ist für die Skilehrer eine weitere Herausforderung in einem ohnehin schwierigen Umfeld. Für viele Familien ist der Sport längst zu teuer geworden. Eine Tageskarte in einem der größeren Skigebiete schlägt mit gut 50 Euro zu Buche. Angesichts vieler schneearmer Winter in den Mittelgebirgen haben zudem viele Sportler, insbesondere aus dem Norden, das Skifahren aufgegeben.

Günstiger wird der Sport auch im nächsten Winter nicht – im Gegenteil: Am Feldberg würden dieses Jahr keine Saisonkarten verkauft, ärgert sich Sporthändler Hirt. Das verteuere das Hobby vor allem für diejenigen, die gerne und viel auf den Brettern stehen – also seine Stammkunden. Darüber hinaus seien Tageskarten nur online erhältlich. Viele Leute gingen aber sehr spontan auf die Piste, so Hirt.

Zudem trübt noch ein anderer Umstand die Vorfreude der Branche auf den nächsten Winter: die unsichere wirtschaftliche Lage. Wer um seinen Job bangt, der legt sich nicht unbedingt neue Ausrüstung zu. „Ich erwarte eine schwere Wintersportsaison“, sagt Uvex-Chef Michael Winter. Der Mittelständler ist einer der bekanntesten Hersteller von Skihelmen und Skibrillen hierzulande.

Skifahren sei zwar nach wie vor attraktiv, findet der Unternehmer aus Fürth. „Das wird nicht der Schneeschmelze zum Opfer fallen.“ Aber: „Die Lager der Händler sind voll und die der Wettbewerber auch.“ Das liegt daran, dass letzte Saison vielerorts kaum Schnee lag und die Skigebiete wegen Corona bereits Mitte März in den Tiefschlaf fielen. Daher sei ein Preiskampf zu erwarten, fürchtet Winter.

Radhelme statt Skibrillen

Der Franke bemüht sich seit Jahren, weniger abhängig von den Skifahrern zu werden. Mit Erfolg: Das Geschäft mit Radhelmen boomt, und auch der Reitsport ist stabil. „Damit können wir den Rückgang im Wintersport überkompensieren“, betont Winter. Drei Viertel vom Umsatz erzielt er ohnehin im Arbeitsschutz, einem Bereich, der momentan gefragt ist wie nie: Die Produktion von Schutzbrillen ist ausgelastet bis zum nächsten Sommer.

Von einer solch langfristigen Perspektive kann Michael Beckmann momentan nur träumen. „Normalerweise buchen die Menschen ihre Zimmer in den Weihnachtsferien gleich fürs nächste Jahr“, sagt der Geschäftsführer der Wirtschafts- und Tourismusförderung Winterberg. Doch wer weiß schon, ob die Gäste dieses Jahr an Heiligabend überhaupt in den Wintersportort im Hochsauerland reisen dürfen? Die Hoteliers und Besitzer von Ferienwohnungen können momentan genauso wenig planen wie ihre Kunden.

Immerhin: Vermieter und Gastronomen in der 12.000-Einwohner-Gemeinde haben den Sommer und Herbst über gut verdient. Es ist also ein gewisser Puffer für schwere Zeiten vorhanden. „Seit Juli lagen wir immer über Vorjahr“, bilanziert Beckmann. „Die Leute haben den Drang, rauszugehen. Das hält bis heute an.“

Nun sind die Einheimischen erst einmal unter sich. Es können höchstens Tagesgäste vorbeikommen. Das ist für Winterberg verkraftbar, schließlich ist der November ohnehin ein schwacher Monat, in dem viele Betriebe routinemäßig eine Pause einlegen. So ganz nachvollziehen kann Beckmann die von Bund und Ländern angeordneten Hotel-Schließungen allerdings nicht – zumindest nicht mit Blick auf seinen Ort: Der Tourismus habe in den vergangenen Monaten keinesfalls dazu geführt, dass sich das Coronavirus verbreitet habe. Wochenlang sei in der Kleinstadt kein einziger Fall verzeichnet worden.

Ganz unbeschwert wird das Vergnügen nicht

Für Winterberg ist es enorm wichtig, dass die Gäste in den Weihnachtsferien zurückkehren dürfen. Insgesamt hängen 4000 Jobs am Fremdenverkehr, vom Handwerker bis zum Zimmermädchen leben die Leute von den Urlaubern.

Ganz unbeschwerte Ferien werden die Sportler keinesfalls verbringen, so viel steht schon fest. Denn selbst wenn sich das Skikarussell ab Dezember wie geplant dreht, müssen die Leute Abstand halten – und die Betreiber dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Dafür werde Security-Personal eingesetzt, erklärt Beckmann.

Der Manager wird die Schlangen an den Aufstiegshilfen genau im Blick behalten. Denn Beckmann wurde jüngst zum Bürgermeister gewählt, am 1. November tritt er sein Amt an. Damit untersteht ihm auch das Ordnungsamt, das nächsten Winter erstmals nicht nur Strafzettel verteilen, sondern auch renitenten Skifahrern Einhalt gebieten muss.

Das aber wäre für den Neubürgermeister Beckmann das kleinere Übel. Viel schlimmer wäre es, wenn alles so still bleibt wie in diesen Tagen.

Die meisten Skilehrer sind Freiberufler. Sie verdienen nur Geld, wenn Skikurse stattfinden. Foto: dpa
Die meisten Skilehrer sind Freiberufler. Sie verdienen nur Geld, wenn Skikurse stattfinden. Foto: dpa
Wenn es gut läuft, werden sich die Gäste wieder ab Mitte Dezember auf den Pisten in Winterberg vergnügen. Foto: dpa
Wenn es gut läuft, werden sich die Gäste wieder ab Mitte Dezember auf den Pisten in Winterberg vergnügen. Foto: dpa