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Siemens Energy macht Verluste – und verkündet Kohleausstieg light

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Die Zahlen des ersten Geschäftsjahres fallen bei der Siemens-Abspaltung rot aus. Kurz nach dem Börsengang zeigt sich CEO Bruch allerdings zufrieden.

Nach heftigen Protesten von Klimaaktivisten und kritischen Fragen von Investoren hat die neue Siemens Energy sich auf einen teilweisen Kohleausstieg festgelegt. Die Siemens-Abspaltung beteiligt sich ab sofort nicht mehr an neuen Ausschreibungen für ausschließlich mit Kohle befeuerte Kraftwerksprojekte. „Das Geschäft ist ein profitables. Der Schritt tut uns weh“, sagte Vorstandschef Christian Bruch am Dienstag in München.

Allerdings handelt es sich um einen Kohleausstieg light. Siemens Energy will bestehende Verpflichtungen inklusive verbindlicher Angebote erfüllen. Das gilt zum Beispiel auch für die von Umweltschützern heftig kritisierten geplanten neuen Kohlekraft-Meiler Jawa 9 und 10 in Indonesien. „Das globale Energiesystem wird nicht über Nacht klimaneutral werden, auch wenn wir das alle wollen“, sagte Bruch. Gefragt seien Übergangslösungen. Das margenstarke Servicegeschäft für bestehende Kohlekraftwerke will Siemens Energy ebenfalls weiterführen.

Siemens hatte sich im Zuge eines Spin-offs von seinen Energietechnikgeschäften getrennt. Ende September startete das neue Unternehmen an der Börse. Siemens will sich auf die margenstärkeren Digitalgeschäfte und die Healthineers konzentrieren.

Die Zahlen des Geschäftsjahres 2019/20 (30. September) zeigten, dass noch viel Arbeit vor Siemens-Energy-CEO Bruch liegt. Der Umsatz des neuen Konzerns sank um fünf Prozent auf 27,5 Milliarden Euro. Damit lag Siemens Energy am unteren Ende der prognostizierten Spanne. Unter dem Strich stand wegen Abschreibungen und hoher Restrukturierungskosten ein Verlust von knapp 1,9 Milliarden Euro. Auch vor allen Sondereffekten war das Unternehmen mit einem bereinigten operativen Ergebnis von minus 17 Millionen Euro knapp in den roten Zahlen.

Vorstandschef Bruch zeigte sich insgesamt dennoch zufrieden: „Wir haben unsere Ziele für das Geschäftsjahr 2020 vollständig erreicht.“ Das Team habe die großen Herausforderungen – Börsengang, Optimierung des Portfolios und schwieriges wirtschaftliches Umfeld – gemeistert. Die Aktie sank am Dienstag allerdings zwischenzeitlich um drei Prozent auf 20,50 Euro.

Die Prognose für das neue Geschäftsjahr 2020/21 bestätigte Bruch. Der Umsatz soll nominal zwischen zwei und zwölf Prozent wachsen. Die angepasste operative Umsatzrendite vor Sondereffekten wird zwischen drei und fünf Prozent erwartet. Wann Siemens Energy unter dem Strich wieder schwarze Zahlen schreibt, ließ er offen.

Kohleausstieg von Märkten gefordert

Ein dominierendes Thema in den Anfangsmonaten des neuen Konzerns war die Kohle. Siemens-Energy-Aufsichtsratschef Joe Kaeser hatte das Management im Frühjahr aufgefordert, „zügig einen Stakeholder-gerechten Plan zum Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Kohle vorzulegen“. Dieser Ausstiegsplan werde „verantwortungsvoller sein, als manche Aktivisten das einseitig fordern, aber sicher konsequenter, als Zögerlinge dies für notwendig halten“, sagte Kaeser.

Klimaaktivisten begrüßten den nun verkündeten Teilrückzug von Siemens Energy zwar grundsätzlich. „Der Bau neuer Kohlekraftwerke ist mit den Klimazielen von Paris unvereinbar“, sagte Regine Richter von der Initiative Urgewald.

Allerdings gehe der Schritt von Siemens Energy nicht weit genug. Das Unternehmen betone, dass mit seiner Technik die Effizienz von Kohlekraftwerken erhöht und damit Kohlendioxidemissionen reduziert werden könnten. So könne sich Siemens über eine Hintertür noch „viel Geschäft etwa bei der Nachbesserung von existierenden Kraftwerken“ sichern. Auch das sei aber nicht mit den Klimazielen vereinbar, Kohlekraftwerke müssten schnellstmöglich abgeschaltet werden.

Auch wenn Bruch betonte, dass die Kohleaktivitäten profitabel sind: Wirtschaftlich ist das Thema für Siemens Energy überschaubar. Das Neugeschäft mit Kohlekraftwerken dürfte laut Branchenschätzungen deutlich weniger als eine von insgesamt 27,5 Milliarden Euro Umsatz ausmachen.

Mit der Entscheidung folgt Siemens Energy den Märkten. Auch wenn der Energiehunger der Welt immer größer wird, wendet sich nicht nur Deutschland auf längere Sicht von der Kohle ab. 2019 wurden 16 Prozent weniger Kohlekraftwerkskapazitäten geplant und gebaut als noch ein Jahr zuvor.

Zwar ist die Anzahl der Kohlekraftwerke im vergangenen Jahr insgesamt gestiegen – das geht allerdings auf einen einmaligen Genehmigungsboom in China zurück. Ohne die Volksrepublik schrumpften die globalen Kapazitäten bereits das vierte Jahr in Folge.

In 33 Ländern ist der Ausstieg aus der fossilen Verstromung mittlerweile beschlossene Sache. Noch dazu wird Kohle mit Blick auf die sinkenden Ölpreise, einen steigenden CO2-Preis und immer günstiger werdende Erneuerbare schlicht unrentabel. So nahm Spanien die Hälfte seiner Kohlekraftwerke vom Netz. Polen wiederum will bis 2049 seine Kohlebergwerke schließen. Auch der Siemens-Rivale General Electric hatte Ende September angekündigt, in Zukunft keine neuen Aufträge für Kohleaufträge mehr annehmen zu wollen.

Die Kohleaktivitäten waren vor diesem Hintergrund nicht nur für Klimaaktivisten Thema, sondern auch für Investoren. Denn viele Fonds bevorzugen nachhaltige Firmen. „Siemens Energy wird als grünes Unternehmen vermarktet, obwohl noch sehr viel fossile Energietechnik darin steckt“, hatte zum Beispiel Portfoliomanagerin Vera Diehl von Union Investment gesagt. Das Management werde sich daran messen lassen müssen, wie es mit den „fossilen Altlasten“ umgeht.

Nun, da das heikle Kohlethema geklärt ist, will sich CEO Bruch ganz auf die Verbesserung der Profitabilität konzentrieren. Im vergangenen Geschäftsjahr drückten sowohl operative Verluste bei Siemens Gamesa und in der Kraftwerkssparte als auch hohe Abschreibungen auf das Geschäft mit aeroderivativen Gasturbinen.

Auf die Frage, ob die Abschreibungen nicht besser vor der Abspaltung bei Siemens hätten erfolgen sollen, verwies Bruch auf die aktuelle Marktlage, die sich auf absehbare Zeit auch nicht verbessern werde.