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Schwere Zeiten für Big Oil – Ölkonzerne müssen sich neuen Realitäten anpassen

Die großen Ölkonzerne haben ihre Zahlen vorgelegt und machen zum ersten Mal wieder weniger Gewinn als im Vorjahr. Das könnte auch erst einmal so bleiben.

Mit Rekordgewinnen ist es für die Ölbranche erst einmal vorbei.  Foto: dpa

Lange gab es für die erfolgsverwöhnte Ölbranche nur einen Weg – nach oben. Die Ölpreiskrise von 2014 brachte die Milliardenindustrie erstmals gehörig ins Wanken. Da läuteten viele schon das jähe Ende des Ölzeitalters ein. Vor zwei Jahren aber schien die Krise schließlich überwunden.

Big Oil feierte sein Comeback, mit rekordverdächtigen Gewinnen und profitabler als vor der Krise. Aber die Jubellaune scheint nur von kurzer Dauer zu sein. 2019 war für die fünf Großen Exxon Mobil, Chevron, Shell, BP und Total alles andere als ein Rekordjahr. Und die nächsten Jahre dürfte es kaum besser werden.

2019 haben die Supermajors zwar mit 1,2 Billionen Dollar fast genauso viel umgesetzt wie im Vorjahr, dabei aber knapp 40 Prozent weniger Gewinn eingefahren. Der schrumpfte von mehr als 80 Milliarden Dollar auf nun mehr 48,9 Milliarden Dollar.

Am heftigsten traf es den US-Riesen Chevron. Der rutschte wegen einer enormen Abschreibung mit einem Verlust von 6,6 Milliarden Dollar im vierten Quartal sogar in die roten Zahlen. Das Ergebnis für das Gesamtjahr brach in der Folge um 80 Prozent ein. 

„2019 war kein besonders gutes Jahr für die Ölkonzerne. Das liegt maßgeblich an einem niedrigeren Ölpreis und den ebenso niedrigen Gaspreisen“, sagt Ölexperte Walter Pfeiffer von der Unternehmensberatung Roland Berger. Und auch dieses Jahr sind die Aussichten eher trüb, „es könnte sogar noch schwieriger werden“.

Vor zehn Jahren hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass die fossile Industrie heute mehr Öl produziert als die Welt verbraucht. Aber genau das ist ein Grund für die durchwachsenen Ergebnisse der Multis: Es ist zu viel Öl auf dem Markt und das drückt auf den Preis. Der ist pro Barrel der Sorte Brent innerhalb von einem Jahr um fast 20 Prozent gefallen. 

Zusätzlicher Druck kommt nun auch noch aus China. Dort hat der Ausbruch des Coronavirus und dessen Folgen die Nachfrage nach dem schwarzen Gold schon jetzt um schätzungsweise 20 Prozent am Tag einbrechen lassen. „In der ersten Jahreshälfte werden die Nicht-Opec-Länder 2,1 Millionen Barrel mehr pro Tag fördern. Selbst wenn die Opec-Mitglieder ihre Fördermengen also weiterhin um 1,7 Millionen Barrel pro Tag runterfahren, gibt es einen Überfluss an neuem Öl“, prophezeit die unabhängige Expertin Cornelia Meyer. Der Ölpreis dürfte also erst einmal auf einem niedrigeren Niveau bleiben.

Das ist allerdings nicht das einzige Problem von Big Oil. Zum ersten Mal seit drei Jahren verbuchten die Multis in allen Geschäftsbereichen weniger Gewinn als im Vorjahr. Das liegt auch an den historisch niedrigen Gaspreisen. Es gibt nicht nur zu viel Öl auf den Weltmärkten, auch das Gasangebot übersteigt die Nachfrage derzeit bei Weitem. 

Besonders stark trifft es das viel gehypte Flüssigerdgas, kurz LNG (Liquefied Natural Gas). „Hier gab es einen Preiseinbruch um circa 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dies wirkt sich natürlich auf die Gewinnspanne der Öl- und Gaskonzerne aus“, erklärt Experte Pfeiffer. Aber wie so oft gilt auch hier die Devise: Die Masse macht’s.

Die französische Total verkaufte fast 60 Prozent mehr LNG als noch ein Jahr zuvor und beschränkte so trotz niedriger Preise den Verlust ihrer Gas-Sparte auf nur ein Prozent. Das kleinste Mitglied des Quintetts schnitt übrigens auch insgesamt am besten ab: Der Pariser Konzern verbuchte 2019 lediglich einen Gewinnverlust von einem Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 

Bei der britisch-niederländischen Konkurrenz sieht es nicht ganz so gut aus: Shell machte 33 Prozent weniger Profit als 2018, profitierte aber ebenfalls von dem Geschäft mit Flüssigerdgas. „Die niedrigen Öl- und Gaspreise und die schwächelnde Weltwirtschaft konnten zum Teil durch den gestiegenen Verkauf von LNG ausgeglichen werden“, heißt es in der Bilanz. 

Den großen Nachfrageboom für das verflüssigte Gas erwartet Pfeiffer allerdings erst in drei Jahren. Dann rechne man auch damit, dass die Nachfrage das Angebot auf dem Markt übersteigen werde, was die Preise langfristig gesehen wieder nach oben befördern dürfte. Deswegen investierte Big Oil trotz mauer Ergebnisse im vergangenen Jahr kräftig weiter in den Ausbau Sparte.

Kriselnde Weltwirtschaft setzt der Ölbranche zu

Auch die schwächelnde Weltwirtschaft macht sich in den Ergebnissen der fossilen Branche langsam bemerkbar und setzt vor allem den Margen im Chemiebereich ordentlich zu. Auch Konzerne wie BASF kämpfen mit Einbußen und der Handelsstreit zwischen den USA und China hat die Nachfrage nach Kunststoffen gedrückt, mit direkten Auswirkungen für die Ölmultis. Besonders deutlich wird das bei Exxon Mobil. Der Gewinn im Bereich „Chemicals“ brach 2019 um ganze 84 Prozent auf nur noch 592 Millionen Dollar ein.

Nach der Ölpreiskrise vor fünf Jahren haben die Konzerne angefangen, sich breiter aufzustellen, auch um sich besser für die Zeit nach dem Boom zu wappnen, der laut Berechnungen von BP schon 2040 zu Ende sein könnte. Als Teil dieser Strategie bauen die Ölriesen nicht nur das Gassegment aus, sondern investieren auch kräftig im Bereich der Petrochemie, wo Rohbenzin zur Herstellung von Kunststoff gebraucht wird.

Schon bis 2020 steigt die weltweite Nachfrage nach Erdölprodukten nur um etwas mehr als ein Prozent, im gleichen Zeitraum rechnet die Petrobranche damit, dass die Nachfrage nach Polymeren, also nach Kunststoff und Plastik, jährlich mehr als drei Prozent wachsen wird. „Manche Ölkonzerne wissen, dass wir in Zukunft weniger Öl verbrennen werden, aber die Nachfrage trotzdem weiter wächst. Sie investieren also da, wo sich die Nachfrage hin verschiebt – in die Petrochemie“, erklärt Pfeiffer.

Dass die Ölkonzerne sich breiter aufstellen müssen, wenn sie auch in Zukunft noch eine Rolle auf dem Energiemarkt spielen wollen, steht außer Frage. Mit mehr Investitionen in Gas, Petrochemie und ein bisschen alternativen Energien versuchen die behäbigen Riesen sich jetzt an die neuen Realitäten anzupassen. Wenn das vergangene Jahr jedoch eines gezeigt hat, dann, dass das alles andere als leicht wird.