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Evonik spürt Corona-Belastungen – profitiert aber auch vom Virus

Der Spezialchemiekonzern rechnet mit Einbußen von 30 Millionen Euro. Der Run auf Desinfektionsmittel hilft den Essenern jedoch.

2019 hat Evonik einen operativen Ertrag von 2,153 Milliarden Euro eingefahren. Foto: dpa

Am frühen Mittwochmorgen bekam Evonik-Chef Christian Kullmann auf der Fahrt zur Arbeit nach Essen einen Anruf von seiner Frau. „Schatz, ich bin im Supermarkt“, sagte sie. „Ja, Schatz, wie schön“, antwortete Kullmann. „Schatz, die Regale hier sind leer. Und als ich eben husten musste, bekam ich böse Blicke zugeworfen.“

Diesen Dialog gab Kullmann am Mittwoch auf der Bilanzpressekonferenz des Essener Spezialchemiekonzerns in freien Worten wieder, als es um das Thema Coronavirus ging. „Man sieht, das Virus ist bei uns angekommen“, sagte er. Bislang verzeichne man bei Evonik keinen einzigen Infektionsfall, aber es werde Auswirkungen auf das Geschäft geben. „Wir sind gut beraten, für 2020 nur einen vorsichtigen Ausblick zu wagen.“

Im vergangenen Jahr hat Evonik seine operativen Versprechen eingehalten und einen stabilen bereinigten Gewinn von 2,15 Milliarden Euro ausgewiesen. Darüber zeigte sich Kullmann mit Blick auf die schwierige Konjunkturlage sichtlich stolz. Der Umsatz ging nur leicht auf 13,1 Milliarden Euro zurück.

Beides traf genau die Erwartungen der Börse, die Evonik-Aktie legte bis Mittag um 2,5 Prozent auf 23,25 Euro zu. Auch im laufenden Jahr will Kullmann verlässlich bleiben und prognostiziert für den bereinigten Gewinn eine Spanne zwischen 2,0 und 2,3 Milliarden Euro bei stabilem Umsatz.

Darin sind die absehbaren direkten Folgen durch die globale Corona-Krise bereits enthalten. Die bisherige Belastung durch das Virus beziffert Evonik auf 30 Millionen Euro, ausgelöst etwa durch Logistikprobleme und gesunkene Nachfrage. Da ist deutlich weniger als etwa beim Kunststoffhersteller Covestro, der einen Betrag von 60 Millionen Euro nannte. Beim BASF-Konzern werden die direkten finanziellen Einbußen auf 400 Millionen Euro geschätzt.

Bedeutender für alle Chemiefirmen ist aber, wie sich die Konjunktur in China und in wichtigen Kundenindustrien wie etwa der Automobilindustrie entwickelt. BASF, Covestro und Evonik beliefern die Fahrzeughersteller etwa mit Kunststoffen sowie Zusätzen für Schmierstoffe und Lacke.

Evonik produziert Wirkstoffe für Desinfektionsmittel

Der erwartete Absatzeinbruch im chinesischen Automarkt zu Jahresbeginn hat sich durch Corona noch einmal deutlich verstärkt. Im Februar wurden nach neuesten Angaben 80 Prozent weniger Neuwagen verkauft. Das verheißt nichts Gutes. Evonik-Vorstand Harald Schwager geht aber davon aus, dass die Automobilindustrie im zweiten Quartal zu dem Ende 2019 erwarteten Takt zurückkehren wird.

Für Evonik selbst rechnet Schwager damit, dass der Konzern bei Corona-Belastungen nach dem ersten Quartal aus dem „Gröbsten“ raus sei. Ob die chinesische Konjunktur danach zur großen Nachholwelle ansetzt, darüber zeigt er sich skeptisch. „Ein Lippenstift, der im ersten Quartal nicht aufgetragen wurde, wir im zweiten Quartal nicht zweimal aufgetragen“, sagte Schwager. Evonik stellt Effektstoffe für Kosmetik her.

Auf der anderen Seite profitiert der Essener Konzern auch von den Folgen der Lungenkrankheit. Evonik produziert Wirkstoffe für Desinfektionsmittel. Laut CEO Kullmann gibt es seit Wochen einen regelrechten Run auf die Produkte. Die Essener haben das Desinfektionsgeschäft jüngst mit der Übernahme der US-Firma Peroxychem noch ausgebaut. Deren Reinigungsprodukte werden aber eher in der Industrie eingesetzt.

Die internationalen Produktionsketten von Evonik auch in Europa und den USA hat die Viruskrise bisher noch nicht beeinträchtigt. Im täglichen Arbeitsleben hingegen sind Spuren sichtbar: Die globale Führungskräfte-Tagung des Essener Konzerns wurde ebenso abgesagt wie das anstehende Treffen der Betriebsräte. Auf Messen verzichtet man wann immer möglich. An den chinesischen Standorten dürfen in den Kantinen die Mitarbeiter nur einzeln an den Tischen sitzen.

Aus Sicht von Vorstandschef Kullmann war schon das vergangene Jahr keines für „Schönwetterkapitäne“. „Wir mussten kräftig rudern, um auf Kurs zu bleiben“, sagte er. 2020 werde nicht weniger herausfordernd – allerdings nicht nur wegen des Coronavirus, sondern weil auch die Risiken aus Handelskonflikten und Geopolitik akut blieben und die Spuren einer Industrierezession erkennbar seien.

„In dieser Situation müssen wir weiter handeln“, sagte Kullmann. Damit meinte er nicht allein den geschärften Blick auf die Kosten. Auch der Konzernumbau werde ohne Pause weitergehen, das sei dem Wandel der Märkte geschuldet. „Wer Ruhe erwartet, braucht nicht zu Evonik zu kommen“, sagte der Vorstandsvorsitzende.

Die unsichere konjunkturelle Lage dürfte vor allem die Basischemiegeschäfte der Essener treffen, während in dem robusteren Spezialitätengeschäft wie den Nahrungszusätzen, Additiven und Kunststoffen weiteres Wachstum erwartet wird.

Konzernstruktur wird verändert

In der Basischemie könnten bei Evonik auch weitere Verkäufe anstehen. „Strategisch wollen wir uns weiter auf weniger zyklische und kapitalintensive Geschäfte konzentrieren, etwa auf robust wachsende und für Nachhaltigkeit wichtige Produkte“, erläuterte Kullmann. Das derzeitige Verhältnis von 80 Prozent Spezialchemie und 20 Prozent Massengeschäft soll sich weiter in Richtung Spezialitäten verändern.

Im vergangenen Jahr hat Evonik sich bereits vom Massengeschäft mit Plexiglas getrennt. Die Einheit ging für drei Milliarden Euro an den Finanzinvestor Advent. Ob und wann weitere Verkäufe geplant sind, dazu wollte sich Kullmann nicht äußern. Das in der Sparte Performance Materials gebündelten Basisgeschäft sollen erstmal auf mehr Effizienz getrimmt werden.

Seit 2017 hat Evonik mit mehreren Übernahmen die margenstärkere Spezialchemie ausgebaut, vor allem durch den Kauf des Additivgeschäfts vom US-Gasekonzern Air Products für 3,8 Milliarden Dollar. Additive sind Zusatzstoffe, die die Eigenschaften und Wirkungen beispielsweise von Lacken, Kunststoffen und Schmiermitteln verbessern.

Dieser Umbau soll sich nun auch in der Konzernstruktur abbilden. Zum 1. Juli 2020 werden die bisherigen drei Segmente in vier neue Divisionen überführt: Specialty Additives, Nutrition & Care (Inhaltsstoffe für Ernährung und Kosmetik), Smart Materials (Kunststoffe, 3D-Druck) sowie Performance Materials (Zwischenprodukte für die Gummi-, Kunststoff- und Agroindustrie).

Die neuen Divisionen sollen homogene und schlanke Einheiten für gemeinsame Endmärkte bilden. Beim Umbau fällt eine komplette Verwaltungsebene weg: Unterhalb des Konzerns waren die bisher drei Einheiten als GmbHs mit Geschäftsführung, Aufsichtsrat und Stababteilungen organisiert. Darunter kamen die operativen Business Units.

Künftig sollen die Zwischen-GmbHs entfallen und die Managementfunktionen entweder in die Konzernabteilungen oder direkt an die Business Units angebunden werden. Davon sind laut Evonik 150 Stellen betroffen. Den Mitarbeitern würde Jobs an anderer Stelle angeboten. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei den Essenern ausgeschlossen.