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„Gravierender als die Weltfinanzkrise“: Experten erwarten Zunahme der Überschuldungen

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Die Zahl der Verbraucher, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können, ist auf Jahressicht leicht gesunken. Doch das wird sich ändern, glaubt Creditreform.

Creditreform hat am Dienstag den „Schuldneratlas Deutschland 2020“ veröffentlicht. Foto: dpa
Creditreform hat am Dienstag den „Schuldneratlas Deutschland 2020“ veröffentlicht. Foto: dpa

Die Zahl der überschuldeten Privatpersonen in Deutschland hat sich nach Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform innerhalb eines Jahres um 69.000 auf 6,85 Millionen verringert. Die Überschuldungsquote, also der Anteil überschuldeter Personen im Verhältnis zu allen Erwachsenen in Deutschland, sank zwischen Mai 2019 und Mai 2020 leicht auf 9,9 Prozent und lag damit erstmals seit vier Jahren unter der Zehn-Prozent-Marke.

Als überschuldet gilt ein Verbraucher dann, wenn er seinen Zahlungsverpflichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht nachkommen kann.

„Der vermeintlich positive Befund ist allerdings kein Zeichen der Entspannung“, sagte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, anlässlich der Vorstellung des „Schuldneratlas Deutschland 2020“.

Als die Ausmaße der Coronakrise sichtbar wurden, setzte die Politik viele Hebel in Bewegung, um die Folgen für Unternehmen und Beschäftigte erträglich zu gestalten, beispielsweise durch Kreditstundungen. Zudem schränkten Verbraucher ihre Ausgaben ein und sparten vermehrt. Analysen der Sparkassen-Finanzgruppe zeigten, dass in einzelnen Monaten dieses Jahres die Sparrate auf rund 20 Prozent anzog – rund eine Verdoppelung zum sonstigen Durchschnitt.

Aber ein Ende der Krise, die mit wachsender Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit einhergeht, sei angesichts des ansteigenden Infektionsgeschehens nicht absehbar. Unterm Strich stuft Creditreform die langfristigen Perspektiven für die Überschuldungsentwicklung als besorgniserregend ein. Die Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Verbraucher „werden gravierender sein als die der Weltfinanzkrise 2008 und 2009“, glaubt Hantzsch.

„Rund 700.000 Menschen haben zwischenzeitlich ihren Arbeitsplatz verloren, 7,3 Millionen Menschen waren oder sind in Kurzarbeit, und viele Menschen mit geringem Einkommen können ihrer selbstständigen oder teilberuflichen Tätigkeit nicht nachgehen“, ergänzt Stephan Vila, Geschäftsführer von Creditreform Boniversum.

Wachsendes Problem der Altersarmut

Die Corona-Pandemie bewirke insbesondere bei Geringverdienern gravierende Einkommenseinbußen, die oft auch prekär beschäftigt sind und von arbeitsmarktpolitischen Instrumenten wie Kurzarbeit kaum profitieren, heißt es.

Dramatisch gestiegen ist die Zahl der Senioren, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Seit 2013 habe sich die Zahl der überschuldeten Verbraucher im Alter ab 70 Jahren mehr als vervierfacht – auf mittlerweile rund 470.000 Betroffene, zeigen die Creditreform-Zahlen.

Allein zwölf Monaten zwischen Mai 2019 und Mai 2020 stieg die Zahl der überschuldeten Senioren ab 70 Jahren der Studie zufolge um 23 Prozent. Parallel erhöhte sich in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen die Zahl der Überschuldungsfälle um 13 Prozent auf rund 725.000. „Das Phänomen der Altersüberschuldung gewinnt noch stärker als in den Vorjahren an Bedeutung“, warnte der Geschäftsführer von Creditreform Boniversum, Michael Goy-Yun.

Die Gründe für die wachsende Altersarmut sind nach Einschätzung der Experten vielfältig. Einerseits machen sich nach früheren Angaben von Creditreform die Rentenreformen der vergangenen Jahrzehnte bemerkbar, die fast durchweg auf eine Kürzung des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente abgezielt hätten.

Außerdem wirkten sich die wachsende Zahl unsteter Erwerbsbiografien und das Anwachsen des Niedriglohnsektors aus. Auch der zum Teil dramatische Anstieg der Mieten spiele eine Rolle. Allerdings sind Überschuldungsfälle bei Senioren nach wie vor deutlich seltener als bei jüngeren Verbrauchern.

Altersarmut sei jedoch besonders schwerwiegend, betonten die Experten von Creditreform. Während jüngere Menschen Armut häufig als vorübergehende Lebensphase begriffen und über ein Perspektive verfügten, sich aus ihrer schwierigen Situation herauszuarbeiten, sei das bei älteren Menschen in der Regel nicht mehr der Fall. Mit dem Eintritt in den Ruhestand sinke die Chance älterer Menschen drastisch, ihre ökonomische Lage zu verbessern. Verschärft werde das Problem dadurch, dass die Betroffenen oft ihnen zustehende Sozialleistungen nicht in Anspruch nähmen.

Auch Freiberufler und Soloselbstständige, die von den Folgen der Pandemie besonders betroffen sind, sind durch Überschuldung gefährdet.

Creditreform steht mit seiner Prognose nicht allein. Das Institut für Finanzdienstleistungen (IFF) hatte schon im Sommer darauf hingewiesen, dass sich das Thema Überschuldung zu einem der größten Folgeprobleme der Coronakrise entwickeln wird. Untersuchungen aus dem vergangenen Jahr zeigten, dass in 42 Prozent der Fälle die Betroffenen durch unvorhersehbare und nicht zu beeinflussende Ereignisse in die Verschuldungssituation geraten waren. Verantwortlich waren insbesondere Arbeitslosigkeit, Krankheit, Trennung oder der Tod des Partners.

In 18 Prozent der Fälle war „vermeidbares Verhalten“ Auslöser für die Verschuldung. Einkommensarmut schlug mit zwölf Prozent zu Buche, zudem war in jedem zehnten Fall eine gescheiterte Selbstständigkeit Grund für die Überschuldung.

Mit Agenturmaterial von dpa.