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Scholz stemmt sich bei Siemens-Termin gegen Deindustrialisierung

(Bloomberg) -- Bundeskanzler Olaf Scholz bietet sich angesichts anhaltender Kapitalabflüsse aus Deutschland und schleichender Deindustrialisierung eine goldene Gelegenheit, die Werbetrommel für den Standort zu rühren: Die Siemens AG, Europas größter Industriekonzern, stellt am heutigen Donnerstag eine neue Investition im Süden des Landes vor.

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Scholz wird gemeinsam mit Vorstandschef Roland Busch im Siemens-Werk in Erlangen den deutschen Anteil am weltweiten Investitionskuchen des Konzerns vorstellen. Der ist 2 Milliarden Euro groß und umfasst den Ausbau der Hightech-Fertigung in Asien, Europa und den USA.

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Der Sozialdemokrat und seine Ampelkoalition sehen sich mit düsteren Warnungen von Lobbygruppen und Ökonomen über die längerfristigen Aussichten für die verarbeitende Industrie konfrontiert. Hohe Energiepreise, ein lähmender Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und Subventionen in den USA und Asien drohen die industrielle Basis des Landes zu untergraben. Mehr als 135 Milliarden Euro an Direktinvestitionen flossen im vergangenen Jahr aus Deutschland ab, während nur 10,5 Milliarden Euro hereinkamen — ein “alarmierender” Trend, wie das Institut der Deutschen Wirtschaft feststellt.

In der gesamten deutschen Industrie ist der Druck zu spüren. Der Chemiegigant BASF SE hat an seinem Hauptstandort Ludwigshafen eine Reihe energieintensiver Anlagen stillgelegt. Gleichzeitig haben billigere Energie und lukrative US-Subventionen für grüne Technologien Europa in die Defensive gedrängt.

Für Scholz ist die Siemens-Investition ein dringend benötigtes Symbol für Deutschland als Standort zukunftsorientierter Unternehmen. Siemens hat sich zu einem Unternehmen gewandelt, das auf softwaregesteuerte Produkte mit höheren Margen setzt, wie zum Beispiel Geräte für die Fabrikautomation und intelligente Infrastrukturen, die Industriekunden helfen, ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Diese Verlagerung hat die Gewinne in den letzten Jahren befeuert.

Erlangen ist der größte Standort von Siemens weltweit. Er beherbergt nicht nur Forschung und Entwicklung, sondern auch große Teile der Bereiche Zugbau, Mobilitätslösungen und intelligente Infrastruktur. Auch die ausgegliederte Gesundheitssparte Siemens Healthineers hat dort ihren Sitz, sie stellt Geräte für die medizinische Bildgebung her. Siemens hat bereits angekündigt, ehemalige Forschungseinrichtungen in der bayerischen Stadt bis Mitte der 2030er Jahre in einen 540.000 Quadratmeter großen Campus für mehr als 20.000 Mitarbeiter umzubauen.

Von seinem weltweiten Investitionsplan in Höhe von 2 Milliarden Euro hat Siemens bereits 340 Millionen Euro für Fabriken in Singapur und China und rund 200 Millionen Euro für den Ausbau der Zugbereichs in den USA vorgesehen. Im Vergleich zu anderen von Scholz beworbenen Investitionen in Deutschland wird die Erlanger Investitionssumme damit eher bescheiden ausfallen.

Im Juni nahm der Kanzler an der feierlichen Unterzeichnung einer Vereinbarung mit der Intel Corp. über den Bau einer Halbleiterfabrik in Magdeburg im Wert von 30 Milliarden Euro teil — ein Projekt, das rund 10 Milliarden Euro an deutschen Fördermitteln umfasst. Im Mai empfing die Infineon Technologies AG Scholz zum ersten Spatenstich für eine 5 Milliarden Euro teure Chipfabrik in Dresden. Und im Februar traf sich Scholz mit führenden Vertretern aus Wirtschaft und Politik im Saarland, um einen 3-Milliarden-Dollar-Deal zwischen dem Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen und dem US-Halbleiterhersteller Wolfspeed Inc. zur Herstellung von Chips für Elektrofahrzeuge zu feiern.

Es gibt jedoch nur wenige Anzeichen dafür, dass die Reihe von Geschäftsabschlüssen ausgereicht hat, um die Dynamik zu Gunsten Deutschlands zu verändern. Die Industrieproduktion ist in diesem Jahr weiter gesunken, und mit ihr das Vertrauen der Investoren. Unter Politikern und Führungskräften wächst die Besorgnis, dass die Wirtschaft länger als erwartet braucht, um sich von der Winterrezession zu erholen.

Überschrift des Artikels im Original:Scholz Embraces Siemens in Bid to Stem Exodus of German Money

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