Deutsche Märkte öffnen in 4 Stunden 23 Minuten

Nun schlägt die Stunde der Sanierer

Das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen ist von der Coronakrise hart getroffen. Jetzt hoffen die Dealmaker auf Restrukturierungen und Notverkäufe.

Das weltweite Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M & A) leidet ganz besonders unter der Coronakrise. Im bisherigen Jahresverlauf ist das globale Volumen in der „Königsdisziplin“ des Investmentbankings um rund die Hälfte auf etwa eine Billion Dollar eingebrochen, geht aus Zahlen von Dealogic hervor.

Der deutsche Markt verzeichnete von Januar bis Juni zwar ein Plus von sieben Prozent, das lag aber nur an der Mega-Übernahme des Aufzugsgeschäfts von Thyssen-Krupp durch Finanzinvestoren im Wert von gut 17 Milliarden Euro sowie weiteren großen Deals in den ersten beiden Monaten.

Das zweite Quartal brachte dann auch bei den Transaktionen mit deutscher Beteiligung den niedrigsten Wert seit fast einem Jahrzehnt, berichtet der Informationsdienstleister Refinitiv.

„Seit Anfang Mai sehen wir eine deutliche Belebung des M & A-Geschäfts. Wir gehen dennoch davon aus, dass das Volumen zum Ende des Jahres rund 20 bis 30 Prozent unter Vorjahr liegen wird“, sagt Birger Berendes, der das M & A-Geschäft im deutschsprachigen Raum für die Bank of America leitet.

Die Pleitewelle kommt

Die Investmentbanker sehen aber nicht nur den Schaden durch Corona, etwa in Form von geplatzten Deals oder angehaltenen Verkaufsprozessen. Sie wittern auch wieder Chancen.

Vor allem die erwartete Pleitewelle ab dem dritten und vierten Quartal dieses Jahres ist für die Beschäftigten und die Unternehmen zwar katastrophal, gleichzeitig ergeben sich aber neue Chancen für Käufe und Verkäufe von Firmen.

„Auf Deutschland rollt im zweiten Halbjahr die größte Insolvenzwelle der Nachkriegsgeschichte zu – trotz der Interventionen von staatlicher Seite und durch die Europäische Zentralbank.

Typischerweise überleben angeschlagene Firmen noch einige Monate nach dem Einsetzen einer Krise, um dann vielfach in die Insolvenz zu schlittern oder in wenigen Fällen in Treuhandstrukturen aufgefangen zu werden“, sagt Rainer Langel, Europachef der australischen Investmentbank Macquarie in Frankfurt.

Er fügt hinzu: „Wir werden in den nächsten sechs Monaten viel Distressed M & A sehen, wie die Fachleute dazu sagen. Es geht dabei um den Versuch der Eigentümer, durch Notverkäufe zu retten, was noch zu retten ist.“

Während in guten Zeiten Wachstum und die Übernahme von Wettbewerbern die Themen sind, stehen in Krisenzeiten Sanierungsfälle im Fokus der Dealmaker. „Unternehmen mit geringen Liquiditätsreserven werden leider in vielen Fällen nicht wieder auf die Beine kommen“, sagt Langel.

Bei den Branchen, die sich im Krisenmodus befänden, handele es sich etwa um Autozulieferer sowie Firmen aus dem exportabhängigen Maschinen- und Anlagenbau und dem Einzelhandel. Betroffen seien auch Tourismus, Gastronomie, Messebau sowie das Eventgewerbe und Kinos.

Langel: „Meist arbeiten die Firmen in Branchen mit engen Gewinnmargen und hohen Fixkosten. Bei stark sinkender Auslastung, wie sie jetzt erlebt wird, fallen Verluste an.“

Die Liquidität werde schrittweise aufgebraucht. Not-Kapitalerhöhungen als Gegenmaßnahme funktionierten selten, denn es fehle die Bereitschaft der Kapitalgeber mitzuziehen.

Im Mai ist die Zahl der Firmenpleiten einer Statistik des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zufolge weiter gestiegen. 1019 Personen- und Kapitalgesellschaften in Deutschland und damit 70 mehr als im Vormonat April hätten sich insolvent gemeldet, errechnete das IWH.

Die Zahlen spiegelten lediglich den Anfang der Krise wider, erklärte das Institut. Das ganze Ausmaß der Pleitewelle werde erst in den kommenden Monaten sichtbar. Auch nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform droht Deutschland eine Insolvenzwelle von bisher nicht gekanntem Ausmaß.

Es könne einen Anstieg der Firmenpleiten um bis zu 20 Prozent geben, sagte der Hauptgeschäftsführer von Creditreform, Volker Ulbricht. Dann werden nach Einschätzung vieler Investmentbanker die Restrukturierungen und Notverkäufe ein wesentlicher Faktor bei den M & A-Überlegungen.

„Restrukturierungen werden in der zweiten Hälfte des dritten Quartals an Fahrt aufnehmen. Dann wird gerade in problematischen Branchen wie etwa im Bereich Konsum und Automobilbau klarer, wie stark Corona das Geschäft schädigt“, sagt Jens Kengelbach, der bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) das weltweite M & A-Geschäft verantwortet.

„Im aktuellen Abschwung sehen drei Viertel von 400 befragten M & A-Spezialisten Chancen bei Fusionen und Übernahmen. Allerdings sind 85 Prozent nicht vorbereitet“, setzt er hinzu. Bei laufenden M & A-Deals mussten laut BCG 73 Prozent der Befragten Bewertungsanpassungen vornehmen, oder sie seien zumindest damit konfrontiert worden.

Durch einen Verkauf von Unternehmensteilen können sich Firmen laut Kengelbach Zeit erkaufen, bis die Konjunktur wieder anspringt. Aber es gibt noch weitere Motive, die eher strategischer Natur sind. In der Krise entstünden durch Konsolidierung die Champions von morgen, wie die Erfahrung gezeigt habe.

Unternehmen, die noch freie Verschuldungskapazitäten und Cashflow hätten, besäßen beste Chancen, als Gewinner aus der Krise hervorzugehen. „Aggressive feindliche Übernahmen sind nicht zu erwarten“, glaubt Kengelbach.

Ein Problem sind nach Ansicht vieler Marktteilnehmer aber die Bewertungen. Sie liegen fast wieder auf Vorkrisenniveau. In einigen Bereichen wie der Softwarebranche oder bei IT-Dienstleistern sind die Bewertungen überhaupt nicht nach unten korrigiert worden.

„Im vierten Quartal können die M & A-Transaktionen wieder anlaufen. Allerdings werden die Transaktionen noch selektiv in stabilen Branchen erfolgen, etwa im Bereich Infrastruktur“, so die Einschätzung von Kengelbach. Wie in der Finanzkrise werde voraussichtlich eher mit Geld als mit eigenen Aktien bezahlt.

Milliarden liegen herum

Zu den aktiven Spielern werden die Private-Equity-Fonds zählen, die auf vielen Milliarden „dry powder“, noch nicht investiertem Kapital, sitzen. „Die Finanzinvestoren kommen nach dem Sommer zurück.

„Bisher haben sie rund ein Viertel der Transaktionsvolumina bestritten, hier erwarten wir einen weiteren Anstieg“, sagt Patrik Czornik, Deutschlandchef für M & A bei der US-Großbank JP Morgan.

Finanzinvestoren wie beispielsweise KKR, EQT oder Carlyle sammeln Milliarden von institutionellen Investoren ein, darunter befinden sich Pensionskassen, Versorgungswerke und Versicherungen.

Mit dem Kapital kaufen sie Mittelständler, Konzernteile oder Minderheitsbeteiligungen an Firmen. Nach einer mehrjährigen Haltedauer und Restrukturierung werden die Unternehmen weiterverkauft oder an die Börse gebracht.

Ein Beispiel für den Wagemut der Finanzinvestoren in der Krise gab KKR. Im Mai vereinbarte das Private-Equity-Haus den Erwerb der Beauty-Marken Wella und Clairol vom US-amerikanischen Kosmetikunternehmen Coty.

Das Dealvolumen: 4,3 Milliarden Dollar. Wegen der Coronakrise sei die Preisfindung bei vielen Deals aber schwierig, deshalb warteten die meisten Marktteilnehmer auf die Zahlen für das zweite Quartal, sagt Czornik. Vor sechs bis acht Wochen habe noch die Liquiditätssicherung dominiert, jetzt komme es wieder zum „strategischen Dialog“ über Zukäufe.

Macquarie-Manager Langel sieht die Finanzinvestoren auch auf der Verkäuferseite. Sie veräußerten Unternehmen aus stabilen Branchen, um ordentliche Preise zu erzielen und das Geld ihren Investoren zur Verfügung zu stellen. Diese könnten es in schwierigen Zeiten in der Regel gut gebrauchen.

Zu den gefragten Bereichen zählten Software, Pharma und die Gesundheitsbranche sowie stabile Unternehmen etwa aus dem Sektor Infrastruktur und aus weiten Teilen der Servicebranche.

Handele es sich um zyklische Unternehmen, dann müssten diese im Normalfall um weitere zwei bis drei Jahre gehalten werden. „Die Beteiligungshäuser müssen warten, bis die Preise wieder auf Vorkrisenniveau angestiegen sind, um einen Gewinn zu erzielen. Und die letzten drei bis vier Jahre waren teure Jahre. Ein Verkauf von zyklischen Unternehmen erfolgt derzeit nur, wenn es keine Alternative gibt“, sagt Langel.

Berendes von der Bank of America kann sich auch wieder milliardenschwere Deals vorstellen, wenn auch noch nicht im zweistelligen Bereich: „In Sektoren, die großen Herausforderungen gegenüberstehen wie beispielsweise Automobilbau, Medien, Technologie und Versorger, erwarten wir weiterhin Aktivität inklusive größerer Transaktionen.

Aussichtsreich seien vor allem Deals von bis zu fünf Milliarden Volumen. Er und andere Profis rechnen mit einer Rückbesinnung auf den europäischen Markt sowie regionale Transaktionen.

Bundesregierung wehrt Übernahmen ab

Transatlantische Deals werden dagegen zurückgehen. Ein Grund dafür ist die stärkere Einmischung der Regierungen in Deutschland und den USA, wenn es um innovative Technologieunternehmen geht.

Vor wenigen Tagen erst hatte die Bundesregierung beispielsweise den Einstieg beim Impfstoffhersteller Curevac verkündet, um eine Übernahme abwehren zu können. Dafür nimmt sie 300 Millionen Euro in die Hand.

„Wir schreiben weder vor, wie geforscht wird, noch wie die Forschungsergebnisse verwertet werden. Wir wollen verhindern, dass Unruhe entsteht dadurch, dass ständig über Übernahmen durch andere Unternehmen spekuliert wird“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Donnerstag.

„Bei grenzüberschreitenden Transaktionen in Richtung USA sehen wir aktuell weniger Aktivität. Generell wird die Globalisierung zurückgefahren, was eher Deals mit regionalem Bezug fördert“, sagt Berendes. Auch die Deals unter chinesischer Beteiligung haben deutlich abgenommen und werden auf absehbare Zeit auch rar bleiben.

Auch die aktivistischen Aktionäre werden sich wieder stärker einmischen. „Wir erwarten eine weitere Normalisierung des Geschäfts ab Herbst und rechnen ab dann auch wieder mit Konzernabspaltungen und Transaktionen, auch auf Druck von aktivistischen Aktionären“, meint Berendes.

Da sich die Finanzmärkte wieder erholt haben, suchten Aktivisten derzeit wieder systematisch nach Gelegenheiten auf dem deutschen Markt. Diese Investoren filtern in ihren Analysen solche Unternehmen heraus, deren Aktienkurs gegenüber der Vergleichsgruppe schwächelt.

Außerdem fordern sie meistens eine Fokussierung auf das Kerngeschäft und mischen sich in die Strategie des Vorstands ein, wie zuletzt der Finanzinvestor Cerberus bei der Commerzbank.

Mit den nachlassenden Schwankungen der Aktienkurse rücken auch wieder Reprivatisierungen von Unternehmen in das Blickfeld der M & A-Banker. Branchenbeobachter können sich hier noch in diesem Jahr ein bis zwei große Transaktionen vorstellen, bei denen Gesellschaften vom Kurszettel verschwinden, vorzugsweise aus dem MDax und SDax.

„Wir gehen davon aus, dass es wieder sogenannte Public-to-Private-Transaktionen geben wird, bei denen Unternehmen von der Börse genommen werden. Die entsprechenden Transaktionen dürften ein Volumen zwischen einer und drei Milliarden Euro erreichen“, sagt Berendes.

Doch trotz des aufkeimenden Optimismus der Investmentbanker brauchen sie für die Erholung des Geschäfts voraussichtlich einen langen Atem. Nach der Finanzkrise 2008 hat es gut vier Jahre gedauert, bis wieder das M & A-Volumen aus der Vorkrisenzeit erreicht war.