Deutsche Märkte öffnen in 4 Stunden 49 Minuten

SCHAEFFLER IM FOKUS: Elektromobilität als Weg aus der Krise?

·Lesedauer: 6 Min.

HERZOGENAURACH (dpa-AFX) - Beim Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler <DE000SHA0159> machen sich die Folgen der Corona-Krise und die anhaltend maue Autokonjunktur deutlich bemerkbar. Zuletzt rutschte der SDax-Konzern <DE0009653386> aus Herzogenaurach zwei Quartale in Folge unter dem Strich in die Verlustzone. Bis Ende 2022 wollen die Franken nun vor allem in Deutschland Tausende weitere Stellen abbauen. Zudem hat Schaeffler kürzlich die Voraussetzungen für eine Kapitalerhöhung geschaffen. Was beim Unternehmen los ist, wie Analysten die Perspektiven bewerten und wie sich die Aktie schlägt.

DAS IST LOS BEI SCHAEFFLER:

Schaeffler steckt im Umbau. Der Spezialist für Kupplungen, Getriebe und Wälzlager befindet sich mitten im Schwenk zur Elektromobilität. Mit Investitionen soll der Wandel vorangetrieben werden. Nicht zuletzt deshalb wurde vergangene Woche auf einer außerordentlichen Online-Hauptversammlung beschlossen, die Ausgabe von bis zu 200 Millionen neuer Aktien zu ermöglichen. Es gebe derzeit aber keine konkreten Übernahmeziele, sagte Familiengesellschafter Georg Schaeffler. Es gehe nur um Optionen und Flexibilität.

Mit dem Geld aus einer möglichen Kapitalerhöhung könnte Schaeffler den Angaben zufolge auch "potenzielle Wachstumschancen" nutzen. Konzernchef Klaus Rosenfeld hatte kürzlich betont, dass die Maßnahme Teil eines Plans sei, um das Unternehmen gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen zu lassen. Auch ein Zukauf sei perspektivisch durchaus denkbar.

Zuletzt waren die Franken mit Plänen in die Schlagzeilen geraten, bis 2022 insbesondere an deutschen Standorten rund 4400 ihrer weltweit mehr als 80 000 Stellen abzubauen, um den Konzern krisenfester zu machen. Schaeffler-Mitarbeiter in ganz Deutschland protestierten gegen die Pläne.

Im zweiten Quartal hatte der Konzern die Auswirkungen der Krise stark zu spüren bekommen und unter dem Strich tiefrote Zahlen geschrieben. Der Umsatz brach zum Vorjahreszeitraum um über ein Drittel ein. Bereits vor der Pandemie machte sich die Schwäche der Autoindustrie bemerkbar. Nun trifft die Virus-Krise den Zulieferer mit Wucht.

Wegen einer Wertminderung in der Automotive-Sparte und zusätzlichen Kosten für den Stellenabbau hatten die Franken schon im ersten Quartal unter dem Strich einen hohen Verlust ausgewiesen. Rosenfeld sprach damals davon, dass Schaeffler in Anbetracht der hohen Unsicherheiten bewusst Risiken aus der Bilanz genommen habe.

Anfang Mai hatte der Manager angekündigt, dass die kommenden Monate "sicher kein Spaziergang" werden würden. Man müsse sich auf eine globale Rezession einstellen und es sei nicht davon auszugehen, dass das Vorkrisen-Niveau schnell wieder erreicht werde.

Schaeffler, einer der größten deutschen Zulieferer vor allem für die angeschlagene Autobranche, hatte bereits in den vergangenen Jahren die Kapazitäten heruntergefahren. Vor einem Jahr hatte das Unternehmen ein Freiwilligenprogramm aufgelegt, das derzeit noch umgesetzt wird und mit dem nahezu 2000 Stellen abgebaut werden sollten.

Seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr hatte Schaeffler wegen der Pandemie im Frühjahr ausgesetzt. Mit Blick auf das noch laufende dritte Quartal zeigte sich Rosenfeld Mitte August aber verhalten optimistisch. "Der positive Trend aus dem April, Mai und Juni hat sich im Juli fortgesetzt und auch der August stimmt uns zuversichtlich", sagte er damals. Trotzdem sei die Krise noch nicht vorbei. "Ich denke aber, dass der Tiefpunkt durchschritten ist", erklärte er.

Unterdessen gab es im Schaeffler-Management Anfang August eine wichtige Veränderung: Neuer Finanzchef ist seitdem Klaus Patzak, der früher bei Siemens <DE0007236101> tätig war und die Nachfolge von seinem Vorgänger Dietmar Heinrich angetreten hat. Heinrich ist zum Maschinen- und Anlagenbauer Dürr gewechselt.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN

Seit der Veröffentlichung der Zahlen für das zweite Quartal haben sich neun der im dpa-AFX-Analyser erfassten Experten näher mit Schaeffler befasst. Immerhin drei von ihnen empfehlen den Kauf der Aktie. Gleich sechsmal lautet der Rat, die Papiere zu halten. Zum Verkauf der Titel rät niemand von ihnen. Es überwiegt die Zuversicht, dass das Unternehmen über genug Potenzial verfügt, damit es wieder aufwärts geht.

Mit einem Kursziel von 10 Euro hat das Analysehaus Warburg Research den mit Abstand höchsten Wert der jüngeren Analysteneinschätzungen auf dem Zettel. Mit Blick auf die bereits im August angekündigte Kapitalerhöhung sei der Zeitpunkt überraschend, nur drei Monate nach der Hauptversammlung und angesichts des soliden finanziellen Spielraums des Autozulieferers, urteilte Analyst Marc-Rene Tonn. Die negative Kursreaktion erschien ihm gleichwohl übertrieben.

Aus Sicht von Jose Asumendi von der US-Bank JPMorgan geht der verkündete Umbau die Ineffizienzen des Autozulieferers in Europa an und setzt wichtiges Kapital frei. Asumendi hat sein Kursziel bei 8 Euro belassen und bleibt auch bei seiner Kaufempfehlung. Michael Raab vom Analysehaus Kepler Cheuvreux verweist darauf, dass die angekündigten Maßnahmen die Bemühungen des Managements zur Verbesserung des Betriebes zeigten. Allerdings seien die damit verbundenen Umbaukosten erheblich, gibt Raab zu bedenken.

Derweil moniert NordLB-Analyst Frank Schwope, dass Schaeffler nach dem ersten Quartal auch im zweiten Jahresviertel rote Zahlen geschrieben habe. Zudem kritisiert er, dass der Ausblick weiter unkonkret geblieben sei. Hoffnung komme dagegen insbesondere aus China, wo sich der Automarkt in den letzten Monaten recht vielversprechend entwickelt habe.

Wie die NordLB hat auch die Deutsche Bank für Schaeffler nur ein Kursziel von 6 Euro aufgerufen, damit liegen die beiden Banken bei den jüngeren Schätzungen am niedrigsten. Deutsche-Bank-Experte Tim Rokossa gibt sich aber trotzdem positiver gestimmt als Schwope. So hat der Autozulieferer laut Rokossa ein ordentliches zweites Quartal hinter sich, Umsätze und operatives Ergebnis (Ebit) hätten die Erwartungen übertroffen. Die Prognosen für den freien Barmittelfluss seien indes verfehlt worden.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Für Investoren ist die Entwicklung der seit 2015 an der Börse gehandelten Schaeffler-Vorzugsaktie alles andere als erfreulich. Im laufenden Jahr hat sie über 40 Prozent eingebüßt. Auf längere Sicht sieht es mit einem Minus von fast 60 Prozent in den zurückliegenden drei Jahren noch finsterer aus. Wegen des Kursverlusts war das Papier im Frühjahr 2019 vom MDax in den SDax abgestiegen.

Nachdem die Anteilsscheine Mitte Februar noch bis zu rund 9,80 Euro kosteten, stürzten sie danach im Zuge des Corona-Crashes ab. Binnen weniger Wochen ging es bis zum 19. März auf zwischenzeitlich nur noch knapp über vier Euro nach unten. Damit hatten die Papiere in kurzer Zeit über die Hälfte an Wert verloren.

Danach setzte bis Anfang Juni eine kontinuierliche Erholung auf über 7,50 Euro ein, ehe es seitdem wieder auf zuletzt 5,40 Euro bergab ging. Spät im Jahr 2015, also kurz nach dem Börsengang zu 12,50 Euro das Stück, kostete ein Anteilsschein noch bis zu fast 17,50 Euro. Davon sind die Titel momentan Welten entfernt.

Das von der Familie Schaeffler kontrollierte Unternehmen ist an der Börse derzeit rund 3,6 Milliarden Euro wert. Das Kapital des Unternehmens ist in 500 Millionen Stamm- und 166 Millionen Vorzugsaktien aufgeteilt. An der Börse werden die Vorzugsaktien gehandelt - von diesen besitzt seit Ende 2019 ein Viertel der US-Finanzinvestor BDT.

Die Stammaktien liegen alle in Händen der IHO-Gruppe der Familie Schaeffler, die auch 46 Prozent an dem Autozulieferer Continental hält. Auch der Wert dieses Unternehmens ist deutlich gesunken, so dass Georg Schaeffler in der Rangliste der reichsten Deutschen laut der Nachrichtenagentur Bloomberg inzwischen auf Rang 19 abgerutscht ist. Mitte des Jahrzehnts hatte er gemeinsam mit seiner Mutter Marie-Elisabeth Schaeffler-Thumann noch ganz oben gestanden.