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Schönheits-OPs für Manager – dieser Arzt verrät, was es kostet

Tuma, Thomas
·Lesedauer: 6 Min.

„Schönheits-Doc“ Darius Alamouti setzt auf die stark wachsende Zielgruppe der Männer. Die kommen gerade in Corona-Zeiten in seine Bochumer Praxis.

Gerade war wieder einer da: Geschäftsmann aus Stuttgart. Er hatte sich vorher alles notiert: Kinn straffen, Lider glätten, noch ein bisschen Filler hier und da. Fertig ist der etwas andere Sanierungs-Job. Nach zwei Stunden war er wieder auf dem Heimweg.

„Die Männer sind auch beim Thema Optik heute gut informiert. Wenn die hier in unsere Klinik kommen, wissen sie genau, was sie wollen“, sagt Dr. Darius Alamouti, der nichts dagegen hat, wenn man ihn „Schönheits-Doc“ nennt. Ist auch einprägsamer als Facharzt für Dermatologie und Venerologie.

Männer – und also auch Manager vom Betriebsrat bis zum Konzernchef– sind die am stärksten wachsende Zielgruppe nicht nur in Alamoutis „privatärztlichem Zentrum für ästhetische Medizin“ in direkter Nachbarschaft des Bochumer Hauptbahnhofs. Vor einem Jahr ist er hierhergezogen und hat den denkmalgeschützten Backsteinbau so aufgehübscht wie manchen Männerbauch oder Frauen-Po.

Vorher praktizierte er lange im benachbarten Herne, was unter ästhetischen Gesichtspunkten nicht glamouröser, aber auch egal war. Denn allein im Umkreis von einer Autostunde leben zehn Millionen Menschen. Alamoutis Praxis liegt deshalb extrem verkehrsgünstig. Es gibt genug Parkplätze, man kommt schnell rein und schnell wieder raus. Und man bleibt ungesehen, was nicht nur für seine Promi-Patienten aus Politik, Film und Wirtschaft wichtig ist, weil in Deutschland zwar viele an sich herumoptimieren, aber niemand es zugeben will.

In Herne hatte er noch einen Luxustrakt mit stationären Betten, die aber kaum jemand nutzte. Bloß nicht zu lange in der Klinik bleiben, das könnte ja Kollegen auffallen. Alamouti lächelt milde: „Die meisten verraten es nicht mal dem eigenen Partner und achten selbst bei der Bezahlung darauf, dass er oder sie nichts davon mitbekommt.“ Alamouti bedient ein Tabuthema. Aber ein äußerst lukratives.

Fettabsaugen ab 4000 Euro

Bochum bedeutete für ihn im Vergleich zu Herne eine Verdreifachung seiner Praxisgröße. 1000 Quadratmeter stehen im Dienste des guten Aussehens: vier OP-Säle, sechs Räume für kleinere Eingriffe, Physiotherapeuten, ein Gerätepark von der Kälte- oder Unterdruckkammer bis zur Haartransplantationsmaschine. Vieles davon kostet schnell mal sechsstellige Summen. 30 Kunden täglich werden hier versorgt.

Neben Alamouti arbeitet in der Klinik ein halbes Dutzend Fachärzte, die mit der Spezialisierung auf Nasenkorrekturen, Haartransplantationen oder Gefäßchirurgie ein Vielfaches normaler deutscher Chefärzte verdienen dürften – unterstützt von Schwestern und Arzthelferinnen. Das Geschäft brummt. Global gesehen ist ästhetische Chirurgie ein Multi-Milliarden-Business geworden.

Und Alamouti rechnet nicht trotz, sondern eher wegen Corona dieses Jahr mit einem 20- bis 30-prozentigen Umsatzplus. Der Grund: „Das Homeoffice fordert seinen Tribut“, sagt der Arzt. „Einerseits wird nun bei all den Videokonferenzen natürlich genau geschaut, wer gerade wie aussieht. Andererseits werden die Leute zu Hause vorm Bildschirm schlicht und einfach dick.“

So viel Sport könne man gar nicht machen, um sich den Corona-Bauch wieder wegzutrainieren. Bei ihm dagegen sei man die Pfunde nach zwei Stunden wieder los.

Die meisten Eingriffe finden längst minimalinvasiv statt. Das Skalpell kommt kaum noch zum Einsatz, dafür jede Menge Botox und Hyaluron. Zwei winzige Schnittchen reichen Alamouti auch beim Fettabsaugen, das seine eigenen Behandlungs-Charts anführt (bei ihm „ab 4000 Euro plus Mehrwertsteuer“, die aktuelle Senkung wird übrigens an die Kundschaft weitergereicht, verspricht die Homepage).

Es folgen die Verkleinerung schlapp gewordener Männer-Brüste. die sogenannte „Gynäkomastie“ für 1200 Euro „pro Seite“, und der „Gockelhals“, der für 2400 Euro wieder geglättet wird.

Boom durch Videokonferenzen

Alamoutis Wachstumszahlen ähneln denen etwa der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC), die in ihrer Behandlungsstatistik 2020 ein generelles Plus von 7,5 Prozent auf deutlich über 80.000 Eingriffe verzeichnet.

Geradezu „rekordverdächtig“ habe sich der Anstieg der Fettabsaugungen bei Männern und Frauen entwickelt, sagt VDÄPC-Präsident Dennis von Heimburg: 60 Prozent sei es da nach oben gegangen. Ein Plus von 20 Prozent habe es auch bei den Brustvergrößerungen gegeben.

Corona verändere die Schwerpunkte: Lidstraffungen und Lippenkorrekturen erlebten in Zeiten der Videokonferenzen einen Boom. Und da man die Kollegen meist über Wochen nicht sehe, lassen sich auch OP-bedingte Schwellungen oder Rötungen ohne Zeugen zügig auskurieren.

Der „Megatrend der Selbstoptimierung“ sorge für weiter steigende Zahlen, sagt von Heimburg. Der „Wunsch nach einem perfekten Körper“ sei mittlerweile auch bei den Männern zu beobachten, was Alamouti nicht unkritisch sieht.

Es sind nicht nur die jungen, bisweilen noch nicht mal volljährigen Frauen, die sich angesichts entsprechender Instagram-Vorbilder heute von ihm extreme Veränderungen wünschen. Diese Kundinnen schickt er alle wieder nach Hause. Auch wenn er weiß, dass sie dann eben zu einem anderen Arzt gehen, der weniger Skrupel hat, aus einem hübschen Mädchen eine Barbie-Puppe zu machen.

„Ich kann aus einem Toaster keinen Ferrari machen“

Seine eigenen drei Kinder sind zwischen neun und 16 Jahre alt und wachsen mit diesen Zerrbildern auf. „Unsere Kinder werden mit dem Thema viel extremer umgehen als wir“, sagt Alamouti. Er wundert sich aber auch über gestandene Manager, die mit der Figur eines vollgesogenen Badeschwamms bei ihm erscheinen und die Modellage eines Sixpacks oder die Brustmuskeloptik eines Bodybuilders von ihm verlangen. „Ich kann aus einem Toaster keinen Ferrari machen“, sagt Alamouti, der eigentlich mal Kinderchirurg werden wollte.

Als Sohn einer Polin und eines Persers wurde er einst in Breslau geboren, zog dann aber mit den Eltern nach Remscheid. Als er in den 1990er-Jahren studierte, gab es in Deutschland noch kaum Schönheits-OPs. Er sah die Chance und zog am Bochumer Universitätsklinikum eine eigene Abteilung mit auf. Die Urlaube nutzte er für Studienaufenthalte in Brasilien, der Schweiz und den USA, bevor er sich schließlich selbstständig machte.

Seither läuft es. Aber selbst Alamouti verliert derzeit an manchen Stellen: Seine Klienten aus dem Show- oder Event-Business bleiben entweder weg oder fangen an, selbst an kleinen Eingriffen zu sparen. Es sei „eine Tragödie, wie da ganze Branchen gerade den Bach runtergehen“, klagt der Arzt. „Und das meine ich jetzt nicht nur mit Hinblick auf meine Patienten. Wir vermissen inzwischen doch alle Konzerte, Festivals, Party und Premiere, oder?“

Die Stimmung habe sich verschlechtert im Land, beobachtet Alamouti im Querschnitt seiner Kundschaft. Die Leute seien genervt, manche deprimiert. „Einmal am Tag kommen hier beim Vorgespräch jemandem die Tränen.“

Da hätten seine Kollegen auch noch einiges zu lernen, findet er. Nicht nur, was Betriebswirtschaft angeht, sondern eben auch Kundenorientierung, Einfühlsamkeit. Dass nach wie vor nicht die Menschenfreundlichsten, sondern die mit den besten Notenschnitten Medizin studieren dürfen, sieht er als schlichte Fehlallokation an.

Deshalb auch ist er gerade dabei, eine neue Gesellschaft zu gründen mit anderen Ärzten, „um die medizinische Ästhetik endlich aus der Grauzone rauszuholen“. Man müsse offen kommunizieren, aber auch Fortbildung anbieten in Theorie und Praxis. „Im Krankenhaus lernt man unseren Job nun mal nicht“, sagt der 52-Jährige, den man für zehn Jahre jünger halten könnte.

Alles glatt, die Haare dicht. Hat er vielleicht selbst schon „was machen lassen“? Nee, lacht er. Das seien die guten Gene von Mama und Papa. Nur die Brille ist mittlerweile weg, weil er sich die Augen hat lasern lassen. Aber er hätte kein Problem, es auch zu sagen, wenn er mal Hand anlegen lassen würde. Sagt er.