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Wie Russland in einen neuen Alltag zurückkehrt

Zuerst hatte der Kreml die Wirtschaft eingefroren, jetzt werden die Auflagen schrittweise gelockert. Doch die Ansteckungsgefahr bleibt hoch.

Trotz hoher Fallzahlen probt das Land die Rückkehr in die Normalität. Foto: dpa

Auf der Liste der Länder mit den meisten Coronafällen liegt Russland seit Dienstag auf Platz zwei: Mit insgesamt rund 230.000 Fällen verzeichnet nur Spanien laut der Länderstatistik der Weltgesundheitsbehörde WHO mehr Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Trotzdem sieht sich Russland in seiner Politik bestätigt – und will die Beschränkungen schrittweise lockern. Doch dieser Kurs ist riskant, denn die Ansteckungsgefahr gilt weiter als hoch.

Die russischen Behörden allerdings erklären die seit Anfang Mai drastisch gestiegenen Zahlen mit einer erhöhten Anzahl von Tests. Da die Zahl der Todesfälle mit insgesamt 2116 zumindest offiziell moderat bleibt, sieht sich der Kreml auf gutem Kurs. Präsident Wladimir Putin erklärte am Montag, dass sich die Zahl der Krankenhausbetten für Covid-19-Patienten von 29.000 auf 130.000 erhöht habe.

Die vor sechs Wochen erklärten „arbeitsfreien Tage“ hätten ihren Teil dazu beigetragen, die Verbreitung der Pandemie abzubremsen, um dem Gesundheitssystem genügend Zeit zur Vorbereitung zu geben. Inzwischen seien die Kapazitäten ausreichend, um mit den Folgen der Pandemie klar zu kommen, sagte Putin.

Daher lockert der Kreml trotz der hohen Zahlen nun vorsichtig das Regime. Statt eines landesweiten Stopps für alle Unternehmen, die nicht als strategisch wichtig gelten oder Waren des täglichen Bedarfs herstellen oder verkaufen, entscheiden nun die Regionen, welche Firmen wieder in Betrieb gehen können und welche weiterhin geschlossen bleiben.

Sogar Saunabesuche sind erlaubt

Für immerhin elf Regionen treten damit nun erste Erleichterungen in Kraft. Dazu gehört beispielsweise die ölreichen Wolga-Region Baschkortostan. Dort können die Bürger per Erlass des Provinzgouverneurs nun wieder zum Spazieren auf die Straße. Parks sowie Spiel- und Sportplätze werden freigegeben.

Kleine Geschäfte, die einen eigenen Ausgang zur Straße besitzen, dürfen ebenfalls wieder öffnen. Große Shoppingzentren bleiben aber ebenso geschlossen wie Fitnessstudios, Museen, Restaurants und Nachtclubs. In der Region Nowgorod wurden zudem noch Zahnarztpraxen und unter Auflagen auch Saunen geöffnet.

Auch die Tauglichkeitsuntersuchungen für den Dienst an der Waffe nehmen die Behörden nach der wochenlangen Unterbrechung wieder auf. Neben den elf Vorreiterregionen wollen über 20 Gebiete in den nächsten Tagen über Lockerungen entscheiden.

Für die Hauptstadt Moskau, das Umland und St. Petersburg dagegen bleiben die restriktiven Maßnahmen vorerst in Kraft. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin, der in der Coronakrise zu einem der wichtigsten Politiker des Landes aufgestiegen ist, hat das Regime der Selbstisolation bis Ende des Monats verlängert.

Die Krankenhäuser in Moskau und St. Petersburg sind dabei teils schon am Limit. Das zeigen auch die Brände in zwei Krankenhäusern – am Montagabend in der russischen Hauptstadt und an diesem Dienstag in der Newa-Metropole. Unter der Volllast, unter der die medizinischen Einrichtungen derzeit arbeiten, wurden womöglich nicht alle Sicherheitsauflagen eingehalten.

In Moskau gibt es russlandweit mit Abstand die meisten Infizierten. Damit brauchen die Moskauer weiterhin einen Passierschein, wenn sie neben dem Besuch von Arzt, Apotheke oder dem nächsten Lebensmittelladen etwas in der Stadt zu erledigen haben. Überwacht wird das System mit Videokameras und einem Gesichtserkennungssystem.

Zuckerbrot und Peitsche

Doch die Behörden bleiben auch dort vorsichtig, wo erste Erleichterungen auf den Weg gebracht sind: Nach dem Beispiel Westeuropas ist inzwischen für Russen, die unterwegs sind, das Tragen von Masken und Handschuhen Pflicht. Bei Verstößen drohen Geldstrafen.

Aber es gibt nicht nur Strafen, sondern auch Anreize. So hat Putin nun in einem dritten Hilfspaket Familien eine einmalige Zahlung von umgerechnet gut 120 Euro pro Kind zugesagt, um die Einkommensausfälle zu reduzieren. Unternehmen brauchen für das zweite Quartal keine Steuern zu bezahlen – außer der Mehrwertsteuer.

Und ab dem 1. Juni sollen Firmen, die mindestens 90 Prozent ihrer Mitarbeiter halten, günstige Kredite bekommen. Allerdings jeweils nur in Höhe des monatlichen Mindestlohns pro Mitarbeiter, der derzeit gut 130 Euro entspricht. Insgesamt wird der Umfang dieser Hilfsleistungen auf einen Wert von zehn Milliarden Euro geschätzt.

Diese Maßnahmen tragen dem Kreml zufolge zur Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um 1,5 Prozent bei. Finanzminister Anton Siluanow geht derzeit davon aus, dass Russlands BIP insgesamt 2020 um vier Prozent verliert, die Zentralbank schätzt das Minus auf vier bis sechs Prozent und der Сhef des Rechnungshofs Alexej Kudrin hatte sogar einen Einbruch von acht Prozent vorhergesagt.

Dass man die Gefahr lieber nicht unterschätzen sollte, zeigt eine andere Meldung vom Dienstag: Putins Sprecher Dmitri Peskow ist ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert. Auch, wenn die Politik die Maßnahmen lockert: Ausgestanden ist die Pandemie für Russland noch lange nicht.