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Nach Astrazeneca-Stopp: Bund und Länder verschieben Impfgipfel

·Lesedauer: 5 Min.
Nach Astrazeneca-Stopp: Bund und Länder verschieben Impfgipfel. (Symbolbild: Getty)
Nach Astrazeneca-Stopp: Bund und Länder verschieben Impfgipfel. (Symbolbild: Getty)

Nach dem vorläufigen Stopp von Corona-Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca vertagen Bund und Länder Entscheidungen für einen Impfstart in den Arztpraxen. Eine für diesen Mittwochabend vorgesehene Telefonkonferenz der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten wird verschoben, bis eine Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zum weiteren Umgang mit Astrazeneca vorliegt, wie ein Sprecher der Bundesregierung am Dienstag mitteilte. Der vorläufige Impfstopp bringt Unsicherheit in die Planungen. Über das weitere Vorgehen ist neuer Streit entbrannt.

Bei den Bund-Länder-Beratungen sollte es vor allem darum gehen, wann auch Hausärzte auf breiter Front mitimpfen sollen. Dabei geht es um eine schrittweise Einbeziehung neben den bestehenden Impfzentren, die die Länder behalten und weiterhin auch zuerst mit Impfstoff beliefern wollen. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern hatten einen breiten Impfstart in den Praxen bisher spätestens für die Woche vom 19. April angepeilt - dies ist nun aber ungewiss. Der Impfstoff von Astrazeneca kann auch gut in Praxen eingesetzt werden, weil er nicht so stark gekühlt werden muss wie etwa das Präparat von Biontech.

Als "reine Vorsichtsmaßnahme" ausgesetzt

Wie einige andere europäische Länder hat auch Deutschland Impfungen mit Astrazeneca nun als "reine Vorsichtsmaßnahme" ausgesetzt, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag mitgeteilt hatte. Hintergrund ist eine entsprechende Empfehlung des für die Impfstoff-Sicherheit zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) nach Meldungen von Blutgerinnseln in zeitlichem Zusammenhang mit einer Astrazeneca-Impfung.

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Die EMA arbeitet an einer erneuerten Bewertung des Impfstoffs. Die Sicherheitsexperten wollen am Donnerstag über mögliche weitere Schritte entscheiden, teilte die EU-Behörde mit. Von sieben in Deutschland gemeldeten Fällen mit Thrombosen (Blutgerinnseln) der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang zur Impfung verliefen drei tödlich, wie PEI-Präsident Klaus Cichutek in der ARD sagte. Bisher wurde das Astrazeneca-Präparat hierzulande mehr als 1,6 Millionen Mal verimpft. "Wir haben aufgrund von neuen Untersuchungen, aber auch neuen Meldungen, eine neue Lage", sagte Cichutek.

Mit Blick auf Großbritannien, wo solche Fälle in dem Maß noch nicht bekannt wurden, erklärte er, der Fokus sei bisher auch nicht speziell darauf gerichtet gewesen. "Ich glaube, die Bürgerinnen und Bürger wollen sich darauf verlassen, dass die Impfstoffe, die wir anbieten, sicher sind und wirksam sind." Zu Auswirkungen auf die Impfkampagne sagte er: "Wenn es ein bisschen länger dauert, ist das ok."

Kritik an Entscheidung

Die Entscheidung traf aber auch auf Kritik. Der Pandemiebeauftragte des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München, Christoph Spinner, sagte der Deutschen Presse-Agentur, Sicherheit stehe zwar an oberster Stelle - das Aussetzen könne man aber zumindest hinterfragen. "Die Ereignisse sind sehr selten", sagte er mit Blick auf die Zahl der Vorfälle. Und: "Wir impfen derzeit prioritär Menschen mit Vorerkrankungen." Diese Patienten hätten teils von vornherein ein gesteigertes Thromboembolie-Risiko.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen nannte den Stopp auf Basis geringer Fallzahlen angesichts der dritten Corona-Welle fahrlässig. "Eine Alternative wäre es, über das überschaubare Risiko ausführlich aufzuklären und weiterhin jene Menschen zu impfen, die eine Impfung mit Astrazeneca möchten", sagte er der dpa.

Der Vorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, hält das Präparat zwar für sicher. "Trotzdem ist es richtig, dass die nationalen Behörden die Verdachtsfälle auf schwere Nebenwirkungen prüfen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er könne nachvollziehen, wenn es Vorfälle gebe wie in Dänemark, dass man dann erst einmal prüfe, bevor man weiter impfe.

Dänemark hatte als erstes Land Astrazeneca-Impfungen ausgesetzt, nachdem es im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung einen Todesfall gab. Andere Länder zogen nach. Nach Deutschland verkündete auch Spanien einen Stopp. Allerdings sind die Einschätzungen international durchaus unterschiedlich. So ließ sich in Thailand Ministerpräsident Prayut Chan-o-cha am Dienstag mit dem Astrazeneca-Mittel impfen und erklärte: "Es wurde verifiziert, dass es durch den Astrazeneca-Impfstoff keine schlechte Reaktion gibt."

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Die FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus sagte, die Entscheidung Spahns habe eine Kettenreaktion ausgelöst, die nun die gesamte Impfkampagne zurückwerfe. "Deshalb wäre gerade jetzt ein Impfgipfel nötig, um mit allen Beteiligten zu beraten. Er muss noch diese Woche stattfinden, damit es Klarheit gibt." Dabei müssen alle Optionen auf den Tisch, um die Impfkampagne zu beschleunigen.

Deutliche Verzögerungen?

Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) rechnet mit deutlichen Verzögerungen im rechnerischen Zeitplan. "Dies würde das Impfergebnis um einen Monat rechnerisch nach hinten verschieben", sagte ZI-Chef Dominik von Stillfried dem "Handelsblatt". Dann könnten statt im August erst im September alle Impfwilligen eine zweite Dosis erhalten. Das Rechenmodell des Instituts geht davon aus, dass die bisher zugelassenen Mittel von Biontech/Pfizer, Moderna und Johnson & Johnson, wie zugesagt kommen und Hausärzte frühestmöglich mitimpfen.

CSU-Chef Markus Söder glaubt nach eigenen Worten nicht, dass die Astrazeneca-Impfungen generell ausgesetzt bleiben. Es würden nach der Prüfung der Vorfälle noch viele Gruppen damit geimpft werden können, sagte er in der ARD. "Ich würde mich auch sofort hinstellen." Er riet, die Zweitimpfung weiter hinauszuschieben, die Ärzte frühzeitig einzubinden und die festgelegte Impfreihenfolge zu lockern.

Der SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans warf Spahn vor, sich nach den dänischen Vorfällen noch an die Einschätzung der EMA gehalten zu haben und nun umgeschwenkt zu sein. "Hals über Kopf eine Woche vorher zu sagen, die Risiken sind kleiner als der Nutzen, und dann ein paar Tage später, wenn sich alle darauf einstellen, dass jetzt geimpft wird, zu sagen: "Na ja, das ist mir jetzt zu heiß", zeugt auch nicht von einer besonnenen, überschauenden Politik", sagte er im ZDF.

Im Video: Weltärztepräsident sieht Astrazeneca-Impfstopp kritisch