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Rote Zahlen, frustrierte Mitarbeiter – Was den künftigen Commerzbank-Chef Manfred Knof erwartet

·Lesedauer: 7 Min.

Beim Frankfurter Institut gibt es gewaltigen Veränderungsbedarf. Ein umfassender Umbau in der Coronakrise wird für den neuen CEO aber sehr schwierig.

Ursprünglich wollte Deutschlands zweitgrößte Privatbank ihre neue Ausrichtung bereits im Sommer 2020 beschließen. Doch wegen des Chefwechsels zieht sich das ganze nun bis ins erste Quartal 2021 hin. Foto: dpa
Ursprünglich wollte Deutschlands zweitgrößte Privatbank ihre neue Ausrichtung bereits im Sommer 2020 beschließen. Doch wegen des Chefwechsels zieht sich das ganze nun bis ins erste Quartal 2021 hin. Foto: dpa

Manfred Knof befindet sich im sogenannten „gardening leave“. Der Finanzmanager kann sich also zu Hause erholen und wird dafür noch von der Deutschen Bank bezahlt. Seinen neuen Job als Vorstandschef der Commerzbank darf er aus Wettbewerbsgründen erst im kommenden Jahr antreten.

Dennoch ist davon auszugehen, dass Knof am Donnerstag einen Blick auf die Ergebnisse seines neuen Arbeitgebers geworfen hat. Erfreut dürfte er darüber nicht gewesen sein. Wegen drohender Kreditausfälle in der Coronakrise und Kosten für den Konzernumbau machte die Commerzbank im dritten Quartal einen Verlust von 69 Millionen Euro und schnitt noch schlechter ab als von Analysten erwartet. Im Gesamtjahr erwartet das Institut erstmals seit 2012 wieder rote Zahlen.

Die Reaktion der Anleger fiel deutlich aus. Die Commerzbank-Aktie brach zeitweise um mehr als sieben Prozent auf 3,96 Euro ein und war damit größte Verliererin im Nebenwerteindex MDax. „Die Commerzbank steht mit dem Rücken zur Wand“, sagte Andreas Thomae, Bankenanalyst bei Deka Investment, dem Handelsblatt. „Wenn das neue Management keinen überzeugenden Umbauplan vorlegt, hat die Bank als unabhängiges Institut keine Zukunft.“

Knof fängt Anfang Januar in der Commerzbank-Zentrale in der Frankfurter Innenstadt an. Noch im ersten Quartal will das Institut dann die Eckpunkte seiner neuen Strategie vorlegen, kündigte Finanzchefin Bettina Orlopp an. „Ich bin zuversichtlich, dass wir schon viel Vorarbeit geleistet haben und nicht bei null anfangen müssen.“

Ursprünglich wollte Deutschlands zweitgrößte Privatbank ihre neue Ausrichtung bereits im Sommer 2020 beschließen. Doch dann kündigten Chefkontrolleur Stefan Schmittmann und Vorstandschef Martin Zielke Anfang Juli ihren Rücktritt an und warfen damit alle Pläne über den Haufen. Im September trat dann auch noch Privatkundenchef Michael Mandel ab.

Diskussionen über das Filialnetz

Der noch vom alten Management ausgearbeitete Umbauplan sieht unter anderem vor, dass rund 10.000 Vollzeitstellen gestrichen werden und damit in etwa jeder vierte Arbeitsplatz. So soll die Rendite auf das materielle Eigenkapital mittelfristig auf sieben Prozent steigen.

Über die Details der künftigen Ausrichtung wird hinter den Kulissen aber noch intensiv diskutiert. Die Strategie des alten Vorstands sah beispielsweise vor, dass die Bank statt 1000 künftig nur noch 200 Filialen betreibt sowie 300 bis 400 sogenannte Service-Points, in denen nur wenige Mitarbeiter arbeiten. Innerhalb der Bank plädieren einige nun jedoch für einen anderen Mix – mit mehr Filialen und deutlich weniger Service-Points. Dass es unter dem Strich harte Einschnitte geben muss, ist jedoch unstrittig.

Im Firmenkundengeschäft drehen sich die Diskussionen unter anderem darum, wie stark das Auslandsgeschäft eingedampft werden soll. Der zuständige Vorstand Roland Boekhout will das Produktangebot reduzieren und das Netz von derzeit knapp 50 Auslandsstandorten ausdünnen. Grundsätzlich sollte die Commerzbank aus seiner Sicht aber global vertreten bleiben. Andere Beteiligte sind dagegen der Ansicht, die Commerzbank solle sich aus Asien und Afrika ganz zurückziehen und auch über einige Standorte im europäischen Ausland nachdenken.

Investoren fordern Kürzungen mit Augenmaß. „Im Ausland sollte die Bank genügend Standorte behalten, um Mittelständler weiter bei Geschäften jenseits der deutschen Grenzen begleiten zu können“, sagt Deka-Bankenexperte Thomae. Das Mittelstandsgeschäft sei schließlich „eine Perle der Bank“, weil die Margen dort höher sind als bei großen Unternehmen. „Das Geschäft mit internationalen Konzernen sollte die Commerzbank dagegen deutlich zurückfahren, denn hier stehen Kosten und Erträge in keinem angemessenen Verhältnis“, sagt Thomae.

Aus Sicht des Investors muss das Institut nicht nur seine Kosten senken, sondern auch mit den bestehenden Kunden mehr Erträge erwirtschaften. „Es ist sicherlich schwierig, die Bank mitten in der Coronakrise umzubauen“, räumt Thomae ein. „Aber die Kapitalpuffer sind groß genug, um einen umfangreicheren Umbau zu stemmen.“ Im dritten Quartal stieg die harte Kernkapitalquote leicht auf 13,5 Prozent und entwickelte sich damit besser als erwartet. Im Gesamtjahr rechnet das hessische Geldhaus nun mit einer Quote von mindestens 13 Prozent statt wie bisher von mindestens 12,5 Prozent.

Namhafte Manager suchen das Weite

Trotz dieses Puffers haben einige Experten Zweifel, ob der neue Vorstandschef Knof bei seiner Mission Erfolg hat. „Wir bleiben skeptisch, ob die Restrukturierung in wirtschaftlich turbulenten Zeiten vollumfänglich gelingen kann“, erklärte DZ-Bank-Analyst Markus Mischker. Reine Kostensenkungsprogramme werden aus seiner Sicht nicht ausreichen, um die arg gebeutelte Commerzbank-Aktie dauerhaft zu beflügeln.

Zudem weist Mischker darauf hin, dass die Commerzbank ihre selbst gesteckten Ziele in der Vergangenheit wiederholt verfehlt hat. „Hauptpriorität für das neue Führungspersonal ist unseres Erachtens weniger die umfassende Formulierung einer tragfähigen Zukunftsstrategie, sondern die konsequente Umsetzung ebendieser.“

Bei vielen Mitarbeitern sorgt die aktuelle Hängepartie für Frust, mehrere namhafte Manager suchen das Weite. Die Chefin der inzwischen geschluckten Onlinetochter Comdirect, Frauke Hegemann, hat das Institut kürzlich ebenso verlassen wie Dominik Steinkühler, der als Bereichsvorstand für die Digitalisierung des Firmenkundengeschäfts zuständig war. Seine Kollegen Kerem Tomak (Bereichsvorstand für Big Data & Advanced Analytics) und Jenny Friese (Bereichsvorständin für Privat- und Unternehmerkunden in der Region Mitte und Ost) gehen zum Jahresende.

„Es ist immer schade, wenn gute Leute uns verlassen“, sagte Finanzchefin Orlopp. Andererseits sei es ein positives Signal, dass Mitarbeiter „ganz tolle Jobs“ angeboten bekämen, wenn sie bei der Commerzbank gute Arbeite leisteten.

Aus Sicht von Investor Thomae ist es wichtig, dass unter dem neuen Vorstandschef wieder Ruhe bei der Commerzbank einkehrt. „Ich fände es gut, wenn die verbliebenen Vorstandsmitglieder an Bord bleiben – auch Roland Boekhout“, sagt der Deka-Manager. „Er macht einen guten Job und hat als Chef von ING Diba bewiesen, dass er Banken weiterentwickeln kann.“
Boekhout galt ebenso wie Orlopp als ein möglicher Kandidat für die Zielke-Nachfolge. Bisher hat sich der Niederländer nicht öffentlich dazu geäußert, ob er an Bord bleibt. Insider gehen davon aus, dass dies am Ende auch davon abhängt, ob er sich mit seinen Vorstellungen zum Umbau des Firmenkundensegments durchsetzen kann.

Kritik an geringen Einsparungen

Wie groß der Umbaubedarf ist, haben die Ergebnisse des dritten Quartals erneut gezeigt. Dass die operativen Kosten mit rund 1,5 Milliarden Euro in etwa auf dem Vorjahresniveau verharrten, sei enttäuschend und untermauere die Notwendigkeit weiterer Sparmaßnahmen, moniert DZ-Bank-Analyst Mischker.

Finanzchefin Orlopp versprach, die Bank werde konsequent an den Kosten arbeiten. Für die Schließung von rund 200 Filialen und Programme zum Stellenabbau verbuchte das Institut im dritten Quartal Restrukturierungsaufwendungen von gut 200 Millionen Euro.

Zudem legte das Geldhaus viel Geld für drohende Kreditausfälle in der Coronakrise zurück. Die Risikovorsorge hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt auf 272 Millionen Euro. Im Gesamtjahr rechnet die Commerzbank weiter mit einer Risikovorsorge von 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro – verbindet dies jedoch nun mit dem Zusatz, dies hänge „auch vom weiteren Verlauf der Corona-Pandemie“ ab.

Experten und Bankenaufseher fürchten, dass den Geldhäusern die größten Belastungen infolge der Coronkrise noch bevorstehen. Dass die deutschen Banken bisher relativ gut durch die Krise gekommen sind, ist aus ihrer Sicht vor allem auf die staatlichen Hilfsprogramme, regulatorische Erleichterungen und die ausgesetzte Insolvenzantragspflicht zurückzuführen. Unstrittig ist zudem, dass die Risiken durch die jüngste Verschärfung der Coronakrise gestiegen sind.

Aktuell sei es sehr schwer vorherzusagen, welche Auswirkungen der teilweise Lockdown im November auf Unternehmen habe und wie sich die Situation 2021 weiterentwickle, sagte Orlopp. „Wir erwarten im Januar keinen Tsunami an Insolvenzen, aber einige Pleiten könnte es im Januar durchaus geben.“

Die Bankenaufsicht und auch Investor Thomae machen sich aktuell keine Sorgen, dass die Commerzbank wegen der Coronakrise selbst in eine Schieflage geraten könnte. „Die Bank ist stabil und hat ihre Kreditrisiken im Griff“, sagt Thomae, „aber sie ist nicht profitabel genug.“ Dieses Problem müsse der neue Vorstandschef angehen. Falls Knof mit dem Umbau scheitert, geht Thomae davon aus, dass bald wieder über eine Übernahme der Commerzbank diskutiert wird – entweder durch die Deutsche Bank oder durch ausländische Institute wie Unicredit oder BNP.