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„Reisen bleibt mühsam für die nächsten paar Jahre“ — Ex-Strategiechef von Lufthansa über höhere Preise, Airlines in der Krise und was er von Carsten Spohr gelernt hat

·Lesedauer: 7 Min.
Der 42-jährige Sadiq Gillani arbeitete sieben Jahre lang für Lufthansa.
Der 42-jährige Sadiq Gillani arbeitete sieben Jahre lang für Lufthansa.

Sadiq Gillani, ehemaliger Strategiechef der Lufthansa, hielt Mitte Mai einen Vortrag an der Universität Stanford, wo er über „disziplinierten Opportunismus“ sprach – seine persönliche Strategie, die ihm die Karriere seiner Träume ermöglichte. Gillani hat die Welt bereist, brennt für die Airline-Industrie und setzt sich - als offen homosexuell lebender Mann - für mehr Diversität in der Unternehmenswelt ein.

Wir sprachen mit ihm über seine Zeit mit Lufthansa-Chef Carsten Spohr, über die Zukunft der Fluggesellschaften und des Reisens und über die Reaktionen, die er auf seine Kritik an der Unternehmenskultur bei Lufthansa erhielt.

„Spohr schafft es immer, dass man sich in seiner Gesellschaft wohlfühlt“

Die Karriere von Gillani fing bei Webjet an, einem brasilianischer Airline-Startup, wo er als Chief Commercial Officer für den Verkauf zuständig war. Als Partner bei einem Beratungsunternehmen stand er namhaften Fluggesellschaften zur Seite: Etihad, Qantas, US Airways sind nur einige der Unternehmen, die er beriet. 2011 ging Gillani zu Lufthansa, wo er als Strategiechef an den CEO Carsten Spohr berichtete.

Später übernahm er die Netzplanung für die Lufthansa-Tochter Eurowings und wechselte 2018 zu Emirates, der staatlichen Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort gehört er als Senior Vice President und Inhouse Berater zum engen Kreis des Airline-Präsidenten, leitet ein Team mit Menschen aus 20 unterschiedlichen Nationalitäten und schwärmt von Dubais LGBT-Nachtleben.

In seinem Stanford-Vortrag spricht Gillani auch über die Kommunikationsmethoden, die er von dem Lufthansa-Chef Carsten Spohr gelernt hat. Wie stark Spohr ihn geprägt hat, erzählt im Gespräch mit Business Insider. „Ich habe von keinem so viel über Kommunikation gelernt, wie von Carsten Spohr,“ sagt Gillani. „Er schafft es immer, dass man sich in seiner Gesellschaft wohlfühlt.“

Momentan hat es keiner so schwer in der Industrie wie die europäischen Fluggesellschaften, glaubt Gillani.

Die Spielräume bei Lufthansa sind begrenzt

„Carsten Spohr hat zweifellos die härteste Aufgabe von allen“, sagt er. Während den Airlines in den USA und in den Golf-Staaten einen größeren Spielraum zur Umstrukturierung zur Verfügung steht, werden die starken Arbeitnehmerrechte in Deutschland Spohrs Gestaltungsmöglichkeiten sehr schnell Grenzen setzen. „Unternehmen, die sich an die aktuelle Marktsituation anpassen wollen, brauchen Flexibilität“, sagt Gillani.

Auch die Emirates muss sich trotz einer stabilen Gesellschafterstruktur in der Pandemie neu gestalten. „Wir haben keinen Heimatmarkt, was die Aufgabe nicht gerade erleichtert hat“, erklärt Gillani. Emirates stärkte in der Pandemie den Frachtbetrieb und generierte mit 20 Prozent seiner Flotte, die für den Frachtverkehr umgestellt ist, mehr Umsatz, als mit Passagierflügen.

Der 42-Jährige erinnert daran, dass europäische Fluggesellschaften schon vor der Pandemie in eine zunehmend schwierige Lage gerieten. Im vergangenen Jahrzehnt haben US-Airlines nach mehreren Pleiten die europäischen Fluggesellschaften in Sachen Profitabilität überholt.

US-Fluggesellschaften kommen als gesunde Unternehmen aus der Pandemie, weil sie ihre Restrukturierungen und Konsolidierung schon im vergangenen Jahrzehnt vorangetrieben haben, erklärt Gillani. Die Unternehmen in den USA setzten weniger auf Wachstum und viel mehr auf stabile Finanzen. Das bedeutet auch, dass sie sich Ertragsquellen suchen mussten, die nicht direkt aus dem Verkauf von Flugtickets stammen. Außerdem unterstütze die US-Regierung die Fluggesellschaften mit einem 40-Milliarden Dollar Kredit, die sie nicht zurückzahlen müssen. Und weil die Wirtschaft dort sich schneller erholt, profitieren auch die Airlines davon.

„In Europa gibt es viel zu viele Airlines und viele stehen vor erheblichem Restrukturierungsbedarf“, erklärt Gillani. Weil sie schon hohe Schuldenlasten mit sich tragen, wird ihre Kreditwürdigkeit abgestuft. Das führt dazu, dass sie nur zu hohen Zinsen an frisches Geld kommen.

Flugpreise werden teurer, Hotels günstiger

Was bekommen davon die Passagiere zu spüren?

„Reisende sollen sich auf höhere Flugkosten, aber günstigere Hotelpreise einstellen“, sagt Gillani. Die meisten Fluggesellschaften haben ihre Kapazitäten im Durchschnitt um 50 Prozent reduziert. Das Angebot bleibt aber auch in den nächsten zwei Jahre beschränkt und wird rund 20 Prozent niedriger sein, weil Fluggesellschaften ihre Flotten dauerhaft reduziert haben.

Auf der anderen Seite musste nur eine geringe Zahl von Hotels schließen, hinzukommen stets wachsende, alternative Übernachtungsmöglichkeiten, die die Preise vor allem in den Städten insgesamt drücken.

Eins steht fest: „Reisen bleibt mühsam für die nächsten paar Jahre“, sagt der Emirates SVP. Die Test- und Maskenpflicht wird uns noch eine Weile begleiten. „Wir werden seltener reisen, dafür aber längere Reisen buchen. Wir werden uns den Zweck unserer Reisen besser überlegen“, glaubt Gillani.

Eine weitere Prognose Gillanis kommt eher unerwartet zu Krisenzeiten. Er glaubt, dass wir einen Umkehrpunkt in Sachen Nachhaltigkeit erleben. „Keiner hat beim Beginn der Pandemie damit gerechnet, dass die Fluggesellschaften, die gerade so knapp bei Kasse sind, anfangen über Nachhaltigkeit zu sprechen“, sagt Gillani. Ausschlaggebend waren hier die staatlichen Hilfen, die europäische Regierungen an Klimaziele geknüpft haben. „Ich halte die neue Funktion der Google Flüge, einer der größten Flugsuchportale, für einen Wendepunkt, weil es für jeden Flug bald die CO2-Ausstöße anzeigen wird. Wenn die Passagiere sehen, dass ein Business-Class Flug dreimal so hohe Emissionen ausstößt als ein Economy Flug und ein Direktflug viel geringere Emissionen hat, als ein Anschlussflug, wird das für Reisende Anreize schaffen“, sagt Gillani.

Zu den Plänen der Grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock über die Abschaffung von Kurzstrecken- und Billigflügen sagt er, dass er lieber die richtigen Anreize zur Entwicklung von nachhaltigen Alternativen unterstützt. „Wenn das Umsteigen von verschiedenen Beförderungsmitteln genauso komfortabel und schnell funktioniert, wie das Umsteigen vom Flieger auf den Anschlussflieger, dann braucht man auch auf der Strecke von Hamburg nach Frankfurt den Flug nicht mehr“, sagt Gillani. „Aber der ICE in Deutschland ist mit wenigen Streckenausnahmen im Vergleich zum TGV in Frankreich extrem langsam, viel langsamer als er technisch sein könnte. Und der Flughafen München hat gar keinen Fernbahnanschluss!“

Die Zukunft des nachhaltigen Fliegens hat schon begonnen, sagt Gillani. Regierungen in den USA und Großbritannien investieren bereits in die Entwicklung alternativer Kraftstoffe in der Luftfahrt. Gillani rechnet damit, dass in den kommenden zehn Jahren auch größere Flugzeuge mit Wasserstoff betrieben werden können.

Deutsche Konzerne brauchen Modernisierung

Ein weiterer Schritt aus Gillanis Sicht für eine nachhaltigere Flugindustrie wäre, dass man eine Preisuntergrenze für Inlandsflüge einführt. „Es kann nicht sein, dass oft die Taxifahrt zum Flughafen mehr kostet als der Flug selbst“, sagt er. Die Forderung steht auch in der Wahlkampagne des SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz: Um CO2-Emissionen zu reduzieren, will Scholz eine Preisgrenze für Billigflüge in Europa einführen.

Gillani erwartet von der neuen Bundesregierung nach den Bundestagswahlen Veränderung auch in einem anderen Bereich. „Es wäre interessant zu sehen, wie der Wechsel von der alten CDU-Garde zu einer Grünen Regierung die deutsche Konzernwelt modernisieren wird“, sagt er. Damit meint er vor allem die Anstrengungen zu mehr Diversität in den Vorständen der Dax 30 Konzerne.

Gillanis „Spiegel“-Interview, in dem er die mangelnde Diversität bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, aber auch generell bei deutschen Konzernen ansprach, löste viel Feedback aus. Viele gratulierten ihm zu seinem Mut Probleme anzusprechen. In den Reaktionen zeigten sich Leser aber auch darüber verwundert, dass er sich bei Lufthansa über homophobe Anmerkungen beklagte, aber nun in einem Land arbeitet, in dem Mitglieder der LGBT-Community strafrechtlich verfolgt werden können.

Gillani sagt, dass er trotz seiner eigenen Erfahrungen Lufthansa als einen der LGBT-freundlichsten Arbeitgeber anerkenne. Ihm ginge es vielmehr darum, den Modernisierungsbedarf in der Dax 30 anzusprechen. „Mein Kernthema ist der allgemeine Mangel an Diversität, vor allem was die ethnischen Minderheiten angeht“, erklärt er.

„Wir machen großartige Fortschritte was Gender-Diversität angeht im Dax 30. Ich konnte aber keinen offen geouteten Dax-Vorstand finden und die, die aus ethnischen Minderheiten kommen, konnte ich an einer Hand abzählen“, sagt Gillani. In Deutschland sei jetzt gerade der Zeitpunkt, um den Diskurs um Diversität auf LGBT und ethnische Minderheiten auszuweiten, glaubt er.

Dubai wäre übrigens viel fortgeschrittener, als man aus deutscher Sicht oft denkt. „Hier gibt es ein pulsierendes LGBT-Nachtleben und es wird viel über die Modernisierung der Rechtslage diskutiert.“ Auch wenn die Gesetzeslage das nicht widerspiegelt, ist Dubai zu einem LGBT-freundlichen Ort geworden, empfindet Gillani. Er rechnet damit, dass sich bald auch die Gesetzeslage verändert.

Gillani, der während seiner Jahre bei Lufthansa Deutsch gelernt hat, vermisst seine Freunde aus Deutschland am meisten. „Und die Bäckereien, Oktoberfest und die Schlagermusik.“

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