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RBB-Affäre: Programmdirektor Schulte-Kellinghaus bietet Rückzug an – wenn der Sender ihm rund eine Million Euro zahlt

Jan Schulte-Kellinghaus, noch Programmdirektor des RBB. - Copyright: Christophe Gateau/picture alliance via Getty Images
Jan Schulte-Kellinghaus, noch Programmdirektor des RBB. - Copyright: Christophe Gateau/picture alliance via Getty Images

Jan Schulte-Kellinghaus will nicht mehr. Der Programmdirektor des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) soll Interims-Intendantin Katrin Vernau schon in der vergangenen Woche seinen Rückzug angeboten haben. Das erfuhr Business Insider aus Senderkreisen. Doch mit leeren Händen möchte Schulte-Kellinghaus den RBB nicht verlassen. Er verlangt die Ausbezahlung seiner Dienstbezüge. Der Programmchef hatte seinen Vertrag erst im März bis 2027 verlängert. Somit würde sein Abgang den RBB rund eine Million Euro kosten. Dafür würde der 53-Jährige auf das umstrittene Ruhegeld verzichten, das ihm nach seinem Ausscheiden bis zur Rente zustünde. Das wären über die Jahre offenbar rund 1,6 Millionen Euro. Eine einfache Rechnung also?

Schulte-Kellinghaus bringt Vernau mit seinem Angebot in eine knifflige Lage. Die vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) geholte Managerin ist bisher nur Sender-Chefin auf Zeit. Sie müsste einen Nachfolger für den Programmdirektor präsentieren, der wiederum zur Disposition stünde, sollte sie nicht beim RBB bleiben. Die Alternative wäre eine monatelange Vakanz an einer Schlüsselstelle. Vernau befindet sich nun in Gesprächen mit ihrem Direktor. Möglicherweise geht es auch darum, den Preis der Trennung zu drücken. "In der Sache ist noch nichts entschieden", sagt ein Insider. Auf Anfrage sagt RBB-Intendantin Katrin Vernau: "Herr Schulte-Kellinghaus hat von sich aus angeboten, seinen Vertrag zu beenden und auf seinen nachvertraglichen Ruhegeldanspruch zu verzichten. Insofern verzichtet er erstmal auf etwas, worauf er Anspruch hat – und fordert nicht. Zu welchen Konditionen ggf. eine Vertragsbeendigung erfolgen kann, dazu sind wir noch im Gespräch. Zudem habe ich den Verwaltungsrat gestern über das Angebot von Herrn Schulte-Kellinghaus informiert und wir haben die sich daraus ergebenden Handlungsoptionen besprochen und bewertet."

Schulte-Kellinghaus soll für seinen jetzigen Schritt persönliche Gründe angeführt haben. Allerdings steht der Programmchef in der RBB-Affäre seit Monaten unter Druck. Auch scheint der Rückhalt von Vernau nicht allzu groß zu sein. Zwar hatte sie Schulte-Kellinghaus den internen Gremien kürzlich noch als ihren Stellvertreter vorgeschlagen. Aber bei einer Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus sagte sie offen, dass sie aus "organisatorischen und finanziellen Gründen" an ihm und Betriebsdirektor Christoph Augenstein festhalte. Die beiden Direktoren sind in der Geschäftsleitung die letzten Verbliebenen aus der Zeit der entlassenen Intendantin Patricia Schlesinger.

Als Programmchef nicht mehr erste Wahl?

Intern soll Vernau deutlich gemacht haben, dass Schulte-Kellinghaus als Programmdirektor nicht ihre erste Wahl sei. Sie hatte den früheren NDR-Mann offenbar aufgefordert, einen Zukunftsplan für das Programm zu erarbeiten. Das Ergebnis soll die Sender-Chefin nicht überzeugt haben, heißt es aus den Gremien. Auch bei ihrer ersten Betriebsversammlung im Oktober war sie Schulte-Kellinghaus eher distanziert begegnet. Während der Videoschalte drängten Mitarbeiter die Intendantin zum schnellen Rauswurf des von Schlesinger übernommenen Führungspersonals. Dem erteilte Vernau zwar eine Absage. Allerdings entging Teilnehmern nicht, wie sie Schulte-Kellinghaus nach einer Verteidigungsrede in die Parade fuhr.

Nach dem Aus für Schlesinger hatte es zunächst so ausgesehen, als ob sich Schulte-Kellinghaus an der Senderspitze behaupten könnte. Er übernahm vom erkrankten Verwaltungsdirektor Hagen Brandstäter die Position des geschäftsführenden Intendanten, ehe mit Vernau jemand von außen kam. Vor der Belegschaft zeigte sich Schulte-Kellinghaus mal erschüttert von den Windungen der RBB-Affäre, mal als entschlossener Aufklärer. Er verzichtete nach dem Bekanntwerden des Bonussystems für Führungskräfte beim RBB auf die Prämienzahlung, die ihm vertraglich zustünde. Vernau begrüßte das als "wichtiges Zeichen des Neuanfangs". Dennoch hatte der Medienmanager nach seiner Rückkehr in die zweite Reihe in der Belegschaft einen immer schwereren Stand.

Business Insider machte seinen Dienstvertrag öffentlich, der dem Programmchef wie den anderen Direktoren ab dem ersten Tag beim RBB ein lebenslanges Ruhegeld garantierte. Mehr als 1100 RBB-Mitarbeiter forderten in einer Protesterklärung von der Geschäftsleitung, auf die hohen Ruhegelder zu verzichten. Mittlerweile dürften sich seine Ruhegeld-Ansprüche auf etwa 117.000 Euro pro Jahr belaufen, also knapp 10.000 Euro im Monat.

Zuletzt berichtete der "Spiegel" über eine vertrauliche E-Mail, die Schulte-Kellinghaus im vergangenen Juli über seinen Privataccount an Schlesinger geschickt hatte. Darin schlug er eine Personalrochade in der Fernsehsparte vor. Schulte-Kellinghaus wollte Oliver Jarasch, Ehemann der Berliner Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne), kommissarisch zum Leiter einer neuen Hauptabteilung machen. So erspare man sich "hoffentlich eine Ausschreibung", schrieb der Programmdirektor, der sich nun Vorwürfen der Vetternwirtschaft ausgesetzt sieht.

Misslungene Programmreform

Schulte-Kellinghaus war 2017 von Schlesinger zum RBB geholt worden, beide arbeiteten zuvor beim NDR. Mit einem misslungenen Umbau des RBB-Fernsehens hatte er bereits vor der Affäre um die Intendantin eine Protestwelle im Sender ausgelöst. Anfang dieses Jahres strich der Programmdirektor das Magazin „Zuhause in Berlin & Brandenburg“ (ZiBB) aus dem Vorabendprogramm. Dadurch verloren Dutzende freie Mitarbeiter ihren Job oder Aufträge. Ohne den langjährigen Quotenbringer rutschte der RBB, mit einem Marktanteil von 6,3 Prozent bereits 2021 das Schlusslicht unter den dritten Programmen der ARD, in der Zuschauergunst noch weiter ab.

Business Insider enthüllte, dass Schulte-Kellinghaus in der Folge darauf drängte, die Quotenziele des Senders abzusenken. Damit erhöhte der Programmchef seine Chancen auf höhere Bonuszahlungen, denn die Quote gehörte zu den Zielen, die er als Direktor erfüllen musste. Schulte-Kellinghaus bestritt jedoch, aus finanziellen Motiven interveniert zu haben. Vielmehr habe er die „Setzung von völlig realitätsfernen Zielen“ verhindern wollen.