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Razzia bei Wirecard: Staatsanwaltschaft durchsucht fünf Objekte

Seit dem Morgen durchsucht die Staatsanwaltschaft die Firmenzentrale in Aschheim. Sie ermittelt jetzt auch wegen des Verdachts des Betrugs.

Beim insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard ist am Mittwoch die Staatsanwaltschaft angerückt. Seit dem Morgen durchsucht sie insgesamt fünf Objekte: drei in München, darunter der Firmensitz in Aschheim, sowie zwei Objekte in Österreich. Das gab die Staatsanwaltschaft München I bekannt.

Auch das Privathaus des ehemaligen Vorstandschefs Markus Braun in Wien wird nach Informationen der „SZ“ im Wege der Rechtshilfe durchsucht. Braun ist Österreicher, ebenso das möglicherweise abgetauchte ehemalige Vorstandsmitglied Jan Marsalek.

Insgesamt zwölf Staatsanwälte sind vor Ort im Einsatz, die von 33 Polizeibeamten und weiteren IT-Fachleuten des Polizeipräsidiums München sowie ihren österreichischen Kollegen unterstützt werden. Angesichts des zu erwartenden Umfangs der sicherzustellenden Beweismittel habe die groß angelegte Durchsuchungsaktion eine intensive Vorbereitung verlangt.

„Es geht dabei in erster Linie um die Vorwürfe, die auch Grundlage des u.a. gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Markus Braun erlassenen Haftbefehls sind“, erklärt die Staatsanwaltschaft. Zu den Vorwürfen gehören unrichtige Angaben und Marktmanipulation in mehreren Fällen.

Der ehemalige Wirecard-Chef Braun war in der vergangenen Woche festgenommen worden. Nach einer Nacht im Gefängnis kam er wieder auf freien Fuß, gegen Zahlung von fünf Millionen Euro Kaution und unter der Auflage, sich wöchentlich bei der Polizei zu melden.

Es ist bereits die zweite Razzia bei Wirecard innerhalb von wenigen Wochen. Zuletzt wurde die Staatsanwaltschaft am 5. Juni in Aschheim vorstellig. Damals ging es um den Vorwurf der Marktmanipulation gegen den Wirecard-Vorstand aufgrund der ad-hoc-Mitteilungen vom 12. März und vom 22. April dieses Jahres.

Beträchtliche Umsätze wahrscheinlich erfunden

Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft auch wegen des Verdachts des Betrugs gegen die ehemalige Chefetage des Zahlungsdienstleisters. Neben Bilanzfälschung und Marktmanipulation komme auch Betrug in Betracht, sagte eine Sprecherin der Behörde am Mittwoch in München.

Ermittelt werde gegen den zurückgetretenen Wirecard-Chef Markus Braun, den bis vor kurzem für das operative Geschäft (COO) zuständigen Jan Marsalek und nun auch gegen die amtierenden Vorstandsmitglieder Alexander von Knoop (Finanzen) und Susanne Steidl (Produkte).

Der Zahlungsdienstleister hatte am vergangenen Donnerstag Insolvenz angemeldet, nachdem in der Bilanz für 2019 ein Loch von 1,9 Milliarden Euro offenbar wurde. Nach derzeitigem Stand hatten Wirecard-Manager einen beträchtlichen Teil der Umsätze und Gewinne des Unternehmens in Südostasien und im Mittleren Osten frei erfunden.

Die mutmaßlichen Scheingeschäfte wurden als Umsätze und Gewinne mit Subunternehmern verbucht, die angeblich im Auftrag von Wirecard Zahlungen abwickelten. Anfang vergangener Woche hatte Wirecard schließlich eingeräumt, dass insgesamt 1,9 Milliarden Euro Guthaben auf südostasiatischen Treuhandkonten mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht existieren.

Doch nicht nur dem ehemaligen Vorstand droht nach der Insolvenz ein juristisches Nachspiel. Auch der Wirecard-Aufsichtsrat und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die die Jahresbilanzen von Wirecard testierte, sehen sich mit Klagen und Klagedrohungen wütender Anleger konfrontiert.

Mit Material von Reuters.