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Ratingagentur Moody‘s warnt bei Tui vor „substanziellem Risiko“

Die Ratingagentur Moody‘s stuft die Bonität von Europas größtem Reisekonzern Tui drastisch auf „Ungenügend“ herab. Tui-Chef Joussen steht erheblich unter Druck.

Schon vor der Coronakrise im Dezember hatte Moody‘s die Bonität des Hannoveraner Konzerns auf „spekulativ“ herabgestuft. Foto: dpa

Eine Woche nach der Vorlage der Quartalszahlen von Tui hat die Ratingagentur Moody‘s am Mittwoch die Warnungen vor einem Kreditausfall des Urlaubsanbieters drastisch um zwei Stufen verschärft. Das Geschäft des Reiseveranstalters bleibe selbst dann erschüttert, warnte deren Analyst Vitali Morgovski, wenn der Shutdown durch Corona in den nächsten Wochen gelockert werden sollte.

Schon vor der Coronakrise im Dezember hatte Moody‘s die Bonität des Hannoveraner Konzerns auf „spekulativ“ herabgestuft, weil die notwendigen Investitionen durch den operativen Cashflow nicht mehr gedeckt schienen.

Nach zwei weiteren Abstufungen bewertet sie die Bonität seit Mittwoch mit „Caa1“, womit ein „substanzielles Risiko“ gekennzeichnet ist. 27,8 Prozent der Unternehmen, die von Moody‘s diese mit „Ungenügend“ zu übersetzende Note erhielten, zeigten in den darauffolgenden zwölf Monaten Zahlungsausfälle.

Der 1,8 Milliarden Euro schwere Notkredit der Staatsbank KfW, der Anfang April mit Zustimmung der Hausbanken gewährt wurde, ändert an der Misere nach Ansicht von Moody‘s wenig. Denn der Cash-Abfluss, den das schleppende Geschäft verursacht, werde in diesem Jahr voraussichtlich zwischen 3,5 und vier Milliarden Euro liegen.

So müsse Tui in diesem Jahr Anzahlungen für ausgefallene Reisen erstatten – Ende März besaß Tui 2,2 Milliarden Euro dieser Gelder in der Bilanz. Hinzu kämen teure Gesundheitsmaßnahmen, um das Reisegeschäft wieder anzukurbeln, die Ausgabezurückhaltung der Verbraucher und womöglich sogar eine zweite Infektionswelle.

KfW kann Kredit fällig stellen

Gleichzeitig läuft im Oktober 2021 eine 300 Millionen Euro schwere Anleihe aus. Findet Tui dafür keine Refinanzierung, kann die KfW laut Moody‘s auch ihren 1,8-Milliarden-Kredit fällig stellen, der ansonsten bis Juli 2022 gewährt wird.

Tui-Chef Fritz Joussen steht damit erheblich unter Druck. In der vergangenen Woche kündigte er ein Sparprogramm an, dem bis zu 8000 Stellen zum Opfer fallen werden. Zudem will er Kreuzfahrtschiffe, Hotels und Flugzeuge verkaufen, um sie im Gegenzug zurück zu mieten. Die Kreuzfahrtlinie Hapag-Lloyd soll für 600 Millionen Euro an ein Joint-Venture mit der US-Reederei Royal Caribbean gehen.

Verkäufe weiterer Unternehmensteile, über die in den vergangenen Tagen in einigen Medien berichtet wurde, seien dagegen konkret nicht geplant, sagte ein Konzernsprecher. Zu den Gerüchten aus dem Berliner Regierungsviertel, nach denen der Konzern erneut einen 1,7 Milliarden Euro schweren Hilfskredit beantragen will, hieß es aus der Zentrale in Hannover: „Kein Kommentar.“