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Wie PwC, EY, KPMG und Deloitte ihre Macht im Dax festigen

Es ist Halbzeit bei der Rotation der Wirtschaftsprüfer im Dax: Deutschlands Top-Konzerne bevorzugen weiterhin die großen Anbieter. Eine Zwischenbilanz.

Monatelang hatte sich KPMG auf dieses Projekt vorbereitet: Beim Kampf um das neu zu vergebende Mandat für die Abschlussprüfung des Energiekonzerns Eon wollte sich der Dienstleister unbedingt durchsetzen. Kurz vor Weihnachten konnte Deutschlandchef Klaus Becker Vollzug melden: Der Eon-Aufsichtsrat wird der Hauptversammlung KPMG als neuen Prüfer von 2021 an empfehlen. Deren Zustimmung gilt nur noch als Formsache.

Für die Nummer drei der deutschen Wirtschaftsprüfer war dies ein wichtiger Erfolg. Denn KPMG wird im Zuge der vorgeschriebenen Rotation seine führende Position in der Bilanzprüfung der Dax-30-Konzerne verlieren. Volle 15 Mandate müssen die Berliner abgeben – bisher kam nur Covestro neu hinzu. Das Eon-Mandat galt als prestigeträchtig und lukrativ. 24 Millionen Euro Honorar zahlte der Konzern zuletzt an den Prüfer PwC. Es ist eines der gut dotierten Mandate im Dax.

Der Wechsel markiert die Halbzeit bei der Rotation im Dax. 17 Konzerne haben nun ihre Entscheidung über den Prüferwechsel angekündigt, 13 stehen noch aus. Eine Analyse des Handelsblatts zeigt: Die meisten Neumandate gewinnen EY und PwC. Und: Einen Neuen wird es in der Riege der Abschlussprüfer nicht geben – im Gegenteil: Die „Big Four“ PwC, EY, KPMG und Deloitte festigen als Gruppe ihre Macht im Dax.

Die Rotationspflicht ist Kern einer Reform des Prüfungsmarktes, die die EU vor neun Jahren angestoßen hat. Statt stets auf den gleichen Prüfer zu setzen, sollten die kapitalmarktorientierten Firmen zu Wechseln gezwungen werden. Die Kommission verband damit die Erwartung, dass die Qualität der Prüfung steigt. Eine zu enge Bande zwischen Kunde und Prüfer soll vermieden werden.

Tatsächlich buchen manche Dax-Firmen ihren Prüfer schon seit Jahrzehnten. Sie alle müssen nun wechseln. Nur Siemens (EY) und BASF (KPMG) konnten noch einmal mit ihren bisherigen Prüfern verlängern, da diese erst seit zehn Jahren oder kürzer an Bord sind.

Die EU stieß sich auch an der Dominanz der vier großen Anbieter, die den Markt unter sich aufteilen. Das aber wird sich nicht ändern. „Der Plan der EU, die Macht der Big Four zu brechen, ist nicht aufgegangen“, konstatiert Branchenexperte Jörg Hossenfelder, geschäftsführender Gesellschafter des Marktforschers Lünendonk. Das gilt auch für die MDax-Firmen, bei deren zahlreichen Neuausschreibungen ebenfalls die vier großen Anbieter zum Zuge kamen. Nur im SDax setzten sich kleinere Anbieter wie BDO oder RSM punktuell durch.

Die Gründe für diese Entwicklung sind einfach: „Für die großen Konzerne sind die Big Four stets erste Wahl, weil sie über die meiste Erfahrung und Flächenpräsenz in der Prüfung global weitverzweigter Unternehmen verfügen“, erläutert Hossenfelder. Dazu kommt: Ihnen wird die größte Power bei Investitionen in moderne Digitaltechnik zugerechnet. Big Data und Künstliche Intelligenz werden die Bilanzprüfung in den nächsten Jahren komplett umkrempeln.

EY gilt als Gewinner der Rotation im Dax

Vielfach geht es bei der Mandatsvergabe allerdings einfach um den Preis. Ein Phänomen, das auch KPMG-Deutschlandchef Becker beobachtet: Der Preisdruck bei Ausschreibungen sei spürbar, sagt er im Interview mit dem Handelsblatt und stellt klar: „Wir setzen uns Grenzen und gehen nicht jeden Preisschritt mit.“

Dass KPMG im Zuge der Rotation die Führungsrolle im Dax verlieren wird, sieht Becker gelassen. Zum einen blickt er nicht nur auf die oberste Börsenliga, sondern auf die Topunternehmen insgesamt. So hat die Nummer drei in Deutschland die Prüfungsmandate von Bertelsmann samt der RTL Group sowie von Ikea Deutschland gewonnen.

Zum anderen hat KPMG sein Geschäftsmodell stark aufs Consulting umgestellt. Im abgelaufenen Geschäftsjahr war die Managementberatung erstmals größer als die klassische Abschlussprüfung. Diese Neuorientierung zeigt sich auch bei den anderen drei großen Prüfungsgesellschaften: Sie positionieren sich als Berater bei den Unternehmen, die sie nicht prüfen dürfen oder wollen.

Ihnen kommt dabei entgegen, dass sie die Kunden aus der Prüferzeit bereits gut kennen. So hat PwC ein großes Beratungsmandat bei der Bayer AG, die der Dienstleister bis 2017 jahrzehntelang testiert hat. PwC-Deutschlandchef Ulrich Störk gibt sich aber auch mit der Entwicklung des Prüfungsgeschäfts zufrieden: Im Zuge der Rotation wird PwC zwar viele Mandate verlieren, hat aber bereits mehrere Neuaufträge gewonnen, darunter Allianz, BMW, Fresenius und Munich Re.

Die Nummer zwei der Branche, EY, gilt als Gewinner der Rotation im Dax. Zu den bisherigen drei Mandaten als Abschlussprüfer kommen vier neue hinzu, darunter die attraktiven Aufträge von VW und Deutsche Bank. EY-Deutschlandchef Hubert Barth will weiter punkten: „Wir wollen in jedem Sektor ein großes Mandat haben.“

Es bieten aber nicht alle Anbieter um jedes neue Mandat. Sie müssen abwägen, ob sie einen Konzern lieber prüfen oder als Beratungskunden behalten wollen. Zudem können die Kosten für eine Ausschreibungsteilnahme schnell die Millionengrenze überschreiten. Deloitte, die Nummer vier, will drei bis fünf Prüfungsmandate unter den Dax-30-Unternehmen gewinnen, bisher ist es aber beim Bayer-Auftrag geblieben. Dafür sind die Münchener unter den Big Four derjenige Anbieter mit dem stärksten Wachstum im Consulting.

Die nächstgrößeren Anbieter nehmen es gelassen, dass sie bei der Prüfung im Dax nicht zum Zuge kommen. Anbieter wie BDO, Rödl & Partner, Mazars oder Ebner Stolz buhlen um Beratungsaufträge in Konzernen und Prüfungsmandate im gehobenen deutschen Mittelstand. „Dort agieren sie mit den Big Four auf Augenhöhe“, sagt Experte Hossenfelder. Für die mittelgroßen Prüfer ist es wichtig, große Kundennamen zu haben: Sie brauchen diese Leuchtturmmandate, um als Arbeitgeber im Kampf um Talente attraktiv zu bleiben.