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Einer der profiliertesten Entwickler von VW soll das autonome Fahren voranbringen

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Als Volkswagen-Softwarechef hört Christian Senger auf. Dafür leitet der Manager ab sofort die Entwicklung des autonomen Fahrens der VW-Transportersparte.

Comeback für Christian Senger, 46: Der Volkswagen-Manager übernimmt mit sofortiger Wirkung die Leitung des Bereichs autonomes Fahren bei der hannoverschen Konzerntochter VW-Nutzfahrzeuge. Wie das Unternehmen am Montag mitteilte, soll Senger autonome Konzepte entscheidend für den Konzern voranbringen.

Der Ingenieur gilt als einer der profiliertesten Entwickler im Volkswagen-Konzern. „Er wird uns vom ersten Tag an helfen, unsere ambitionierten Ziele zu erreichen“, sagte Carsten Intra, Vorstandschef der VW-Tochter.

Sengers Karriere beim Wolfsburger Autohersteller schien im Sommer ein plötzliches Ende zu nehmen. Nach gerade einmal zwei Wochen wurde er an der Spitze der gerade gegründeten neuen Einheit Car.Software.Org (CSO) abgelöst. In der CSO will Volkswagen die gesamte Softwarekompetenz des Konzerns bündeln. Bis zum Jahr 2025 sollen rund 10.000 IT-Spezialisten für die neue Tochter arbeiten.

Die Softwarespezialisten der einzelnen Konzernmarken VW Pkw, Porsche und Audi werden dafür zusammengezogen. Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess will damit den Vorsprung des amerikanischen Vorreiters Tesla aufholen. Statt aktuell zehn will der Konzern künftig etwa 60 Prozent der benötigten Software selbst entwickeln und damit nicht mehr Zulieferer beauftragen.

Eigentlich galt der Maschinenbau-Ingenieur Senger als der ideale Kandidat für den Chefposten bei der neuen konzernweiten Software-Einheit. Er hatte zuvor schon mehrere Jahre Erfahrungen bei der Entwicklung von E-Autos und von fahrzeugbezogener Software im VW-Konzern gesammelt.

Nach dem Studium hatte der Bayer bei BMW in München begonnen. Dort machte er zügig Karriere. In seinem letzten und wichtigsten Job bei BMW war er für die Entwicklung der neuen i-Elektromodelle verantwortlich. Danach wechselte Senger nach Regensburg zum Zulieferkonzern Continental, wo er für die Automotive-Sparte tätig wurde.

Mitte 2015 wechselte der damalige BMW-Einkaufsvorstand Herbert Diess nach Wolfsburg und wurde dort neuer Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen-Pkw. Er erinnerte sich an Christian Senger, den er aus gemeinsamen Zeiten bei BMW kannte, und warb ihn bei Continental ab.

Der frühere Kollege aus Bayern bekam bei VW einen neuen Posten, der ihm auf den Leib geschnitten war: Er sollte die neue Elektroplattform MEB entwickeln. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind inzwischen auf der Straße zu sehen. Der VW ID.3 ist das erste Elektro-Serienauto, in dem die MEB-Plattform verwendet wird.

Von der Marke zum Konzern

Vor bald zwei Jahren sollte sich Senger nach Abschluss der wesentlichen MEB-Entwicklungsarbeiten für die Marke VW Pkw um IT und Software kümmern. Dafür rückte er in den Markenvorstand auf. Dieser Schritt sollte signalisieren, dass Softwarethemen im Unternehmen eine stark wachsende Bedeutung bekommen. Herbert Diess, seit Frühjahr 2018 VW-Konzernchef, spricht immer wieder davon, dass Autos zum „Smartphone auf vier Rädern“ werden.

Von der Marke zum Konzern ist es in Wolfsburg kein allzu weiter Weg. Deshalb fiel schnell die Wahl auf Senger, als der Chefposten für die neue konzernweite Software-Einheit CSO besetzt werden sollte. Doch der Automanager verhielt sich unglücklich und fand nur wenige interne Verbündete.

Herbert Diess ging es bei der neuen CSO nicht schnell genug voran, obwohl er Senger dort selbst platziert hatte. Diess entschied im Sommer, dass Audi die Hoheit über die Software-Einheit bekommt. Die Car.Software.Org gehört deshalb seitdem zum Einflussbereich des im Frühjahr eingesetzten neuen Audi-Chefs Markus Duesmann.

Nach seiner Absetzung im Juli hatte Christian Senger mehrere Monate Zeit, um über seine beruflichen Perspektiven nachzudenken. „Er hat sich nicht zurückgezogen und sieht seine Zukunft auch weiter im Volkswagen-Konzern“, sagt ein Kollege aus dem Umfeld.

Jetzt bekommt Senger seine neue Chance – als Entwicklungsverantwortlicher für das autonome Fahren bei der Transportertochter in Hannover. Auf diesem Posten wird Senger deutlich kleinere Teams führen müssen, was ihm im Unterschied zur viel größeren CSO wahrscheinlich entgegenkommt.

Autonome Systeme zu entwickeln ist keine leichte Aufgabe. Außerdem wird die dafür benötigte Software teuer sein. Branchenexperten kalkulieren damit, dass Kunden dafür bis zu 100.000 Euro pro Fahrzeug zahlen müssen. Private Autofahrer, so die Kalkulation in Wolfsburg, werden dieses Geld kaum aufbringen.

Autonome Systeme dürften sich viel eher für kommerzielle Nutzer rentieren. Spediteure und Flottenbetreiber können bei den Lohnkosten sparen, wenn die neuen Computerprogramme den Fahrer ersetzen. Deshalb hat Volkswagen die Entwicklungsarbeiten bei der Transportertochter angesiedelt – dann also künftig angeführt vom Rückkehrer Christian Senger.