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Golf 8 kommt mit reduzierter Elektronik – und in geringerer Stückzahl

Wegen Software- und Elektronikproblemen produziert Volkswagen nur ein Achtel der ursprünglich geplanten Stückzahl des neuen Golf 8. Auch einige Funktionen fallen erstmal weg.


Der neue Volkswagen Golf wird zu Anfang nur mit einem reduzierten Elektronikpaket verkauft. Die ursprünglich geplante elektronische Vollausstattung kommt erst später bei der weiteren Aufstockung der Produktion dazu. Das bestätigte ein Volkswagen-Sprecher in Wolfsburg. Über diesen Splitt des Elektropakets für den neuen Golf hatte zuerst der „Spiegel“ berichtet.

In diesem Jahr steht bei Volkswagen mit dem Produktionsstart des neuen Golf einer der bedeutendsten Modellwechsel des gesamten Konzerns auf dem Programm. Trotz des bevorstehenden Einstiegs in die Elektromobilität ist der Golf zumindest in Europa immer noch das wichtigste Auto aus der gesamten Volkswagen-Gruppe.

Der neue Golf, für den in diesem Jahr der Produktionsstart der achten Generation geplant ist, soll einen Teil der elektronischen und digitalen Funktionen bekommen, die auch für die Familie der neuen Elektrofahrzeuge vorgesehen sind. Dazu gehört vor allem ein „Infotainment“-Paket, das eine viel bessere Navigation und eine dauerhafte digitale Verbindung zu den neuen Golf-Modellen gewährleisten soll.

Infotainment-System erstmal nur abgespeckt

Doch genau dieses „Infotainment“-Paket bereitet Volkswagen schon seit Monaten Probleme. Die technische Entwicklung in Wolfsburg bekommt die digitale Ausstattung des neuen Golf nicht in den Griff. Auch offiziell bestätigt Volkswagen jetzt, dass das geplante Produktionsvolumen für das neue Golf-Modell in diesem Jahr von rund 80.000 auf gut 10.000 Exemplare heruntergefahren wird. Welche Funktionen beim Infotainment genau erstmal wegfallen, ist nicht bekannt.

Die Aufteilung der neuen digitalen Technik in zwei Pakete soll dafür sorgen, dass der Start der Produktion in diesem Jahr auf jeden Fall noch gewährleistet werden kann. Um Stabilität bei der Entwicklung und dem Produktionsanlauf zu gewährleisten, sei eine Priorisierung der Fahrzeugfunktionen vorgenommen worden, hieß es dazu aus Unternehmenskreisen.

Das erste digitale Paket stehe zur Markteinführung zur Verfügung, das zweite werde zu einem späteren Zeitpunkt nachgeliefert. „Das ist eine übliche Vorgehensweise, die wir auch bei anderen Modellreihen so umgesetzt haben“, ergänzte ein Sprecher.


Volkswagen hält nach Unternehmensangaben auf jeden Fall am Produktionsstart in diesem Jahr fest. Die Markteinführung ist für Jahresende geplant, tatsächlich bei den Händlern dürfte das neue Auto erst im Frühjahr nächsten Jahres stehen. Damit weiche der Wolfsburger Autohersteller jedoch nicht von den ursprünglichen Planungen ab.

Volkswagen hat noch einen anderen Grund, die Markteinführung des neuen Golf unbedingt in diesem Jahr schaffen zu wollen. Zum Jahreswechsel 2020 verschärfen sich die Crashtest-Bedingungen. Würde Volkswagen mit dem neuen Auto nicht rechtzeitig bis zum Jahresende fertig, dürfte sich der Verkaufsstart im nächsten Jahr unter neuen Crashtest-Bedingungen weiter verzögern.

Ergänzend hieß es in Wolfsburg zu den Problemen beim neuen Golf, dass die technische Entwicklung extrem angespannt sei. „Die Beschäftigten dort arbeiten unter enormen Druck“, verlautete aus Unternehmenskreisen. Die Ingenieure hätten nicht nur Standardmodelle wie den Golf erneuern müssen. Dazu sei auch die komplett neue Generation der Elektrofahrzeuge aus der ID-Familie gekommen. Außerdem habe die Bewältigung der Dieselaffäre seit Ende 2015 für enorme Belastungen gesorgt.

VW-Chef Diess lobt seine Ingenieure

Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess versucht, den eigenen Ingenieuren Mut zu machen. Er lobte auf der Internet-Plattform „LinkedIn“ das Engagement und die „Intensität der Arbeit“ der zuständigen Entwicklerteams. Der Golf werde „im Volumensegment bei Vernetzung und Fahrerassistenz neue Maßstäbe setzen“.

Diess hatte schon Ende März in einer Betriebsversammlung vor den großen Herausforderungen durch die zusätzliche digitale Ausstattung der neuen Fahrzeuge gewarnt. „Wir merken bei den aktuellen Anläufen, wie komplex diese Herausforderung ist. Wir tun uns schwer mit dieser Komplexität“, sagte er. Volkswagen habe in der Vergangenheit „zu wenig Fokus auf die Software-Entwicklung“ gelegt, andere Autohersteller seien auf diesem Feld schneller vorangekommen.


„Der Fehlerabbau im Software-Bereich ist kritisch“, ergänzte Diess. Das betreffe nicht nur den neuen Golf, sondern auch den neuen Passat und das erste Auto aus der neuen Elektrofamilie, den ID Neo. Bereits der Audi A8 und der neue VW Touareg seien wegen der Software-Probleme mit einem Jahr Verspätung auf den Markt gekommen.

Der Golf müsse immer wieder den Standard in seiner Klasse neu setzen. Das schließe Software und die digitale Vernetzung wesentlich mit ein. „Wir können hier keine Kompromisse machen. Lieber nehmen wir eine kurze Verzögerung in Kauf“, so Diess weiter. Alle Beteiligten arbeiteten fieberhaft daran, den Anlauf in der zweiten Jahreshälfte zu erreichen. „Und ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen werden, wenn alle mit anpacken.“

Um die Software-Probleme schneller in den Griff zu bekommen, will Volkswagen jetzt noch intensiver mit seinen Zulieferern zusammenarbeiten. Eine Schlüsselrolle kommt dabei auf Bosch und Continental zu, die beiden wichtigsten deutschen Zulieferer.

Diess hat sich mit Bosch- und Conti-Chefs getroffen

In VW-Kreisen wurde bestätigt, dass sich Diess erst vor kurzem mit seinem Conti-Kollegen Elmar Degenhart und Bosch-Chef Volkmar Denner in Wolfsburg getroffen hat. Die drei Topmanager hätten darüber gesprochen, wie sich die Software-Probleme bei VW schneller in den Griff bekommen ließen. Autohersteller wie Volkswagen verlassen sich beim Start neuer Modelle sehr intensiv auf das Know-how seiner Zulieferer.

Der ID Neo, das erste Auto aus der neuen Elektrofamilie, soll auf jeden Fall wie ursprünglich geplant in diesem Jahr seinen Produktionsstart erleben, hieß es ergänzend in Wolfsburg. Vorbestellungen für das neue Modell sollen wie vorgesehen von Mai an abgegeben werden können.

Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) im September in Frankfurt wird das Auto der Öffentlichkeit präsentiert. Der Produktionsstart ist für Ende des Jahres im VW-Werk Zwickau geplant, die Markteinführung für Sommer 2020.