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Präsenz trotz Pandemie: Wie Messen mit Hygienekonzepten um Besucher kämpfen

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Viele Messen sind wegen Corona verschoben oder digital veranstaltet worden. Die Veranstalter tüfteln daran, Events Pandemie-fest zu machen.

Die Koelnmesse zeigt, wie sie Pandemien trotzen will. In Halle 9 des Geländes im Stadtteil Deutz hat die Betreibergesellschaft auf 5000 Quadratmetern ein Messe-Musterdorf aufgebaut. Das sogenannte #B-SAFE4business-Village soll demonstrieren, wie Messen unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln auch während globaler Infektionsgeschehen wie Covid-19 möglich sind. Dazu gehört etwa ein Streaming-Studio, ein kamerabasiertes Personenzählsystem, ein kontaktloser Körperscanner und die App „eGuard“, die Besucherströme lenkt.

Für die App wurde mit Samsung ein neues System entwickelt. Dies überwacht anonymisiert Personenzahlen und Besucherverhalten in den Hallen und stellt die Infos Messeteilnehmern in Echtzeit zur Verfügung. So können Besucher volle Hallen meiden und warten, bis sich der Andrang gelegt hat. Messechef Gerald Böse beabsichtigt „eine Umgebung zu schaffen, in der Begegnung und Business wieder wachsen können“.

Die Koelnmesse will mit dem Musterdorf demonstrieren, dass Veranstaltungen wie die Art Cologne im November oder die Internationale Möbelmesse im Januar möglich sind. „Die Beteiligung wird deutlich fokussierter werden: bei den Kunstmessen eher auf den deutschen Markt orientiert, auf der IMM Cologne zum Beispiel stark europazentriert. Aber die Messen werden stattfinden“, sagt Oliver Frese, COO der Koelnmesse.

Nach fast sechs Monaten Corona-bedingtem Stillstand wurden seit September erstmals wieder größere Präsenzmessen in Deutschland abgehalten. Insgesamt zwölf Veranstaltungen zogen rund 180.000 Besucher an, ermittelte der Verband der deutschen Messewirtschaft Auma. Darunter der Caravan Salon in Düsseldorf, Europas größte Kreativmesse Creativa in Dortmund und die Cadeaux in Leipzig.

Für Auma-Geschäftsführer Jörn Holtmeier sind das „ermutigende Signale für die weiteren in diesem Jahr geplanten Messen“. Viele Aussteller und Besucher hätten auf den Neustart mit Publikumsverkehr gewartet, um ihr Geschäft wieder in Gang zu bringen. „Der Weg in die Normalität ist lang, aber wir kommen vorwärts.“ So sind für Oktober bis Jahresende mehr als 20 regionale Messen geplant, wie die Infa in Hannover oder die Consumenta in Nürnberg.

Reiserestriktionen verunsichern

Die meisten internationalen Großmessen hingegen sind mangels Aussteller- und Besucherbeteiligung aus dem Ausland in den virtuellen Raum verlegt oder verschoben worden. So findet die Frankfurter Buchmesse diese Woche rein digital statt. Die Immobilienmesse Expo Real, die für Mittwoch und Donnerstag als hybrides Event in München geplant war, wurde zwei Tage vor Beginn abgesagt.

Weil München zum Corona-Risikogebiet erklärt worden war, hatten zahlreiche Teilnehmer zurückgezogen. Klaus Dittrich, Chef der Messe München, blieb keine Wahl außer der Absage: „Nach der heutigen Entwicklung wäre der Expo Real Hybrid Summit kein Treffpunkt für die Immobilienbranche geworden und würde damit den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden.“

Die Messe Frankfurt hatte vor drei Wochen verkündet, dass sie im ersten Quartal 2021 keine eigenen physischen Messen am Standort veranstalten wird. Das betrifft große Branchenschauen wie die Ambiente und Heimtextil, die Sanitärmesse ISH oder die Paperworld. Auch die werden verschoben oder finden digital statt.

„Vor dem Hintergrund der erneuten Verschärfung behördlicher und vor allem auch firmeninterner Reiserestriktionen führt der aktuelle Pandemieverlauf leider zu einer zunehmenden Verunsicherung seitens der Messekunden“, begründete die Messe Frankfurt den Schritt.

Andere in der Branche, allen voran Köln, fühlten sich durch dieses Signal von Deutschlands größter Messegesellschaft überrumpelt. „Der Zeitpunkt der Frankfurter Entscheidung ist überraschend, gerade weil sich aktuell der Messemarkt auch in Deutschland wiederbelebt“, meint Gerald Böse.

Allerdings sorgen derzeit steigende Corona-Fallzahlen und verwirrende Reiserestriktionen für Verunsicherung. Branchenexperte Jochen Witt fürchtet, dass die Messeflaute in Deutschland noch weit bis ins nächste Jahr reichen könnte. „Reiserestriktionen, Zurückhaltung der Unternehmen ihre Mitarbeiter reisen zu lassen, die Erkenntnis, dass nicht jede Messereise erforderlich ist und ein Erstarken der digitalen Kommunikation werden zu einer deutlichen Reduktion von Besucher- und damit auch Ausstellerzahlen führen“, meint der Gründer der Messe-Beratung JWC.

Mittelstand braucht Präsenzmessen

So hat sich etwa Coca-Cola Deutschland entschlossen, im ersten Quartal 2021 nicht als Aussteller an Fachmessen teilzunehmen. Das betrifft die Gastromesse Internorga in Hamburg und die Biofach in Nürnberg. Gesundheit und Sicherheit von Kunden und Mitarbeitern stehe an erster Stelle, heißt es. „Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, da Teilnahmen an nationalen und internationalen Fachmessen der Branchen ein wichtiges Instrument sind, um die Beziehungen zu unseren Kunden zu pflegen und auszubauen, sowie neue Produkte, Packungen und Services zu präsentieren“, sagte Jörn Eßlinger, Head of Commercial Activations, Partnerships & Asset Management bei Coca-Cola Europa.

Manche Messeveranstalter wie Klaus Plaschka, Geschäftsführer der Gesellschaft für Handwerksmessen (GHM), fürchten, Unternehmen könnten sich von Messen entwöhnen und teilweise auf andere Marketingkanäle umsteigen. Aussteller auf Publikumsmessen wiederum erwarten laut Plaschka sehnsüchtig den Neustart der Branchenschauen. „Sie sagen uns: Wenn die Messe nicht stattfindet, bin ich pleite.“ Die GHM hofft auf Präsenzmessen wie die Verbraucherausstellung „Heim+Handwerk“ Ende November in München.

Präsenzmessen seien gerade für den Mittelstand bedeutsam, betont Diana Scholl, Leiterin politische Netzwerke und Strategie des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft. Besonders produzierende Mittelständler wollten ihre Produkte so präsentieren, dass Kunden sie anfassen könnten. „Messen vor Ort sind wichtig“, so Scholl. „Wenn eben derzeit große Veranstaltungen nicht möglich sind, so sollten Messen wenigstens klein wieder anfangen.“