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Plötzlich Machtzentrum

·Lesedauer: 4 Min.

Die Deutsche Börse gilt als einer der langweiligsten Dax-Konzerne, jetzt übernimmt das Unternehmen passend zum Investorentag den wichtigen Anlageberater und Datenanbieter ISS – und steigt so zur globalen Macht auf.

Es kommt ja nicht mehr allzu häufig vor, dass gleich eine ganze Schar von Analysten die Aktie eines Frankfurter Finanzkonzerns zum Kauf empfiehlt. Das jahrelange Leiden der Deutschen Bank und der kleineren Commerzbank ist vielfach seziert worden, kaum ein Beobachter würde noch zum Kauf der Papiere raten. Bei der Deutschen Börse ist das anders, da empfiehlt gleich mehr als eine Hand voll Analysten die Aktie zum Kauf.

Wobei: Die Deutsche Börse sitzt wenige Kilometer hinter der Frankfurter Stadtgrenze, im Vor-Taunus-Vorort Eschborn, weil die Gewerbesteuern da so schön niedrig sind. Immerhin muss an diesem Mittwoch kein Aktionär die Fahrt dorthin auf sich nehmen, wenn der Dax-Konzern zum Investorentag lädt. Wegen der Coronapandemie findet das Treffen rein virtuell statt. Die Deutsche Börse dürfte allerdings trotz der positiven Analysten-Voten viel zu erklären haben.

Der Grund: Die Fast-Frankfurter haben am Dienstagabend bekanntgegeben, dass sie die Mehrheit am Daten- und Analyseanbieter Institutional Shareholder Services (ISS) übernehmen – und somit künftig Milliarden und Abermilliarden an Investorengelder lenken. Deutsche Börse? ISS? Noch nie gehört?

Zugegeben: Die Deutsche Börse verfügt nicht gerade über ein Geschäftsmodell, das auf Laien super anziehend wirkt. Der Konzern betreibt nicht nur die Börse Frankfurt, sondern auch das wichtigste deutsche Börsenhandelssystem Xetra und die Eurex, an der Anleger komplizierte Derivate kaufen oder verkaufen. Die immer noch große Bedeutung dieser Bereiche darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Konzern seit Längerem versucht, sich noch stärker in anderen Bereichen zu engagieren.

Zugespitzt formuliert: Die Deutsche Börse will weniger abhängig sein vom klassischen Börsengeschäft, vom reinen Handel mit Wertpapieren.

Das zeigt wie im Brennglas die Übernahme von ISS, mit einem Kaufpreis von 1,5 Milliarden Euro immerhin die größte Übernahme der Deutschen Börse seit der Finanzkrise. ISS mit seinen mehr als 2000 Mitarbeitern bietet einen Strauß an Produkten an, besonders einflussreich ist die US-Firma in ihrer Rolle als Stimmrechtsberater.

Großinvestoren wie Versicherer und Fondsgesellschaften bezahlen ISS dafür, dass die Amerikaner ihnen sagen, wie sie auf Hauptversammlungen abstimmen sollen. Selbst Profianleger verlieren bei der Vielzahl an börsennotierten Firmen in ihren Depots den Überblick, wo sie wie abstimmen sollten. Zudem bietet ISS Daten an, mit deren Hilfe Investoren abschätzen können, wie nachhaltig ein Unternehmen ist.

Die Bedeutung beider Bereiche kann man gar nicht überschätzen: Wenn Stimmrechtsberater wie ISS die Abwahl eines Vorstands- oder Aufsichtsratschefs empfehlen, müssen Manager um ihren Posten bangen, weil sich Investoren danach richten. Oder: Wenn ISS einen Konzern für nachhaltiger hält als einen Konkurrenten, kaufen Anleger die Aktie des sauberen Unternehmens – während das Papier des Mitbewerbers abstürzen könnte.

Das Geschäft von ISS ist sicherlich zukunftsträchtig, vor dem Hintergrund der Klimakrise lechzen Profianleger nach Nachhaltigkeitsdaten – und beteuern allenthalben, ihre Verantwortung als Miteigentümer ernst zu nehmen. Da greifen sie gerne auf Stimmrechtsanalysen zurück. Klar: Auf dem Feld kämpfen auch zahlreiche Konkurrenten von ISS um Kunden, ein Preis- und Margenverfall dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

Entscheidender für die Deutsche Börse ist aber etwas Anderes: Während sich die breite Öffentlichkeit für das Unternehmen mit seinen 6500 Mitarbeitern meist kaum interessiert (außer der Konzern versucht sich mal wieder an der Übernahme einer anderen Börse), dürfte sich das künftig ändern. Darf der Bayer-Vorstand bleiben, wird Paul Achleitner doch noch als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank abgelöst – und ist BMW eigentlich nachhaltiger als Daimler? Und der Einfluss von ISS reicht über die Landesgrenzen hinaus, bei ausländischen Konzernen geht es ja um ähnliche Fragen.

Bislang haben diese Entscheidungen Mitarbeiter einer weitgehend unbekannten US-Firma getroffen, jetzt ist es die Tochter eines hessischen Konzerns. Das zeigt, welches Risiko die Deutsche Börse mit ihrem Coup eingeht. Künftig wird sie für die Entscheidungen verantwortlich gemacht werden – auch wenn der Konzern beteuert, dass ISS weiter unabhängig operieren wird.

Vor vielen Jahren hat sich hierzulande der Begriff Deutschland AG eingebürgert: Er sollte das engmaschige Netzwerk hiesiger Manager beschreiben, die sich alle kannten und stützten. Mittlerweile haben sich diese Verbandelungen nahezu gelöst. Die Deutsche Börse ist soeben zu einem globalen Machtzentrum geworden – womöglich zu einer neuen Art von Deutschland AG, relevanter als es die alte je war.

Mehr zum Thema: Neobroker wie Trade Republic und Robinhood machen Börsenhandel dank videospielähnlicher Apps einfach und billig. Anleger zahlen aber oft an anderer Stelle drauf.