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Obwohl Deutschland gut ausgebildete Beschäftigte braucht: Wie durch deutsche Bürokratie ukrainische Fachkräfte in Billiglohn-Jobs gedrängt werden

Aus der Ukraine flüchten vor allem Frauen. Ein hoher Anteil unter ihnen mit akademischer Laufbahn.
Aus der Ukraine flüchten vor allem Frauen. Ein hoher Anteil unter ihnen mit akademischer Laufbahn.

Am Universitätsklinikum in der sächsischen Stadt Halle plant Steve Glaubauf, Vize-Direktor des Pflegediensts, schon seit Wochen, wie er rund 20 Ukrainerinnen als Pflegekräfte unterbringt. Viele sind allein mit ihren Kindern aus dem ostukrainischen Donbass-Gebiet geflohen, die deutsche Sprache ist ihnen noch fremd. Einige haben schon als Pflegekraft in der Ukraine gearbeitet, andere haben hingegen noch gar keine Erfahrung. Mit seinem Team sichtet Glaubauf deshalb Arbeitszeugnisse, organisiert Wohnungen, Kita- sowie Schulplätze und telefoniert mit den zuständigen Ämtern.

Sechs der Ukrainerinnen hat er schon einen Platz in Sprachkursen der Stadt Halle verschafft, den sie vier Stunden am Tag besuchen. Nebenher hospitieren sie als Pflegehelferinnen auf verschiedenen Klinik-Stationen. "Wir haben den Vorteil, dass wir bereits einen Prozess für Pflegefachkräfte aus dem Ausland aufgesetzt haben, den wir jetzt entsprechend anpassen", erklärt Glaubauf. Dazu gehörten Mentoren aus den Ärzte- und Pflegeteams und ein Ausbildungsprogramm für Pflegefachkräfte und Pflegehelfer.

Doch selten sind Unternehmen so gut auf die Integration der ukrainischen Geflüchteten vorbereitet wie das Universitätsklinikum in Halle. Die wenigsten haben überhaupt einen Prozess. Hinzukommt: Selbst mit Prozess bleibt es für Unternehmen oft eine große Herausforderung, Ukrainern beim Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu helfen: Weil Ämter lange brauchen, um ihre beruflichen Qualifikationen aus der Ukraine anzuerkennen, den Ukrainern oft die nötigen Deutschkenntnisse für mögliche Jobs fehlen oder weil es keine Betreuung für ihre Kinder gibt.

"Viele Fachkräfte arbeiten einfach in Jobs, für die sie überqualifiziert sind"

Mit welchen Herausforderungen hoch qualifizierte Ukrainer und Ukrainerinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt konfrontiert sind, erlebt auch Diana Henniges in den knapp 90 Beratungen am Tag im Berliner Flüchtlingshilfeverein "Moabit hilft". Denn die meisten, die hier ankommen, wollen lieber selbst Geld verdienen, als von Sozialleistungen zu leben.

Beispielhaft dafür steht auch der Beratungsfall einer ukrainischen Zahnärztin, die in Großbritannien bereits Patienten behandelte. "Als ich ihr sagte, dass sie erst ein C2-Sprachniveau in Deutsch vorweisen muss und die Anerkennung ihres Studiums mehrere Monate dauern könnte, brach sie in Tränen aus", sagte Henniges Business Insider. Die Ärztin habe es nicht verstanden, dass es trotz ihrer hohen Qualifikationen so lange dauere, bis sie arbeiten könne. Sie habe sich am Ende nicht mal mehr in Deutschland registriert und direkt ein Visum in Großbritannien beantragt.

Nicht alle Geflüchteten wenden sich jedoch vom deutschen Arbeitsmarkt ab, wenn sie nicht direkt in ihrem ursprünglichen Beruf arbeiten können: "Viele Fachkräfte arbeiten einfach in Jobs, für die sie überqualifiziert sind, um schnell Geld zu verdienen", so Henniges. Kfz-Meister mit 25 Jahren Berufserfahrung würden dann als Uber-Fahrer anfangen, Pflegefachkräfte als Spülerinnen in Restaurants. Eine Entwicklung, die Henniges kritisch bewertet: "Wir verlieren hoch qualifizierte Fachkräfte, wenn wir sie nicht schnell genug in passende Jobs vermitteln." Deshalb müsse es schnellere Prozesse geben, um Ausbildungen in Deutschland anzuerkennen, auch für stark reglementierte Berufe wie Ärztinnen, Krankenpfleger oder Physiotherapeuten.

Geflüchtete müssen mehr Zeit aufbringen, wenn sie in ihren gelernten Berufen arbeiten wollen

Bislang gibt es bundesweit aber erstmal nur Erleichterungen für Geflüchtete, die nicht in reglementierten Berufen arbeiten: Statt einer offiziellen Anerkennung der beruflichen Qualifikationen soll eine Selbsteinschätzung ausreichen, beschlossen Kanzler und Länderchefs auf ihrer Konferenz Anfang April. "Offen bleibt jedoch, wie viel Wert diese im Vergleich zu einer formellen Anerkennung hat", erklärt Arbeitsmarkt- und Integrationsexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg Business Insider. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) etwa befürchtet, dass die offizielle Anerkennung der Qualifikationen langfristig unverzichtbar für den Arbeitsmarkt in Deutschland bleibt. Nicht alle Unternehmen stellen auf Selbsteinschätzung ein.

Alltag im Kindergarten: Es fehlt an Fachkräften wie Erzieherinnen.
Alltag im Kindergarten: Es fehlt an Fachkräften wie Erzieherinnen.

Unter diesen Voraussetzungen müssen die knapp 700.000 registrierten, ukrainischen Geflüchteten deshalb eine schwierige Entscheidung treffen: Die Menschen können erst Deutsch lernen und auf eine Anerkennung ihrer Qualifikationen warten, damit sie später in einem Job arbeiten könnten, für den sie ausgebildet sind, erklärt Brücker. Der Nachteil sei dabei ähnlich wie bei Langzeitarbeitslosen: "Wenn sie zu lange nicht arbeiten, ist es schwieriger, wieder Anschluss im Arbeitsmarkt zu finden", sagt der IAB-Arbeitsmarktforscher. Dennoch haben laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schon 80.000 Ukrainer bereits einen Integrationskurs beantragt, also mehr als jeder Zehnte.

Die andere Option, die Ukrainern bleibt, ist – wie Flüchtlingsberaterin Henniges beschreibt – schnell einen Job annehmen, für den viele Geflüchtete überqualifiziert sind: Uber-Fahrerinnen, Putzkraft oder Spüler. Die Gefahr dabei: "Oft führt das auf Dauer zu Frustration unter den Menschen, weil sie unterfordert sind und keine Wertschätzung für ihre eigentlichen beruflichen Kompetenzen erhalten", sagt Brücker. Zeitgleich nehme der Wert ihrer Qualifikationen mit der Zeit ab, weil sie keine berufliche Praxis mehr hätten.

Um Fachkräfte zu gewinnen, müssen Unternehmen in die Integration Geflüchteter investieren

Dabei wären qualifikationsgerechte Jobs nicht nur für die Geflüchteten selbst besser, sondern kämen auch der deutschen Wirtschaft zugute: "Geflüchtete, die in ihren erlernten Jobs arbeiten können, haben eine höhere Motivation, in Deutschland zu bleiben", sagt Brücker. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels kann das dem deutschen Arbeitsmarkt helfen: Immerhin ist das untersuchte Bildungsniveau der ankommenden Ukrainer hoch, ein Großteil sei Akademiker, so Brücker. Erst im Mai waren bei der Bundesagentur für Arbeit zudem 865.000 offene Stellen gemeldet, darunter auch viele Stellen für Fachkräfte.

Für mehr Fachkräfte müssen Unternehmen jedoch auch bereit sein, in die Integration von Fachkräften zu investieren, also in berufsbegleitende Sprachkurse, Wohnungssuche und Kinderbetreuung. Wie im Universitätsklinikum in Halle: Dort hat man sich bereits für diese Investitionen entschieden – und es könnte sich lohnen. Läuft es gut, können die ersten sechs Ukrainerinnen nach einem halben Jahr ausreichend Deutsch und nach einem Dreivierteljahr allein als Pflegehelferinnen arbeiten.

Die neue BA-Chefin Andrea Nahles (SPD, 2. v. rechts) mit ihrem Vorgänger und noch amtierenden BA-Chef Detlef Scheele (2. von links).
Die neue BA-Chefin Andrea Nahles (SPD, 2. v. rechts) mit ihrem Vorgänger und noch amtierenden BA-Chef Detlef Scheele (2. von links).



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