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Niedrigwasser im Rhein wird Risiko für die deutsche Konjunktur: die Kosten steigen, der Nachschub stockt, Ausfälle drohen

Niedrigwasser am Rhein bei Bonn im August 2022  - Copyright: Augst/Eibner-Pressefoto
Niedrigwasser am Rhein bei Bonn im August 2022 - Copyright: Augst/Eibner-Pressefoto

Die deutsche Wirtschaft wackelt. Lieferengpässe, steigende Kosten und Zinsen, Arbeitskräftemangel und die enormen Risiken in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine haben nicht nur die Erholung nach der Corona-Krise weitgehend zunichtegemacht. Viele Experten erwarten sogar, dass Deutschland in eine Rezession rutscht, die Wirtschaft also schrumpft. Nun kommt ein neues, erhebliches Risiko hinzu: die anhaltende Trockenheit. Der Wasserstand im Rhein ist ungewöhnlich früh im Jahr so niedrig, dass die Schifffahrt eingeschränkt werden muss. Das hat Folgen für Unternehmen, Kraftwerke und die gesamte Wirtschaft.

Der Verband der Binnenschiffer warnt bereits: „Das aktuelle Niedrigwasser behindert in zunehmendem Maße die Güterschifffahrt in Deutschland“. Die Schifffahrt zähle beim Transport von Kohle, Getreide, Futtermitteln, Baustoffen, Mineralöl, Containern und Industrie-Rohstoffen zu den "systemrelevanten Größen". Wegen der sinkenden Wasserstände, insbesondere an Rhein, Elbe und Donau, können Schiffe nur noch einen Teil der sonst üblichen Ladung mitnehmen, um nicht auf Grund zu laufen. Teilweise müssen sie die Ladung auf ein Viertel reduzieren.

Das treibt die Preise in ungeahnte Höhen. Die Preise für Transporte per Schiff vom wichtigen Hafen Rotterdam nach Karlsruhe stiegen laut der Agentur Reuters Mitte der Woche auf 110 Euro je Tonne. Dies seien allein 16 Euro mehr als am Vortag. Bevor die Wasserstände zu sinken begannen, mussten Frühsommer nur etwa 20 Euro je Tonne gezahlt werden.

Beispiel Kohle: Bereits Anfang August warnte der Energiekonzern Uniper, dass der niedrige Wasserstand den Nachschub für das bedeutsame Kohlekraftwerk Staudinger 5 in Hessen gefährde. Es drohe eine Drosselung der Stromproduktion. Aufgrund begrenzter Kohlevorräte könne es bis zu Unregelmäßigkeiten im Betrieb des größten Kraftwerks in Hessen kommen. Auch der Chemiekonzern BASF schließt dem Reuters-Bericht zufolge Kürzungen der Produktion nicht aus.

Die Probleme der Binnenschifffahrt sind ein Risiko für die gesamte deutsche Wirtschaft. Darauf weisen die Ökonomen der Deutsche Bank hin. Sie erinnern an das Dürrejahr 2018. Damals habe ein Stillstand der Binnenschifffahrt zu einem Verlust von 0,2 Prozentpunkten Wirtschaftswachstum geführt. In diesem Jahr könnten die negativen Effekte aufgrund der angespannten Gesamtlage einen noch viel stärkeren Schaden anrichten.

Der Wasserstand des Rheins an der wichtigen Messstelle Kaub war bereits am 3. August auf 60 Zentimeter gefallen. Nur eine Woche später waren es nur noch 48 Zentimeter. Das war zwar immer noch über dem niedrigsten Stand 2018 mit damals 25 Zentimetern. Er sei aber bereits jetzt so niedrig, dass Schiffe Ladung reduzieren müssen. Und Regen ist nicht in Sicht.

Normalerweise würden niedrige Wasserstände erst gegen Ende des Sommers oder im frühen Herbst auftreten. "In diesem Jahr nehmen die Probleme bereits im Juli zu", schreiben die Ökonomen der Deutschen Bank.

Ausgerechnet jetzt stockt der Nachschub für Kohlekraftwerke

In Deutschland wurden 2020 rund vier Prozent aller Güter über Wasserstraßen transportiert, deren wichtigste der Rhein ist. Aktuell ist die Bedeutung der Binnenschifffahrt aber größer. Nach Daten aus dem April 2022 machten Kohle und Koks, Gas, Rohöl und Ölprodukte rund 30 Prozent aller Güter aus, die über Deutschlands Flüsse transportiert wurden.

Für den Plan, den Ausfall von Gaslieferungen aus Russland durch mehr Strom aus Kohlekraftwerken auszugleichen, ist besonders der Rhein von großer Bedeutung. Ein Großteil der benötigten Steinkohle wird aus den Häfen Amsterdam, Rotterdam oder Antwerpen über den Rhein nach Deutschland transportiert. Nach Angaben der Unternehmen reichten die Kohlereserven bei den meisten Kraftwerken nur aus, um etwa eine Woche lang die Stromerzeugung unter Vollast zu gewährleisten.

Neben den Problemen beim Nachschub von Kohle und anderen Gütern bringen niedrige Wasserstände im Rhein weitere Probleme mit sich. Viele Unternehmen an Flüssen wie dem Rhein sind darauf angewiesen, dem Fluss Wasser zu entnehmen, vor allem für die Kühlung. Sinkt der Wasserstand, dürfen sie weniger Wasser entnehmen und dürfen es auch nur zu niedrigeren Temperaturen wieder einleiten.

Die Ökonomen der Deutschen Bank weisen dann noch auf ein besonderes Risiko niedriger Wasserstände hin: "Wenn es unter den gegebenen Umständen einen Unfall gibt und ein Schiff den Fahrkanal blockiert, wären die Folgen viel ernster als in normalen Zeiten."