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New Yorker Immobilienkäufer zieht es in die Vororte

Mit der Pandemie werden Standorte jenseits der Enge der Metropole attraktiver. Vor allem der Markt für Luxuswohnungen in Hochhäusern bricht ein.

„Eigentlich sind wir ja keine Menschen für die Vororte. Aber seit Corona wirkt New Jersey auf einmal viel attraktiver“, sagt Johnny, der Vater eines achtjährigen Kindes. Er und seine Frau denken ernsthaft darüber nach, New York zu verlassen und ihre kleine Wohnung für ein Haus mit Garten im Nachbar-Staat einzutauschen.

Mit knapp 180.000 Fällen und fast 20.000 Toten ist New York zu einem weltweiten Epizentrum des Coronavirus geworden. Viele Bewohner haben längst das Weite gesucht. Sie warten in Vermont, Maine oder im ländlichen Pennsylvania auf das Ende der Pandemie. Viele von ihnen könnten der Stadt auch in Zukunft fernbleiben. Weitere könnten folgen. Die Umzugsunternehmen haben schon jetzt volle Auftragsbücher, und die Richtung ist immer die gleiche: raus aus New York.

Der Immobilienmarkt der Stadt steht derzeit fast komplett still. Experten rechnen damit, dass sich der Markt mit der Pandemie auch längerfristig verändern wird. Vor allem Wohnungen in Hochhäusern mit gemeinsamen Aufzug und Fluren werden unattraktiver. Einfamilienhäuser innerhalb und außerhalb der Stadt gewinnen dagegen an Interessenten.

Alison Bernstein vom Immobilienmakler Suburban Jungle, der sich auf New Yorker spezialisiert hat, die aus der Stadt wegziehen wollen, berichtet, dass sich die Anfragen bei ihrer Firma gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifacht haben. „Wir sehen einen Massenexodus“, sagt sie. Dabei würden die Kunden nicht nur nach Vororten in New Jersey, Connecticut oder Long Island suchen, sondern auch nach Alternativen in Texas oder Florida. Auch Sebastian Steinau vom gehobenen Immobilienmakler Corcoran beobachtet: „Wie schon nach dem 11. September und nach dem Hurrikan Sandy erwägen auch jetzt wieder viele Familien, wegzuziehen aus der Stadt.“ Vor allem im Luxussegment erwartet er weitere Preiseinbrüche.

Luxusmarkt bricht ein

Da New York in den vergangenen Jahren extrem viele Luxushochhäuser gebaut hat, war bereits vor dem Coronavirus ein Überangebot von teuren Wohnungen auf dem Markt. „Im oberen Segment waren die Preise schon vor der Pandemie um 20 bis 25 Prozent gefallen“, sagt Steinau. „Jetzt kann man für eine Wohnung, die ursprünglich zehn Millionen Dollar gekostet hat, locker 30 bis 35 Prozent weniger bieten“, ist er überzeugt. Die Entwicklung stellt auch die Maklerin Donna Olshan fest: In sechs Wochen seien nur insgesamt 14 Verträge für Immobilien ab vier Millionen Dollar unterzeichnet worden. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum waren es 135. „Der Luxusmarkt ist gerade in den Winterschlaf gegangen“, schreibt Olshan in ihrem jüngsten Bericht.

New York ist mit seinen 8,4 Millionen Einwohnern auf 784 Quadratkilometern die am dichtesten besiedelte Stadt der USA. In Zeiten des „Social Distancing“ ist das ein Nachteil. Gerade in Manhattan kann man anderen Menschen kaum ausweichen. Wer in einem Hochhaus wohnt, traut sich kaum mehr vor die eigene Wohnungstür, um nicht auf dem Flur oder im Aufzug mit den Viren der Nachbarn in Berührung zu kommen.

Der Makler Steinau hat derzeit für einen Kunden ein Townhouse an der Upper East Side im Angebot, also ein mehrstöckiges Einfamilienhaus in Manhattan. Dafür würden sich derzeit mehrere Leute interessieren, die bisher in luxuriösen Hochhäusern wohnen, beobachtet Steinau. „Auf einmal hat der eigene Eingang eine ganz andere Bedeutung“, beobachtet er. Die möglichen Vorteile der Luxushochhäuser in Form von gemeinsamen Fitnessstudios und Dachterrassen verlieren dagegen an Attraktivität.

Weniger Angebote

Nach dem jüngsten Report des dominierenden New Yorker Immobilienportals Street Easy ist das Angebot von Wohnungen und Häusern in New York allein Ende März gegenüber Anfang März um 73 Prozent eingebrochen. New Yorker, die ihre Jobs verlieren, können sich die teuren Mieten oder Immobilienkredite nicht mehr leisten. Andere, die nach New York gekommen sind, weil sie die pulsierende Metropole geliebt haben, vermissen nun genau das. Warum sollten sie noch bleiben? Für dasselbe Geld bekommen sie anderswo deutlich mehr Platz.

„Die wirtschaftliche Unsicherheit führt verständlicherweise zu Zurückhaltung bei Verkäufern, Käufern und Mietern“, sagt die Street-Easy-Ökonomin Nancy Wu. „In einem Best-Case-Szenario ist die Haus-Shopping-Saison nur um ein paar Monate verschoben worden“, sagt sie. Doch wenn das Coronavirus sich weiter ausbreitet und die Wirtschaft mit nach unten zieht, droht Schlimmes: „Wenn das Coronavirus eine globale Rezession auslöst, könnten Preise und Käuferverhalten das widerspiegeln, was nach der Finanzkrise 2008 passiert ist“, mahnt Wu. Damals sind die Häuserpreise in New York um 20 Prozent eingebrochen.

Darauf folgte ein neuer Boom, und 2016 erreichten die Quadratmeterpreise neue Höhen. Deshalb denkt auch der Makler Steinau, dass ein Preiseinbruch nicht von Dauer sein wird. „New York bleibt immer noch New York“, sagt er und prophezeit: „Irgendwann wird es den Menschen in den Vororten wieder langweilig, sie wollen nicht mehr pendeln, und sie wollen wieder zurück in die Stadt.“