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Der neue Chef hat Audi für die zweite Corona-Welle gerüstet

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Markus Duesmann hat den Chefposten mitten im Lockdown übernommen und steuert Audi seitdem durch die Krise. Eigentlich hat der Manager eine größere Mission.

An seinem ersten Tag bei Audi kann sich Markus Duesmann gut erinnern. „Die Parkplätze waren leer, die Bänder standen still, und die Stimmung war extrem bedrückend“, schildert Duesmann beim Handelsblatt Auto-Gipfel 2020 seine Eindrücke aus dem Frühjahr.

Der ehemalige BMW-Manager hatte seinen Posten am 1. April angetreten. Statt hochfliegender Pläne für die Zukunft der stolzen Marke standen erst einmal sehr existenzielle Probleme auf der Agenda: „Wie kommen wir durch die Krise, wie kriegen wir einen Wiederanlauf hin; wann kann der Wiederanlauf starten; wie läuft der Vertrieb in verschiedenen Ländern?“, berichtet der Audi-Chef.

Denn mit dem Lockdown der Werke schlossen auch die Händler ihre Türen; erst in China, dann in Europa und den USA. In einigen Regionen verkaufte die Marke zeitweise gar keine Autos mehr, auch wenn die Kosten weiterliefen. „Natürlich haben wir enorme Auswirkungen gehabt auf unser finanzielles Ergebnis“, sagt Duesmann.

Tatsächlich hat die Coronakrise die VW-Tochter im ersten Halbjahr tief in die roten Zahlen gerissen. Doch kaum war der Lockdown erst in China und dann in Europa wieder aufgehoben, zog das Geschäft wieder an. Dank der Kurzarbeiterregelung in Deutschland konnte Audi die Beschäftigten halten und die Produktion flexibel wieder anfahren, als die Beschränkungen gelockert wurden.

Es folgten sehr starke Monate, auch weil viele Auslieferungen nachgeholt wurden. Im dritten Quartal verkaufte Audi sechs Prozent mehr als im Vorjahresquartal und sorgt dafür, dass der Autobauer das Corona-Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem kleinen Gewinn abschließt.

Allerdings hat die Entwicklung einen kleinen Schönheitsfehler. Während Europa sich von einem Lockdown zum nächsten schleppt, boomt das Geschäft im ohnehin schon dominanten Markt China. Mittlerweile verkauft Audi fast jedes zweite Auto in Fernost. Die Abhängigkeit von China wird durch die Coronakrise noch einmal verschärft.

Duesmanns eigentliche Mission ist die Transformation

Dass Europa nun in einen zweiten Lockdown fällt, drückt auch bei Duesmann auf die Stimmung. Umhauen werde die Situation das Unternehmen aber nicht. „Wir fühlen uns da sehr gut vorbereitet. Trotzdem wird es natürlich unabsehbare Folgen haben in den nächsten Wochen“, sagt der Audi-Chef.

Wie die gesamte Industrie hat auch Audi die Produktion umgestellt, in den Werken, Büros und Entwicklungsabteilungen gelten strenge Hygieneregeln. Anders als im März wird weiterproduziert. Audi sei „Corona-ready“, verspricht Duesmann.

Eigentlich hat der 51-jährige Westfale eine größere Mission. Sein früherer Mentor und heutiger VW-Chef Herbert Diess lockte ihn im Sommer 2018. Duesmann war damals BMW-Einkaufsvorstand. Doch bei BMW war man über das Abwerben des Spitzenmanns so verärgert, dass man auf eine fast zwei Jahre lange Sperrzeit beharrte, bevor der Abtrünnige bei Audi anfangen durfte. Duesmann hatte in seinem persönlichen Lockdown viel Zeit zum Motorradfahren und zum Nachdenken.

Denn Audi, neben Porsche der wichtigste Gewinnbringer im VW-Konzern, steht vor einer grundlegenden Neuausrichtung. Duesmann, der sich seine Sporen als Techniker in der Formel 1 verdiente, gilt nicht nur als exzellenter Ingenieur, er kann auch Organisationen führen.

Eine wichtige Voraussetzung, denn bei Audi ging in den vergangenen Jahren einiges gründlich schief. Der Dieselskandal, bei dem ausgehend von Audi das Abgasverhalten von mehreren Millionen Dieselmotoren im VW-Konzern manipuliert wurde, hat das Unternehmen tief erschüttert.

Ein halbes Dutzend Entwicklungsvorstände hat Audi in dieser Zeit verschlissen, mit Rupert Stadler muss sich der ehemalige Vorstandschef seit September vor Gericht verantworten. Die Gewinne brachen ein, die Kosten für neue Technologien stiegen, Ende 2019 verkündete Audi den Abbau von 9500 Stellen.

Audi muss sich mit seinen Beschäftigten auf die Elektromobilität und die Digitalisierung vorbereiten. „Corona wird jetzt vielleicht noch mal in vielerlei Hinsicht den Wandel beschleunigen“, sagt Duesmann. „Der Fokus auf CO2-Vermeidung ist groß und wird auch groß bleiben.“ Allein in den kommenden vier Jahren werde Audi zwölf Milliarden Euro in seine Stromautos stecken.

Zum einen gilt es, die gestiegenen Anforderungen des EU-Klimaschutzes zu erfüllen, zum anderen will Audi endlich auch eine Antwort auf die Herausforderung neuer Konkurrenten liefern, allen voran des US-Elektropioniers Tesla.

Tesla ist nicht nur schneller in der Elektromobilität, die Kalifornier sind Audi auch in der Digitalisierung zwei Jahre voraus, sagte Duesmann kürzlich im Handelsblatt-Interview. So kann Tesla seine Autos über Mobilfunk mit neuester Software versorgen, bei Audi ist das noch nicht möglich. Denn noch immer arbeiten die meisten deutschen Autos nicht mit einem einheitlichen Betriebssystem. Doch das soll sich ändern.

„Artemis“ soll Tesla jagen

Duesmann, der gleichzeitig bei Audi Technikvorstand ist und auch im VW-Konzern die technische Entwicklung verantwortet, will mit zwei neuen Projekten Audi in die Zukunft führen. Mit der frisch gegründeten Car.Software.Org entsteht in Ingolstadt ein Softwarehaus, das ein einheitliches Betriebssystem für alle Konzernfahrzeuge schaffen soll.

Ziel ist es, in wenigen Jahren jedes Auto „over the Air“ ansteuern zu können. Audi-Kunden sollen dann per Knopfdruck neue Funktionen wie zusätzliche Navigationsdienste, Autopiloten oder eine Leistungssteigerung ihrer Batterien und Elektromotoren buchen können.

Die zweite Einheit nennt sich „Artemis“ – eine eigene GmbH unter Führung seines alten Vertrauen Alex Hitzinger. Der ehemalige Rennsport-Ingenieur leitet ein Team von der Größe eines Rennstalls, das bis 2024 eine neue elektrische Oberklassenlimousine entwickelt, die mit Blick auf Reichweite und Vernetzung Maßstäbe setzen soll. In „Artemis“ sollen nicht nur neue Technologien, sondern auch Arbeitsprozesse eingeübt werden, die der bisweilen trägen VW-Kultur Tempo und Effizienz einhauchen sollen.

Duesmann, der in seinen wilden Jahren Schlagzeug in einer Punkrockband spielte, gibt den Takt vor. Die Transformation ist auf dem Weg, und auch durch Corona wird Audi vergleichsweise glimpflich kommen.

Dass die Pandemie große Teile der Gesellschaft hart treffen wird, ist dem Audi-Chef bewusst. „Wir werden auch Insolvenzen vermutlich erleben. Uns wird einfach auch viel verloren gehen in der Kultur oder Musik. Ich war selbst Musiker. Ich weiß, wie bitter das ist, denn Konzerte kann man nicht nachholen.“ Der Mann weiß, wovon er spricht. Immerhin hatte er als Manager fast zwei Jahre lang Auftrittsverbot.
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