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Der neue Bundesbank-Präsident Nagel in Zitaten zu Geldpolitik

·Lesedauer: 5 Min.

(Bloomberg) -- Der neue Bundesbank-Präsident Joachim Nagel ist bislang in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Seine wenigen über das letzte Jahrzehnt verteilten öffentlichen Äußerungen - Reden, Interviews und Gastkommentare - lassen allerdings nicht erwarten, dass Nagel im Rat der Europäischen Zentralbank weit vom traditionellen Konservatismus der Bundesbank abweichen wird.

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Nagel, der zuletzt bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich - der “Zentralbank der Zentralbanken” - wirkte, hat insgesamt bereits mehr Jahre bei der Bundesbank auf dem Buckel als der scheidende Präsident Jens Weidmann. In den fünf Jahren, in denen die beiden gleichzeitig Bundesbank-Vorstände waren, war Nagel zwar kein schweigsamer Gefolgsmann, sondern geriet gelegentlich auch mit Weidmann aneinander, wenn er sich in seiner Funktion als Leiter des Marktgeschäfts zur Geldpolitik äußerte. Aber die Ansichten der beiden standen nie im Gegensatz.

Das vielleicht größte Fragezeichen ist, ob sich Nagels Meinungen geändert haben, seit er die Bundesbank vor fünf Jahren verließ. Der Großteil seiner öffentlichen Kommentare zu wichtigen EZB-Themen stammt nämlich aus der Zeit davor. Im folgenden eine kleine Auswahl.

Anleihekäufe der EZB

Nagel kam Ende 2010 in den Vorstand der Bundesbank, nachdem er zuvor einen ihrer Zentralbereiche geleitet hatte. Das kommt selten vor, da die Vorstände in der Regel extern besetzt werden. Verantwortlich war er für die Finanzmärkte und daher auch für die Umsetzung der Geldpolitik der EZB, die erst anfing, in großem Stil Anleihen zu kaufen. Dieser Politik stand er oft kritisch gegenüber. In der Woche, in der im März 2015 das Wertpapierkaufprogramm (APP) der EZB begann, warnte Nagel vor den damit verbundenen Risiken:

“Bei einem solchen Ankaufsprogramm, insbesondere wenn es auch Papiere mit einer negativen Rendite enthält, sind Bilanzrisiken gegeben. (...) Es ist nicht die Aufgabe des Eurosystems, eine bestimmte Höhe an monetären Einkünften zu erzielen. Gleichzeitig hat das Eurosystem kein Mandat, um mit seiner Politik gezielt finanzielle Risiken zwischen den Steuerzahlern der Mitgliedstaaten umzuverteilen.” -- 15. März 2015, FAZ-Interview

Er mahnte auch an, den Anleihekauf eher früher als später einzustellen:

“Das Eurosystem wird im März 2017 Staatsanleihen der Mitgliedsländer im Umfang von rund 1.300 Milliarden Euro halten. (...) Über die Implikationen dieses Umstandes für die Zentralbankunabhängigkeit wird schon jetzt diskutiert. Ein rechtzeitiger Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik darf nicht deshalb auf die lange Bank geschoben werden, weil er mit steigenden finanziellen Belastungen der Mitgliedsstaaten verbunden wäre.” -- 1. Februar 2016, Gastbeitrag in der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen 3/2016

Geldpolitische Outright-Geschäfte (OMTs)

Das OMT-Programm war die Hauptwaffe der EZB gegen die Schuldenkrise der Eurozone im Jahr 2012 unter dem damaligen Präsidenten Mario Draghi. Obwohl es nie eingesetzt wurde, war es entscheidend bei der Stützung der Finanzierungskosten schwächerer Mitgliedsländer, da es potenziell unbegrenzte Anleihenkäufe vorsah. Die Relevanz des Programms hat seitdem abgenommen, da die EZB während der Pandemie ihre Fähigkeit bewies, hochflexible Anleihenkäufe ohne Bedingungen durchzuführen.

OMTs wurden von Weidmann heftig kritisiert, und Nagel selbst sagte 2013, er hoffe, dass das Programm nie zum Einsatz komme.

“In jüngster Zeit haben sich die Refinanzierungsbedingungen der Peripherieländer deutlich verbessert. OMTs müssen daher hoffentlich niemals durchgeführt werden. (...) Die Kritik der Bundesbank an diesen Maßnahmen ist hinlänglich bekannt und weiterhin gültig.” -- 26. Sept. 2013, Frankfurt

Niedrigzinsen

Nagel hat auch auf die Herausforderung hingewiesen, die jahrelang niedrige Zinssätze für Sparer darstellen. Er bezeichnete das Umfeld für die Banken als “problematisch”, da sie negative Zinsen nicht an die Verbraucher weitergeben können. Und er wies darauf hin, dass niedrige Zinssätze falsche Anreize für Regierungen setzen und gleichzeitig das Risiko von Aktien- und Immobilienblasen auslösen.

“Umstritten sind ferner die immer stärkeren Wechselwirkungen zwischen Geld- und Fiskalpolitik. Die Niedrigstzinsen mindern den Druck auf die Regierungen, ihre Staatshaushalte zu konsolidieren und ihre Strukturen anzupassen. Das ist besonders akut in Ländern mit hohem Schuldenstand oder beträchtlichen Haushaltsdefiziten.” -- 1. Februar 2016, Gastbeitrag in der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen 3/2016

Krisenmanagement

Nagel scheint einen eher konservativen Ansatz zu verfolgen, wie Zentralbanken auf makroökonomische Herausforderungen reagieren sollten. Als Draghi 2014 vor Deflationsrisiken im Euroraum warnte und Maßnahmen zu deren Bekämpfung vorbereitete, argumentierte Nagel, Deflation sei “zu diesem Zeitpunkt nicht der richtige Begriff”. Zwei Jahre zuvor erläuterte er seine Ansicht zum Verhalten von Zentralbanken in Krisen:

“Zentralbanken verhalten sich normalerweise konservativ. Ihr öffentlicher Auftrag, die Gewährleistung von Preisstabilität, erfordert keine Ertragsmaximierung unter Inkaufnahme von Risiken. Im Gegenteil, Risiken können Zentralbanken nicht nur finanziell, sondern auch in ihrer Reputation schaden.” -- 2. Nov. 2012, Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung

Klimawandel

Nach seinem Ausstieg bei der Bundesbank arbeitete Nagel vier Jahre lang bei der KfW Entwicklungsbank, einem der weltweit größten Klimafinanzierer. Damit ist er nah dran an einem der Lieblingsthemen von Präsidentin Christine Lagarde, die die Rolle der EZB bei der Bekämpfung des Klimawandels stärken will. Nagel hat sich zwar nicht zur geldpolitischen Dimension geäußert, kennt aber den Finanzbedarf für den Übergang zu einer grüneren Wirtschaft.

“Das Thema erlebt gerade eine erfreuliche Dynamik. Trotzdem müssen wir unsere Anstrengungen noch deutlich beschleunigen. Schließlich geht es darum, die Weltwirtschaft nachhaltig zu verändern. Wir können und dürfen die Hauptlast des Klimaschutzes nicht der nächsten Generation überlassen.” -- 6. Dez. 2019, Interview

Überschrift des Artikels im Original:

The New Bundesbank Chief’s Views on Key Issues Facing the ECB

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