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Moskau beendet Quarantäne vorzeitig

Der Spuk ist aus - Passierscheine und Spaziergänge streng nach Plan sind in Moskau Vergangenheit. Denn die Russen sollen Putins Verfassung absegnen.

Trotz drohender Strafen verließen immer mehr Moskauer Bürger in den letzten Wochen ihre immer enger werdenden vier Wände Foto: dpa

Für Albert gibt es eine Erleichterung. Der 40-jährige Tatare hatte seine Klienten zuletzt in seiner kleinen Moskauer Einzimmerwohnung empfangen. Die Schönheitsklinik, wo er vor der Coronakrise als Friseur zur Untermiete sein Geschäft betrieben hatte, musste im April auf Geheiß der Behörden schließen. Wochenlang war Albert mit seiner Familie auf der Datscha.

Dann gingen allmählich die letzten Geldreserven aus und Albert kehrte nach Moskau zurück, um Stammkunden daheim in einem schäbigen Plattenbau, Chruschtschowka genannt, zu bedienen. Illegal natürlich, denn offiziell herrschten bis zuletzt aufgrund der Infektionslage strenge Kontaktbeschränkungen.

Doch nun hat Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sie aufgehoben. Von einem Tag auf den anderen – und schneller als ursprünglich geplant. Ende Mai hatte Sobjanin die bestehenden Quarantänemaßnahmen noch bis Mitte Juni verhängt, eine weitere Verlängerung bis Juli galt als wahrscheinlich.

Jetzt ist alles anders. Bereits ab dem heutigen Dienstag müssen die Moskauer keinen Passierschein mehr beantragen, um aus dem Haus zu gehen. Alle Bewohner der Stadt dürfen, unabhängig von Alter und chronischen Vorerkrankungen, wieder spazieren gehen. Parks und Friedhöfe sind wieder offen.

Zudem dürfen bereits in der ersten Lockerungsphase Friseure, Fotoateliers, Schönheits- und Tierkliniken, Arbeitsagenturen und Autovermietungen ihre Arbeit wieder in vollem Umfang aufnehmen.

In einer Woche sollen dann auch Zahnärzte, Bibliotheken, Museen, Zoos, Cafés und die ersten Biergärten Gäste empfangen. Ab dem 23. Juni sind schließlich Kindergärten, Schwimmbäder, Fitnesszentren und alle Restaurants wieder geöffnet.

Sobjanin begründete die Lockerungen mit der hohen Disziplin der Moskauer, die zu einer deutlichen Senkung der Ansteckungszahlen geführt habe. Dabei ließ die hochgelobte Disziplin der Moskauer jüngst zu wünschen übrig.

Trotz drohender Strafen verließen immer mehr Bürger in den letzten Wochen ihre immer enger werdenden vier Wände. Mit dem wärmeren Wetter verstärkte sich dieser Trend nur noch.

Auch die Ansteckungszahlen sind zwar, wie Sobjanin richtig erklärte, gesunken. Mit 2.000 Neuinfektionen am Montag sind die Zahlen jedoch nach wie vor recht hoch. Russlandweit meldeten die Behörden sogar fast 9000 neue Corona- und 112 Todesfälle zum Wochenbeginn.

Verfassungsreferendum geplant

Doch inzwischen gibt es Wichtigeres: In gut zwei Wochen will Präsident Wladimir Putin die Militärparade zum Tag des Sieges nachholen. Unmittelbar danach beginnt die einwöchige, bis zum 1. Juli dauernde Abstimmung zur neuen Verfassung. Diese ermöglicht es dem Kremlchef, seine bisherigen Amtszeiten zu annullieren und 2024 noch einmal (oder sogar zweimal) als Präsidentschaftskandidat anzutreten.

Die Werbeplakate für das Verfassungsreferendum hängen bereits. Demnach kann nur die neue Verfassung Russlands Kultur und Sprache, die Souveränität des Landes und das Andenken an die Vorfahren retten.

Ein homophober Werbeclip vermittelte den Russen sogar den Eindruck, dass der Kreml mit der Verfassungsreform in letzter Sekunde die massenhafte Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare abgewehrt habe.

Nur das wichtigste Ziel, Putins Amtszeitverlängerung, kommt in der Werbung nicht zur Sprache. Russische Soziologen sehen einen massiven Verfall der Popularitätswerte Putins in der Bevölkerung.

Putin in Medien präsenter

Darum ist es für den Kreml so wichtig, das Referendum als Schlusspunkt der Coronakrise zu zelebrieren. Putin hatte sich in den ersten Monaten der Krise in seine Residenz zurückgezogen und das Zepter des Handelns den regionalen Gouverneuren – hauptsächlich Moskaus Bürgermeister Sobjanin – in die Hand gedrückt.

Diese haben mit unpopulären und teils drastischen Maßnahmen wie dem Passierscheinsystem tatsächlich die Katastrophe verhindert. Nach der ersten Entspannung ist Putin nun in den Medien wieder präsenter.

Militärparade und Volksabstimmung dienen als ein Symbol des russischen Sieges über das Coronavirus. Die Rhetorik Sobjanins macht das deutlich: „Der Kampf ist noch nicht vorbei, trotzdem möchte ich Ihnen zu einem weiteren Sieg und einem großen Schritt zurück zu Normalität gratulieren“, kündigte er die Lockerungen am Montag an.

Ziel der Siegesrhetorik: Die Euphorie soll sich auf Wahlbeteiligung und Abstimmungsergebnis niederschlagen. Das Kalkül des Kremls dürfte laut derzeitigem Stand aufgehen. Albert jedenfalls kann sich vorstellen, beim Referendum mit „Ja“ zu stimmen.