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Mittelstandsforscherin über Lockdown: „Auch gesunden Unternehmen drohen Insolvenzen“

Müller, Anja
·Lesedauer: 9 Min.
Die Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung schätzt, dass auch gesunde Unternehmen nicht alle durch die Coronakrise kommen. Foto: dpa

Die Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung sieht in der Coronakrise noch Pleiten heraufziehen. Lob gibt es für mehrere Hilfsmaßnahmen.

Keine Wissenschaftlerin blickt so tief in den deutschen Mittelstand wie Friederike Welter. Als Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung werden ihre Einschätzungen zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die verschiedenen Branchen eifrig gelesen – auch in den Ministerien.

Die Forscherin warnte schon früh davor, Hilfen ohne Prüfung an die Unternehmen zu überweisen. Sie kommt im Gespräch mit dem Handelsblatt zu überraschenden Einschätzungen: So sieht sie die Hilfen für die Gastronomie im zweiten Lockdown, die sich an den Umsätzen der Vorjahresmonate orientierten, durchaus auch als psychologisch wichtiges Signal. Dennoch erwartet sie in betroffenen Branchen auch Insolvenzen von Unternehmen, die vor der Pandemie kerngesund gewesen sind.

Welter sieht den deutschen Mittelstand in puncto Resilienz in den besonders betroffenen Branchen auf einer Skala von eins bis zehn bei einem Wert von sechs. In den übrigen Geschäftsfeldern sieht sie den Wert bei acht. Für alle Branchen gelte: Die Pandemie habe die Trends und die Marktbereinigungen vor allem beschleunigt, nicht ausgelöst.

Lesen Sie hier das komplette Interview

Frau Welter, im Frühjahr warnten nicht nur Experten, ein zweiter harter Lockdown müsse unter allen Umständen verhindert werden. Jetzt ist er da und wird verlängert. Welche Folgen hat das für den deutschen Mittelstand?
Im Frühjahr war es richtig, alles zu tun, um einen zweiten Lockdown zu verhindern. Aber die Entscheidung für den zweiten Lockdown – und jetzt dessen Verlängerung – ist ohne Alternative.

Wirklich?
Die Covid-19-Pandemie ist schließlich keine normale Krise, sondern ein exogener Schock, der weltweit asynchron verläuft und so lange die Gesundheitssysteme und Wirtschaftsunternehmen in den einzelnen Staaten herausfordert, bis die überwiegende Mehrheit der Menschen geimpft ist. Selbst in Japan und Südkorea, wo die Eindämmung der Pandemie lange erfolgreich schien, haben sich in den vergangenen Wochen die Infektionszahlen wieder so deutlich erhöht, dass die Regierungen gleichfalls wieder zu einschränkenden Maßnahmen greifen.

Wo liegen die Prioritäten?
Für mich ist es ungeheuer wichtig, dass wir unsere Gesundheit in den Griff kriegen, sonst kann unsere Wirtschaft auch nicht funktionieren. Wenn die Menschen nicht gesund sind, wenn man Angst haben muss, als Konsument, als Beschäftigter, als Führungskraft und Teammitglied, sich anzustecken und Familienangehörige zu gefährden, dann wirkt sich das auch auf die Wirtschaft aus.

Haben wir den Blick zu sehr auf die Wirtschaft verengt?
In gewisser Weise schon. Covid-19 ist eine menschliche Katastrophe, keine wirtschaftliche. Die Pandemie trifft Menschen und nicht Unternehmen. Die große Solidarität ist mehrheitlich da, auch dem Mittelstand gegenüber, etwa durch Kampagnen wie „Buy local“, bei der örtliche Händler bewusst von den Konsumenten bevorzugt werden. Zugleich zeigt sich, was den Mittelstand in Deutschland ausmacht: Viele Familienunternehmen bemühen sich mit Kreativität, Flexibilität und Kundennähe, die aktuell schwierige Situation zu meistern.

Welche Hilfen der Regierungen in Bund und Ländern waren sinnvoll, welche nicht?
Wir unterscheiden drei Phasen. Erstens Nothilfen, zweitens Konjunkturprogramme, drittens Hilfen für den Strukturwandel. Das ist alles gut und richtig. Gleichwohl müsste jetzt den strukturellen Ansätzen zur Belebung unternehmerischer Initiativen eine größere Rolle zukommen.

Aber es gab ja ein Zukunftspaket mit ersten strukturellen Ansätzen.
Im Zukunftspaket sind aber die strukturellen Ansätze zu wenig berücksichtigt worden. Die sind aber wichtig. Die Pandemie hat den Strukturwandel enorm beschleunigt, wir müssen die Unternehmen darin unterstützen, diesen Weg weiterzugehen. Zum Beispiel die Einzelhändler befähigen, dem digitalen Wettbewerb zu begegnen. Mit Beginn des Lockdowns im November sind wir jedoch wieder bei den Nothilfen angekommen.

„Gut wäre es gewesen, die Mehrwertsteuersenkung zu verlängern“

Den Restaurantbesitzern wurde der „Lockdown light“ mit großzügigen Hilfen von 75 Prozent des Vorjahresumsatzes für November und Dezember schmackhaft gemacht. Es sind sich doch heute alle Wissenschaftler einig, dass das der falsche Ansatz war, oder?
Nur zum Teil: Unterschätzen Sie nicht das psychologische Signal, das davon ausging. Hätte man das nicht gemacht, wären die Restaurantbesitzer vielleicht auf die Straße gegangen.

Die Mehrwertsteuersenkung, sagt der Handel, war auch nicht hilfreich, eher im Gegenteil …
Auch wenn der Aufwand durchaus da war, fand ich die Mehrwertsteuersenkung schon positiv. Gut wäre es gewesen, die Mehrwertsteuersenkung noch zu verlängern, da derartige strukturelle Maßnahmen eher mittel- bis langfristig wirken.

Warum?
Sie ermöglichte doch Spielräume, vor allem für die Anbieter von höherwertigen Produkten.

Sie warnten schon im April vor „Zombieunternehmen“. Wie viele Zombies haben wir denn?
Wir haben im April davor gewarnt, bei den beschlossenen Maßnahmen grundsätzlich auf jegliche Prüfungen zu verzichten – dieser Vorschlag war zu Beginn der Pandemie öfters zu hören. Kurzfristig ist ein derartiger Verzicht in einer solch extremen Situation, wie wir sie im Frühjahr erlebt haben, in Ordnung. Mittelfristig ist er jedoch ordnungspolitisch äußerst problematisch, da es nicht sinnvoll ist, alle Unternehmen mit der Gießkanne zu beglücken und auf diese Weise Zombieunternehmen am Leben zu erhalten. Wir haben uns daher zugleich dafür ausgesprochen, nach einer gewissen Zeit zu prüfen, ob wieder stärkere Zugangsrestriktionen eingeführt werden müssen – was ja auch mit der Anpassung etlicher Maßnahmen passiert ist.

Man rechnet derzeit damit, dass die Zahl der Insolvenzen im kommenden Jahr rapide ansteigen wird. Wie viel Prozent wird es treffen?
Es wird auf jeden Fall Unternehmen treffen, die bereits vor der Pandemie Probleme mit ihrem Geschäftsmodell und der Liquidität hatten. Aber man muss auch sehen, dass Marktbereinigungen völlig normal sind. Sie werden allerdings durch die Pandemie auf jeden Fall beschleunigt. Jetzt zu sagen, wie viele Unternehmen es konkret treffen wird, das ist absolut spekulativ. Dazu haben wir vermutlich frühestens im Frühsommer erste Zahlen.

Trifft es auch Firmen, die vor der Pandemie gesund waren?
Das ist durchaus möglich, gerade in den Bereichen, in denen der Konsum nicht nachgeholt werden kann wie der Gastronomie. Auch hierzu wird es voraussichtlich frühestens im Sommer 2021 konkrete Zahlen geben. Gleichwohl bietet das Insolvenzrecht auch Möglichkeiten zur Unternehmensfortführung, die stärker genutzt werden könnten: Bei einer Eigensanierung führen die alten Eigentümer das Unternehmen fort. In der Variante der sogenannten übertragenden Sanierung steigen Investoren in das Unternehmen ein und finanzieren den Neustart.

Also sollte man die Insolvenz auch nicht als das Ende des Unternehmens sehen, sondern als Chance auf einen disruptiven Wandel?
Ja, das Insolvenzrecht kann auch Chancen zur Fortführung bieten, sofern das Unternehmen sanierungsfähig ist. Das gilt aber nicht für jedes betroffene Unternehmen. Größere Unternehmen sind allerdings tendenziell eher sanierungsfähig und damit wandelfähig – da können nicht zukunftsfähige Teile eher aufgegeben werden. Oder um konkrete Zahlen zu nennen: Bis September 2020 wurde die Eigenverwaltung, die eine Unternehmensfortführung unterstützt, 286-mal angeordnet. Das ist immerhin schon häufiger als im Jahr 2019, entspricht aber nur einem Anteil von drei Prozent der Insolvenzverfahren.

„Es gibt keine Wirtschaftszweige, die nicht relevant sind“

Unternehmer fordern, den Verlustrücktrag, bei dem die Verluste mit dem Gewinn aus dem vorangegangenen Veranlagungsjahr verrechnet werden können, von einem auf drei Jahre zu erhöhen. Wäre das nicht die beste Alternative, um die gesunden Unternehmen zu unterstützen?
Ja, das ist ein Weg. Aber das Wichtigste, was wir gelernt haben, ist, die Wirtschaft zu stützen, und zwar nicht nur mit Geld. Die Soloselbstständigen fühlten sich vernachlässigt, ebenso wie die Veranstaltungswirtschaft, zu Recht. Es gibt keine Wirtschaftszweige, die nicht relevant sind. Grundsätzlich ist die Widerstandsfähigkeit, also die Resilienz, gut. Ich will es nicht rosig zeichnen, aber die kleinen Unternehmen werden oft übersehen, weil sie allein gesamtwirtschaftlich unbedeutend sind, in der Summe aber schon sehr bedeutend.

Wird es künftig weniger Soloselbstständige geben?
Kurzfristig schon, mittel- bis langfristig eher nicht. Die Top-3-Branchen, in denen Soloselbstständige arbeiten, sind Gesundheit, persönliche Dienstleistungen und Kultur. Bei Letzterer wird der Anteil erst einmal sinken und Dominoeffekte erzeugen, weil die Dienstleister, die im Hintergrund der Bühnen arbeiten, genauso betroffen sind. Den klassischen Freiberuflern geht es derzeit gut, aber wenn ihnen die Klienten wegbrechen, ist da auch eine Reduktion möglich.

Die Bundesregierung hat sich lange schwergetan, den Selbstständigen einen sogenannten kalkulatorischen Unternehmerlohn zu zahlen, womit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. War das ein Fehler?
Nein. Es gibt ja die Grundsicherung und die Ausnahmen bei den Zugangsregelungen dazu.

„Wenn man ehrlich ist, waren alle froh über eine Atempause“

Aber ist das nicht der falsche Weg, die Unternehmer aufs Amt zu schicken?
Unsere Forschungen zeigen, dass es da – und nicht nur hierzulande, sondern in der ganzen EU – ein Imageproblem gibt. Da müssten wir für die Zukunft ansetzen, wenn es um die Hilfen für Soloselbstständige geht.

Wenn Sie auf einer Skala von eins bis zehn sagen sollten, wie resilient der deutsche Mittelstand ist, wo steht er dann?
Zwischen sechs und acht. Je nach Wirtschaftszweig – in den Wirtschaftszweigen, in denen die Unternehmen sehr flexibel agieren können und ihre Produktion wie das Geschäftsmodell auch in der Pandemie anpassen konnten, liegt die Resilienz bei acht. In den Branchen, die durch Ressourcenengpässe und Risikotragfähigkeit sowie die pandemiebezogenen Einschränkungen leichter beeinträchtigt werden können, wie beispielsweise Gastronomie oder der Kulturbereich, liegt sie bei sechs.

Unterm Strich: Bedroht die Pandemie langfristig den Mittelstand, weil die Kleinen aufgeben und die Großen größer werden? In der Autozuliefererindustrie sieht man schon Konsolidierungstendenzen.
Die Autoindustrie ist speziell. Da haben die größeren Zulieferer die besseren Karten. Ich sehe immer noch, dass der deutsche industrielle Mittelstand, um den uns die Nachbarländer beneiden, in seiner Vielfalt überleben wird.

Stichwort Strukturwandel: Gibt es Beispiele aus der Forschung, die zeigen, was ein Lockdown mit der Wirtschaft macht?
Manche Bereiche werden sich sehr, sehr stark verändern. Ich will keine Innenstadt, in der die Einzelhändler fehlen. Aber die Unternehmer müssen auch nach vorn denken, sich klarmachen, wie das Geschäftsmodell künftig aussieht. Ohne mehr Kundenzentrierung geht es nicht. Wir haben den Strukturwandel nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion und während der Rubel-Krise in den 1990er-Jahren als Wissenschaftler begleitet. Damals sagten uns die Unternehmer, denen es an Lieferanten und Kunden zugleich fehlte: Es ist das erste Mal, dass sie Zeit hätten, darüber nachzudenken, wo sie eigentlich mit ihrem Unternehmen hinwollten. Viele haben sich damals neu orientiert.

Viele Unternehmer aus Gastronomie, Veranstaltungswirtschaft und Handel haben fleißig Hygienekonzepte erarbeitet und müssen dennoch in den Lockdown. Wurden die Sommermonate zu wenig von der Bundesregierung genutzt?
Wenn man ehrlich ist, waren alle froh über eine Atempause, ich will da in die Kritik nicht einstimmen. Schließlich ist das eine Krise, die es so in der jüngeren Vergangenheit noch nicht gab. Das heißt auch, dass man vieles nicht planen kann, sondern den vermeintlich richtigen Weg stetig neu suchen muss. Das gilt für Politik und Unternehmen.