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Millionen verschwunden: Graumarkt-König Malte Hartwieg festgenommen

·Lesedauer: 6 Min.

Mit der Dima24-Gruppe platzierte Hartwieg Fonds über 2,3 Milliarden Euro auf dem grauen Kapitalmarkt. Viele seiner Kunden verloren ihr Geld.

Als ein dreistelliger Millionenbetrag verschwunden und seine Firmengruppe implodiert war, überraschte Malte Hartwieg (48) die Geldgeber mit einer erstaunlichen Ansage. Er sei bereit, ins Gefängnis zu gehen, zuvor müsse ihm jedoch bewiesen werden, dass er etwas Schlechtes gemacht habe. „Ich bin mir keiner Schuld bewusst“, sagte er 2017 in einem Café am Budapester Flughafen.

Vier Jahre später schickt sich die Münchener Justiz nun an, die Schuldfrage verbindlich zu klären. Nach Informationen des Handelsblatts haben die Behörden Hartwieg am 8. Dezember festgenommen und ihm Tags darauf einen Haftbefehl eröffnet. Bis auf Weiteres muss er in einer JVA auf seine Hauptverhandlung warten. Frühestens Ende des Frühjahrs könnte es so weit sein, sagte ein Gerichtssprecher. Es dürfte ein Mammutprozess werden.

Die Strafverfolger der Staatsanwaltschaft München 1 haben sich Fonds für Fonds durch Hartwiegs Karriere gearbeitet. Vier Anklagen hat das Landgericht zugelassen, weitere sind in der Pipeline. Die Ermittler sind überzeugt: Hartwieg habe die Anleger betrogen, um sich an den Millionen-Provisionen zu bereichern. Den möglichen Schaden beziffert die Behörde mit bis zu 168 Millionen Euro.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte: „Wir haben die Täuschungshandlung zum Investitionsziel, zu den Sicherheiten und zur Mittelverwendung herausgearbeitet.“ Zwar habe es einige Rückzahlungen an Investoren gegeben, diese seien jedoch „allein aus Anlegergeldern“ geleistet worden. Die Behörde geht deshalb von einem „Schneeballsystem“ aus.

Hartwieg war in Haft nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Er lebte zuletzt in Ungarn. Von dort korrespondierte er gelegentlich mit dem Handelsblatt per Mail. Im Oktober 2019 schrieb er, dass er sich zu den Ermittlungen nicht äußern könne.
Der Strafprozess werde die Aufklärung voranbringen, sagte Stefan Forster aus München. Der Anlegeranwalt vertritt Mandanten in mehreren Hundert Verfahren. „Eine Verurteilung könnte die Chancen bei zivilen Schadensersatzklagen verbessern.“

Angebliche Renditewunder bei Öl, Gold und Immobilien

Viele Investoren erinnern sich gut an das charismatische Verkaufsgenie und seinen schillernden Auftritt: Lidstrich-Bart, Karibik-Bräune, kurz geschorene Haare, teurer Anzug. Wenn Hartwieg aus seinem 300.000 Euro teuren Bentley Mulsanne stieg, sah er oft so aus, als spiele er die Hauptrolle in einem Hollywood-Streifen über gierige Wall-Street-Banker.

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Show vertrauten ihm tausende Anleger. Der gelernte Maurer bewies ein Händchen dafür, deren Geld einzusammeln. Er setzte auf moderne Online- und hartnäckigste Telefonakquise. Investoren köderte er, indem er ihnen den Ausgabeaufschlag - fünf Prozent Agio - einfach schenkte. Seine Dima24-Gruppe warb damit, dass sie von 200.000 Investoren 2,3 Milliarden Euro für Fonds des unregulierten Kapitalmarkts eingetrieben habe.

Bald beschränkte sich Hartwieg nicht mehr darauf, Finanzprodukte anderer zu vermitteln. Mit Partnern legte er Fondsserien wie „Selfmade Capital“, „Euro Grundinvest“ oder „New Capital Invest“ auf. Mit exotischen Investitionszielen und astronomischen Renditeversprechen beflügelte er die Fantasie der Anleger und vernebelte ihnen den Verstand: Villen auf Mallorca, Öl- und Gasquellen in den USA, Arbeiterunterkünfte und eine Goldraffinerie im Nahen Osten.

Die Fans wollten Hartwieg gerne glauben, dass überall der schnelle Reichtum wartete. Er machte es ihnen leicht, am Anfang erhielten sie Rückzahlungen. So verfestigte sich der Eindruck, Hartwieg könne wie ein Magier ökonomische Grundsätze wie die Wechselwirkung zwischen Risiko und Rendite außer Kraft setzen.

Investoren des „Selfmade Capital Emirates 5“ versprach er sogar eine Geld-zurück-Garantie. Ein Staatskonzern habe das Investment in eine Biodiesel-Raffinerie in Abu Dhabi vollständig abgesichert, teilte Hartwieg in einem Werbeflyer mit. Wenige Zeilen weiter kündigte Christian Kruppa, der zuständige Fondsmanager vor Ort, an: „Wir erwarten eine durchschnittliche Rendite von 17,5 Prozent im Jahr.“ Das klang, als könnten die beiden Geld drucken.

Ein Ex-Partner sitzt in Dubai fest

Die Staatsanwaltschaft will Kruppa neben Hartwieg auf die Anklagebank setzen. Sie geht davon aus, dass sich die Männer ergänzt haben. Hartwieg habe das Geld eingetrieben und stattliche Provisionen kassiert. Kruppa habe die ausländischen Ziel- und Investitionsunternehmen verwaltet, also jene Firmen, in denen das meiste Kapital versickert sein soll.

Das Handelsblatt erreichte Kruppa diese Woche telefonisch in Dubai. Er sagte, das Zitat mit der Renditeprognose stamme nicht von ihm. Hartwieg habe sich um die Werbung gekümmert. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft stritt er kategorisch ab. „Ich habe mit Hartwieg keine Anleger betrogen“, sagte er. „Wir hatten abgesehen von kurzen Treffen keine persönliche Beziehung.“

Der Manager legte zudem Wert auf die Feststellung, dass in den Prospekten vor dem Totalverlustrisiko gewarnt wurde. Obwohl er in vier Fällen mitangeklagt ist, werde er vorerst nicht nach München kommen. „Der Insolvenzverwalter der Fonds hat mich in Dubai wegen Geldwäsche angezeigt, nun lassen mich die Behörden bis zum Abschluss der Ermittlungen nicht ausreisen“, sagte er.

Nach Ansicht der Münchener Ermittler landete das Fondskapital aus Deutschland zum großen Teil in Kruppas Firmen im Nahen Osten, aber oft anders als beworben. Bei der Biodiesel-Raffinerie sei das Geld etwa über eine Middle East Ventures Future Energy Ltd. auf ein privates Bankkonto eines Italieners in Monaco transferiert worden, um an einem Joint Venture zu partizipieren, das wiederum über eine Gesellschaft in London im Öl- und Gassektor in der Ukraine aktiv war.

Das klingt auffällig kompliziert. Auch der Geschäftspartner lässt aufhorchen. Der Italiener soll beste Verbindungen haben, auch zu privaten Nachrichtendiensten und Hackern. Das „Wall Street Journal“ berichtete im Februar 2020, dass er für einen Manager des japanischen Softbank-Konzerns eine Hetzkampagne orchestriert habe, um rivalisierenden Führungskräften zu schaden. Der Italiener und der mutmaßlicher Auftraggeber bestritten die Vorwürfe.

Kruppa zeigte den Italiener in München bei den Behörden an. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen jedoch ein, weil der Geschäftsmann die mutmaßlichen Taten außerhalb Deutschlands begangen habe.

Insgesamt 250 Millionen Euro haben Anleger in die Fondsserien Hartwiegs gesteckt, schätzt der Insolvenzverwalter Rolf Pohlmann aus München. Seit dem Kollaps 2013 verwaltet er die Reste von 60 Firmen aus Hartwiegs Imperium. Anlegern macht er wenig Hoffnung. Die Spur des Geldes verliere sich vielfach im Ausland. „Je tiefer die Ermittlungen gehen, desto mehr treten weitere zwischengeschaltete Unternehmen zu Tage.“

14 Millionen Euro beschlagnahmt

Zahlreiche Transfers des internationalen Geldkarussells werden wohl nie aufgeklärt. Die Staatsanwaltschaft hat ein Vermögen des früheren Finanzmagiers von 14 Millionen Euro beschlagnahmt, darunter waren 230 Kilogramm Gold. „Das wird bei weitem nicht ausreichen, um alle Forderungen der Anleger zu befriedigen“, sagt Rechtsanwalt Forster.

Hoffnung, dass er Geld wiedersehe, habe er keine mehr, sagte auch Volker Mittelmann aus Bad Wildungen in Hessen. Der 80-Jährige hatte 600.000 Euro in den Fonds von Hartwieg versenkt. Sein Trauma verarbeitete Mittelmann als Hobbyautor in einem Krimi. Titel: „Hier legt die Elite an“. Als er von der Verhaftung Hartwiegs erfuhr, seufzte er auf. „Die Nachricht hat etwas Zufriedenstellendes.“

Auch Hartwieg schreibt Bücher. Bei Amazon hat er zwei Thriller und drei Kinderbücher veröffentlicht. „Der Kapitalmarkt, der früher mein Leben war, interessiert mich heute nicht mehr“, sagte er 2017. Auf der Straße würde ihn die Anleger kaum wiedererkennen. Das Outfit der Banker hat er abgelegt. Heute trägt er einen Rauschebart vom Typ Rasputin.

Hartwieg ist hager geworden wie ein Asket. Der extreme Radsport, den er seit Jahren betreibt, hat seinen Körper geformt. Vor zwei Jahren fuhr er in 30 Tagen mehr als 4000 Kilometer quer durch Europa, um für den Tierschutz zu werben. Es sah so aus, als quälte sich da einer im Sattel, um sein altes Leben hinter sich zulassen. Bevor es soweit kommt, werden Richter entscheiden, ob er nicht doch im Gefängnis büßen muss.