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"Ich kann mich immer wieder neu erfinden": Darum verließ dieser Bauingenieur seine Branche für Gastronomie und Events

·Lesedauer: 6 Min.
Unternehmer Thorsten Schermall.
Unternehmer Thorsten Schermall.
Wie verlaufen Berufswege? Nur noch selten linear. Mit 22 das Studium hinwerfen, um zu gründen, mit 35 oder 40 Jahren das Berufsleben noch mal komplett neu denken, mit 50 einen hohen Posten verlassen? Oft sind es erst die Brüche in der Berufs-Biografie, die unser Arbeitsleben ausmachen. Ein Umbruch verlangt Mut – und befreit. Das kann ein Talent sein, dem wir spät folgen, oder eine sich plötzlich bietende Chance.
In unserer Reihe #Biografie-Brüche befragen wir Menschen nach ihrem Weg.

Heute den Berliner Event- und Gastro-Unternehmer Thorsten Schermall. Dass er einmal für innovative Food-Konzepte stehen, mit seinem Team geflüchtete Menschen bekochen oder Berliner Schulen mit Essen beliefern würde, hätte er vor 15 Jahren wohl nicht für möglich gehalten. Damals steckte er als Immobilienentwickler noch in ganz anderen Projekten.

Business Insider schilderte Schermall seinen Weg.

Thorsten, welche Geschichte steckt hinter deinem Biografie-Bruch?

Anfangs eine mit Pleiten und schillernden Einsprengseln. Es begann in den Nachwendejahren. Viele erinnern sich gut an den Fall des Immobilienmoguls Jürgen Schneider Ende der 90-er Jahre. Ich bin nach dem Diplom als Bauingenieur 1993 im Team von Jürgen Schneider gestartet. Er tat viel für die neuen Bundesländer, war gerade auf der Höhe seiner Zeit – im Jahr darauf aber spektakulär pleite. Ich bewarb mich neu und dachte, das wird nicht leicht. Doch auf acht Bewerbungen erhielt ich acht Einladungen. So kam ich 1994 zur Bankgesellschaft Berlin in die technische Projektentwicklung. Ich kam in höhere Positionen und betreute mehrere Niederlassungen.

2001 geriet die Bankgesellschaft in Schieflage. Von 2.600 Leuten wurden 2.000 entlassen. Meine Abteilung blieb. Aber ich sah das als Zeichen. Noch im selben Jahr wagte ich den Sprung: Mit drei Kollegen machte ich mich selbstständig. Wir haben Hotels in ganz Deutschland entwickelt. Das reichte von den Konzepten über die Hotelpachtverträge bis zur schlüsselfertigen Übergabe. Es waren Projekte im zweistelligen Millionenbereich. Doch dafür brauchten wir immer finanzstarke Partner an unserer Seite – es waren also Joint Ventures mit uns als starkem Juniorpartner. Für mich hatte das einen Beigeschmack.

In welchem Moment wurde dir klar, dass du gehen wirst?

Zuerst war da nur ein Gedanke, der immer präsenter für mich wurde: etwas alleine machen. Ich mag Clubs und hatte schon immer Spaß am Eventbereich und an der Gastronomie. Das ließ mich nicht los. In der Zeit, als mein Drang in die Richtung stärker wurde, traf ich eine potenzielle Geschäftspartnerin. Kurzentschlossen gründeten wir 2004 parallel zu meiner Selbstständigkeit im Bauwesen den Club 40seconds. Wir fanden dafür eine Veranstaltungsfläche in der Potsdamer Straße hier in Berlin am Schöneberger Ufer. Meine Partnerin war aus der Veranstaltungsbranche und übernahm diesen Part, ich regelte Finanzen und Vertrieb, mein Vorwissen half. Es machte mich glücklich, diese Herausforderung zu haben und ein neues Feld zu erschließen. Wir gründeten einen Veranstaltungsservice und ein Cateringunternehmen.

Warum fiel die Wahl gerade auf diesen Job?

Er war die perfekte Verbindung aus beiden Welten. Obwohl das Bauwesen und die Gastro- und Eventszene auf den ersten Blick nicht viel gemein haben, passen sie für mich perfekt zusammen. Aber das dauerte. 2013 mussten wir unseren Firmenstandort an der Strahlauer Allee in Berlin räumen. So fehlte uns eine Küche für die Catering-Produktion. Ich fand eine 3.500 Quadratmeter große Lagerhalle im Westhafen. Sie wurde zu unserer Veranstaltungsfläche. Ich habe sie entwickelt und umgebaut, eine Großküche inklusive. Das WECC Westhafen Event & Convention Center war geboren.

2015 begann für mich die Zeit als alleiniger Unternehmer, die Geschäftspartnerin stieg aus. Ich stürzte mich voll rein. Seitdem bin ich hauptamtlich im Event- und Gastrobereich tätig. Seit ich in dieser Branche bin, kann ich mich immer wieder neu erfinden. Und so sehe ich auch laufend neue Chancen. So kam es, dass auf 40seconds bis heute weitere Projekte folgten.

Von 2015 bis 2017 waren mein Team und ich in der Versorgung von Geflüchteten aktiv. In den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof haben wir 4.500 Essen pro Tag an Menschen mit Fluchthintergrund ausgegeben. Einige von ihnen waren bei uns angestellt und sind uns als Angestellte bis heute erhalten geblieben. Seit 2019 beliefern wir Schulen als Caterer, derzeit sind es täglich zwölf Schulen in Berlin, von staatlichen und privaten Trägern.

Ich genieße es, mehrere Standbeine zu haben – Erlebnisgastronomie, Eventgeschäft, Catering. Gala- und Charity-Veranstaltungen. Neben unserem Veranstaltungszentrum am Westhafen gibt es dort auch ein Testzentrum, das ich mit Avenida Care betreibe. Und dann ist da noch das Restaurant GOLVET. Das habe ich 2016 am Potsdamer Platz eröffnet. Inzwischen ist es für seinen Michelin-Stern bekannt. Den haben wir seither jedes Jahr erfolgreich "verteidigt“. Wir beschäftigen heute den jüngsten Sternekoch Berlins.

Spielte Geld eine Rolle bei der Entscheidung für die Selbstständigkeit?

Nein. Dafür hätte ich in der Immobilienbranche bleiben müssen. Aber der Spaß war weg. Das Eventgeschäft erfüllt mich, auch wenn es zuletzt mühsam war. Denn die Corona-Pandemie traf uns hart. 2020 hatten wir nur noch 30 Prozent des Umsatzes von 2019. Bis die Krise kam, waren unsere Auftragsbücher voll. Doch in der Zeit, die dann kam, entwickelte ich Löwenkräfte. Ich bin zum Beispiel ständig ohne Wecker aufgewacht, was sonst nie passiert. Und ich habe nachts die Projektanträge für die Förderung durch die Investitionsbank Berlin geschrieben, damit wir Zuschüsse vom Bund bekommen. Ich trug die Verantwortung für meine gut 90 Mitarbeiter und wollte mir nicht sagen, dass ich nicht alles getan habe.

Gibt es etwas, das sich für dich von Grund auf geändert hat?

Mehrere Dinge. Der Umgang mit vielen unterschiedlichen Menschen. Und der zeitliche Horizont. Wenn wir heute eine Veranstaltung, eine Tagung ausrichten, geht alles schneller. Wenn ich Mut habe, sind meine Vorhaben schnell realisiert. Früher im Bauwesen dauerte es oft zwei bis drei Jahre, bis ein Projekt abgewickelt war. Heute habe ich Spaß an den kurzen Projektzeiträumen.

Die Kunden kommen aus allen Branchen: Elektro, Automobil, Startups, Showbusiness. Auch die Bundesregierung ist dabei. Wir haben den 70. Geburtstag der CDU ausgerichtet. Angela Merkel war schon vier Mal bei uns. Bernd Eichinger war da und feierte Geburtstag. Im Club hat Jennifer Lopez einmal a capella gesungen. Berührt haben mich auch die Schicksale der geflüchteten Menschen, die wir damals bekochten, viele traurige, aber auch schöne Schicksale. All das hätte ich nie erlebt, wenn ich dem alten Weg treu geblieben wäre.

Wie hat dein Umfeld auf deinen Weg reagiert? Mit Skepsis? Freude? Neid?

Überrascht. Viele haben mich für verrückt erklärt, als die Geschäfte in der Bau- und Immobilienbranche, in der ich so lange war, immer besser liefen – und ich ging. In meiner neuen Rolle im Eventbereich sind mal frühere Geschäftspartner im Westhafen in mich reingerannt. Ich hatte ein Tablett dabei, unterstützte mein Serviceteam bei einer großen Veranstaltung. Sie kannten mich noch als Typ mit Schlips und Anzug.

Vervollständige den Satz: Das Wichtigste für mich ist…

Augenhöhe im Kontakt mit den Menschen um mich herum. Ob mit der Reinigungskraft, der Küchenhilfe, dem Head of Sales, der technischen Leitung oder den Servicekräften. Wir sind ein Team. Mit Kopf, Haut, Haaren in das Veranstaltungsbusiness einzutauchen – für mich ist das eine sensationelle Erfahrung bis heute. Es ist die Abwechslung. Ich sage nie Nein zu etwas. Und so öffnen sich immer wieder Türen.

Du hast dich beruflich ganz neu orientiert und möchtest an dieser Stelle davon berichten? Melde dich gern per Mail!