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Der Mann für die Mega-Pleiten – Jaffé könnte Insolvenzverwalter bei Wirecard werden

Michael Jaffé hat gute Chancen, Insolvenzverwalter bei Wirecard zu werden. Wer ist der Mann, der gerufen wird, wenn plötzlich Milliarden im Feuer stehen?

Michael Jaffé soll als Sachverständiger das Gutachten über den Insolvenzantrag der Wirecard AG erstellen. Foto: dpa

Die Wahl des Amtsgerichts in München fiel auf einen Mann aus der ersten Reihe der deutschen Insolvenzverwalter: Michael Jaffé (56) soll als Sachverständiger das Gutachten über den Insolvenzantrag der Wirecard AG erstellen. Damit hat der Münchener Jurist gute Chancen, auch zum vorläufigen Insolvenzverwalter des Konzerns bestellt zu werden.

Jaffé hat sich in vergangenen zwei Jahrzehnten den Ruf erarbeitet, dass er besonders komplizierte Großinsolvenzen bewältigen kann. Bekannt wurde er 2002 mit seiner Bestellung in der Pleite des Medienimperiums von Leo Kirch, zu dem die Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 gehörte. Jaffé navigierte geschickt durch das komplexe Firmengeflecht. Er musste mit Filmstudios, Rechteinhabern und Banken verhandeln.

Ihm gelang es, den größten Teil der 11.000 Arbeitsplätze zu erhalten. Den Gläubigern verschaffte er eine Quote von ungewöhnlich hohen 40 Prozent. Auch wenn sich das Verfahren über mehr als 16 Jahre hinzog, war das der große Durchbruch in Jaffés Karriere. Seitdem wird er immer wieder bei Großinsolvenzen zu Hilfe gerufen, wie bei dem Wohnwagenproduzenten Knaus Tabbert oder dem Chiphersteller Qimonda.

Im März 2018 übernahm Jaffé ein weiteres Megaverfahren, das den Richtern am Amtsgericht in München sehr präsent sein dürfte und ihre Auswahl möglicherweise beeinflusst hat. Bei der Pleite der P & R-Gruppe, dem früheren Marktführer für Direktinvestments in Seecontainer, stehen 3,5 Milliarden Euro im Feuer.

Rund 54.000 Privatanleger, überwiegend Senioren, bangen dort um ihr Geld. Statt verkaufter 1,6 Millionen Container fand Jaffé nur 600.000 im Bestand vor. Der Fall gilt als einer der größten Kapitalanlageskandale in der Geschichte der Bundesrepublik.

Die extreme Zahl an Gläubigern zu beherrschen stellt die Insolvenzverwaltung der P & R-Firmen vor enorme Herausforderungen. „Jaffé hat eine große Kanzlei, er ist bekannt dafür, dass er mit der Masse von Gläubigern umgehen kann“, sagt der Kapitalmarktrechtler Peter Mattil aus München, der Jaffé im Gläubigerausschuss von P & R gegenübersitzt. Deshalb gelte in München: „Wenn es über eine Milliarde geht, landet es bei ihm.“

86.000 Forderungsanmeldungen zählte das Team von Jaffé im Fall von P & R, die Gläubigerversammlung verlegte er deshalb notgedrungen in die Münchener Olympiahalle. 2500 Investoren lauschten dort seinen Ausführungen. Immer wieder erhielt Jaffé Szenenapplaus, etwa als er ankündigte, keinen Container zu Ramschpreisen zu verkaufen.

Die Direktinvestments in Seecontainer waren aufgrund ihrer angeblichen Sicherheit besonders bei älteren Anlegern populär. P & R verkaufte die Stahlboxen und mietete sie umgehend zurück. Die Investoren erhielten die Mieten und nach fünf Jahren ein Rückkaufangebot. Unter dem Strich erzielten sie so Renditen zwischen drei und fünf Prozent.

Seinen Plan, die Containerflotte voraussichtlich ein Jahrzehnt weiter über die Weltmeere zu schicken und die Gewinne der Insolvenzmasse zuzuführen, erklärte Jaffé auch im November 2018 in einem vollen Saal beim deutschen Insolvenzverwalterkongress. „Wenn eine Frachtladung auf hoher See ist und man feststellt, dass 60 Prozent der Ladung über Bord gegangen sind, dann bringt es überhaupt nichts, das Schiff auch noch zu versenken.“

Doch das leckgeschlagene Schiff P & R hochseetauglich zu halten war zunächst alles andere als einfach. Als Jaffé in Grünwald die insolventen Vertriebsgesellschaften von P & R übernahm, stand er vor einem Schlüsselproblem. Die 600.000 Bestandscontainer waren in einem schweizerischen Schwesterunternehmen angesiedelt, das nicht pleite war und das Firmengründer Heinz Roth über Aktien kontrollierte.

Roth hätte Jaffé in der Schweiz förmlich aussperren können, die P & R-Pleite wäre dann sehr wahrscheinlich in wenigen Wochen zum Totalverlust eskaliert. Jaffé verhinderte das, indem er in den dramatischen Tagen des Aprils 2018 den extrem hohen Druck auf Roth ausnutzte, um diesen zu einer Pfändung seiner Anteile der Schwestergesellschaft zu bewegen. Peter Mattil erinnert sich: „Er hat ihn – richtigerweise – in den Schwitzkasten genommen.“

Entschlossen, durchsetzungsstark, konsequent

Die Sorge, dass Roth mit dem vielen Geld aus der Schweiz abtaucht, war damit gebannt. Jaffé übernahm vollends die Kontrolle, indem er die Pfandrechte realisierte und die Aktienmehrheit übernahm. Im jüngsten Sachstandsbericht zu P & R schreibt Jaffé: Der Erhalt der Gesellschaft in Zug als Zahlstelle für die weltweite Verwertung der Containerflotte sei die Voraussetzung dafür, dass „Mittel für die Insolvenzmasse generiert werden können“.

Inzwischen liegen 300 Millionen Euro auf einem Sonderkonto, die Jaffé über die Containerbewirtschaftung in der Schweiz gesichert hat. Dem Bericht zufolge, laufen die Geschäfte auch in Corona-Zeiten stabil. Die Auslastung der Container liege bei 96 Prozent und die Abverkäufe von Altbeständen seien angelaufen. Sein erklärtes Ziel ist es, eine Milliarde Kapital zu retten und an die Gläubiger auszuschütten.

Entschlossen, durchsetzungsstark, konsequent – diese Eigenschaften sagen Anwälte Jaffé nach, die mit ihm arbeiteten oder gegen ihn streiten mussten. Seine Kritiker wenden ein, dass erst eine gewisse Skrupellosigkeit Jaffé überhaupt zu den Großverfahren befähige.

„Er zieht seinen Stiefel durch“, sagt der Berliner Anlegeranwalt Wolfgang Schirp, der mit dem Insolvenzverwalter schon heftig stritt. Wenn er ihn als Gegner charakterisieren sollte, denke er „eher ans Zweihandschwert als ans Florett“.

Weil bei P & R viele Altanleger mit frischem Kapital neuer Anleger bedient wurden, gilt das Konstrukt inzwischen als Schneeballsystem. Mit der Pleite begannen damals auch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen frühere Führungskräfte wegen Betrugsverdachts.

Jaffé pflegte zu der Behörde offenbar eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung. Als die Fahnder im Juni 2018 etwa Telefonüberwachungen gegen Roth beantragten, beriefen sie sich auch auf Erkenntnisse von Jaffé zu Soll- und Ist-Beständen der Container.

Zufall oder nicht: Als P & R-Gründer Heinz Roth erkennen ließ, die Pfändung seiner Aktien in der Schweiz aufheben zu wollen, landete er kurz darauf in Untersuchungshaft. Fortan hatte er keinerlei Einfluss mehr auf das Insolvenzverfahren. Eine Krankheit verhinderte schließlich den Prozess gegen Roth. Die Staatsanwaltschaft München 1 konnte die Ermittlungen im Eiltempo abschließen.

Dabei handelt es sich um dieselben Strafverfolger, die nun wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen die Führungsriege der Wirecard AG ermitteln. Es dürfte beim Amtsgericht bei der Wahl des Gutachters nicht gegen Jaffé gewertet worden sein, dass man sich schon kennt. Zumal er sich auf viele Erfahrungen mit Kriminalinsolvenzen berufen kann.

Am Donnerstag und am Freitag war Jaffé für das Handelsblatt nicht zu erreichen. Auch das passt zu seiner Art. Er versteckt sich nicht vor der Presse. Aber er redet nur dann mit Reportern, wenn er wirklich etwas mitzuteilen hat. Bei der Wirecard AG dürfte es einen Tag nach der Insolvenzanmeldung dafür zu früh sein.