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"Man muss nicht überall mitmischen": Douglas-Chefin Tina Müller übers Loslassen, Morgenroutine und einen persönlichen Traum, den sie sich noch erfüllen will

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Douglas-Chefin Tina Müller.
Douglas-Chefin Tina Müller.

Zwei intensive Augenpaare schauen durch die Laptop-Kamera. In Corona-Zeiten gibt Tina Müller nur Interviews per Videocall. Hinter dem Schreibtisch der 51-Jährigen, die den Kosmetik-Konzern Douglas leitet, hängt eine große Schwarz-Weiß-Fotografie des Topmodels Cara Delevingne, ihr Blick dringt geradezu durch die Kamera hindurch. Auch Müllers Blick wirkt wach, sie ist nicht weniger präsent als Delevingne. Das Bild hängt aber nicht in Müllers Homeoffice. Die Vorsitzende der Geschäftsführung geht, seitdem es wieder möglich ist, fast jeden Tag ins Büro. Das ist für sie ohnehin praktisch, denn Müller wohnt nicht weit von der Düsseldorfer Konzernzentrale, sie kann zu Fuß ins Büro gehen. Sie arbeitet lieber von dort aus, kann sich dort besser mit den anderen Kollegen der Geschäftsführung austauschen.

Müller, eine der bekanntesten und erfolgreichsten Managerinnen Deutschlands, hat Business Insider einen seltenen Einblick in ihren Alltag, ihre Routinen und ihre Führungsphilosophie gegeben. Müllers wacher Blick kommt nicht von ungefähr. Sie startet ihren Morgen gleich mit neun verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln. Das Thema Gesundheit ist Tina Müller besonders wichtig. So wichtig, dass sie sogar ein Buch darüber geschrieben hat: "Zum Jungbleiben ist es nie zu spät". Ihr persönlicher Life-Hack zum Jungbleiben: zwei Liter grüner Tee am Tag – kein Kaffee. Zu ihrer Morgenroutine gehören auch aufwendige Hautpflegerituale, schließlich arbeitet sie in der Beauty-Industrie: „Auch ich habe morgens eine Beautyroutine, die Zeit beansprucht", sagt sie. Danach schaut sie morgens während des Frühstücks das ZDF-Morgenmagazin, informiert sich über das Tagesgeschehen und liest Newsletter über Neuigkeiten aus der Branche. Nach der Arbeit treibt sie Sport, um sich fit zu halten.

Seitdem Tina Müller 2017 bei Douglas in die Geschäftsführung geholt wurde, baut sie den Händler in kurzer Zeit von einer stationären Parfümeriekette zum Onlineunternehmen um. Eine Mammutaufgabe, für die die Managerin mit über 20 Jahren Erfahrung in der Schönheits-Industrie bewusst geholt wurde und bei der auch unangenehme Aufgaben wie Filialschließungen und Stellenabbau anstehen.

Müller nutzt eine Coaching-App

Für ihre berufliche und persönliche Weiterentwicklung nutzt sie ein virtuelles Coaching-Programm mit einer App. Bei dem Coaching gehe es um einen "Mindset-Change", also eine Veränderung der Denkweise. Das gleiche Programm bietet Douglas auch 50 Mitarbeitern aus Verwaltung und den Filialen an, die sich dafür unternehmensintern bewerben konnten. Douglas hatte dieses Projekt während der Pandemie ins Leben gerufen, um die Mitarbeiter unter anderem im Homeoffice zu unterstützen. Es gibt für das Coaching kein vorgegebenes Thema, die Teilnehmer können aussuchen, ob sie über ein berufliches oder privates Thema sprechen möchten. Müller absolvierte zum Zeitpunkt des Interviews gerade die sechste Woche ihres Coachings, sie selbst hat ein privates Thema gewählt. "Mir persönlich hat das Coaching sehr gut weitergeholfen", sagt Müller.

Solche Learnings teilt sie auch auf dem Business-Netzwerk Linkedin, das sie als „Top Voice“ der deutschen Wirtschaft ausweist. Dort postet Müller als eine von wenigen deutschen CEOs über die Entwicklungen bei Douglas, beantwortet sogar Leserkommentare zu den Filialschließungen. Dort teilt sie aber auch ihre persönlichen Erfahrungen als Führungskraft sowie persönliche Rückschläge, wie etwa ihren krankheitsbedingten Ausfall im vergangenen Frühjahr. Damit wirkt Müller vor allem eins: sichtbar. Sichtbarkeit von Frauen in der Wirtschaft ist Tina Müller ein Herzensthema. Laut eigener Aussage habe sie bei Douglas diverse und paritätische Teams aufgebaut, außerdem mit Vanessa Stützle eine Frau an die Spitze der Digitalsparte geholt.

Doch auch neben ihrem Vollzeitjob bei Douglas engagiert sich Müller stark in der Start-up- und Frauenförderung. Müller ist in mehreren Frauennetzwerken gemeinsam mit anderen deutschen Managerinnen wie etwa Simone Menne aktiv und engagiert sich persönlich viel in Initiativen, die Gründerinnen fördern und unterstützen. So zum Beispiel die Initiative "Encourage Ventures", die mehr Frauen dafür begeistern will zu gründen. Müller ist dort sowohl als Mentorin tätig, investiert aber gleichzeitig auch in frauengeführte Start-ups – mit ihrem eigenen Geld. Parallel steigt sie gerade auch bei Auxxo ein, einer frauengeführten Venture-Capital-Firma, die gerade den in Deutschland bisher größten Fonds zur Förderung von Gründerinnen auflegt. Die Maßgabe für die Start-ups, die sich bewerben: Mindestens eine Frau muss im Gründerteam sein. Auch dort investiert Müller ihr eigenes Geld.

Apropos Frauenförderung: Müller gilt als Befürworterin der Frauenquote. Vor wenigen Wochen ist das zweite Führungspositionen-Gesetz in Kraft getreten, das börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen der Privatwirtschaft verpflichtet, mindestens eine Frau im Vorstand zu haben. Dieses neue Gesetz begrüßt sie. Zu Business Insider sagt sie: "Das neue Gesetz ist zumindest eine gute Basis und es war dringend nötig, denn es ist bislang nicht genug passiert." Die freiwillige Zielsetzung hat bislang nicht zu großen Umbrüchen geführt. Auch betrifft diese Regelung letztendlich nur 66 Unternehmen, also nur eine kleinen Teil der gesamten deutschen Wirtschaft. "Es ist aber trotzdem wichtig, weil das die Speerspitze der deutschen Unternehmen ist und sich damit der Druck auf andere Firmen erhöht", sagt Müller.

Worauf achtet Müller als Investorin?

Wenn sie selbst investiert, interessiere sie vor allem die Konsumgüterindustrie, die Branche, aus der sie nunmal selbst komme, so Müller. Vor ihrer Zeit an der Spitze von Douglas und einem kurzen Zwischenstopp bei Opel war die Managerin 17 Jahre lang bei Henkel, wo sie unter anderem die Beauty-Marke Schwarzkopf aufbaute. "In dem Bereich habe ich die meiste Erfahrung und kann das Geschäftsmodell am besten beurteilen", sagt sie. Doch nicht der Business-Plan oder ein gutes Produkt allein ist für Müller entscheidend. Die für sie wichtigsten Kriterien, um zu investieren: "Neben einem relevanten und einzigartigen Konzept sind die Leidenschaft und das Durchhaltevermögen der Gründer und Gründerinnen wichtig."

Eigenschaften wie Flexibilität und Agilität, die Gründer und Gründerinnen in der Regel brauchen, seien auf dem Vormarsch in der Arbeitswelt und diese würden gerade junge Frauen mitbringen, da diese mit einem anderen Selbstverständnis und Mindset aufgewachsen seien, so Müller. "Ich glaube, wir werden künftig in der deutschen Wirtschaft Frauen einer neuen Generation sehen, die ein viel breiteres Spektrum mitbringen, als nur eine klassische Konzernkarriere." Frauen, die wie selbstverständlich zwischen Konzern, Selbstständigkeit und Start-up wechseln, fügt Tina Müller hinzu.

Müller könnte sich vorstellen, irgendwann selbst zu gründen

Wie schafft sie es, zwischen Geschäftsführung eines globalen Konzerns, Tätigkeit als Investorin und freiwilligem Engagement als Mentorin, die Balance zu halten? Prioritäten richtig zu setzen, sei sowohl im Job als auch privat am wichtigsten für sie, sagt Müller. "Als CEO ist es meine Hauptaufgabe, loszulassen und Freiheiten lassen zu können, denn so entstehen Ideen und Innovationen. Man muss nicht überall mitmischen", sagt sie. Das sei für die Vorsitzende der Geschäftsführung gar nicht so leicht, "weil ich von Haus aus kreativ und perfektionistisch bin, da steht mir mein Naturell manchmal ein bisschen im Weg", sagt Müller und lacht. Zum Vergleich greift Müller gern zu einer Fußballanalogie: Es sei nicht mehr ihre Aufgabe, selbst auf dem Spielfeld mitzumischen. Bei Opel hat Müller im Sponsoring viel mit Fußballvereinen gearbeitet.

In die Autobranche zu Opel wechselte Müller 2013 und übernahm das Marketing und die Produkteinführung. Bekannt machte sie in dieser Zeit vor allem die Kampagne „Umparken im Kopf“, bei der auf großflächigen Plakaten gängige Vorurteile widerlegt wurden. Das hatte Müller zuvor selbst im Unternehmen vorgelebt. "Als ich bei Opel damals angefangen habe, habe ich Reifen gewechselt und dabei geholfen, einen Motor auseinander zu bauen, um zu versuchen, die Perspektive der Ingenieure einzunehmen und mehr über Autos zu erfahren." Dabei sei es gerade gut gewesen, dass sie aus einer anderen Branche mit dem Fokus auf Marketing kam, denn so hätte sie einen neuen Blick auf das Unternehmen und die Prozesse gehabt, so Müller. Sie habe so Dinge anders hinterfragen können und mögliche neue Sichtweisen hätten sich für sie aufgetan. "Um Veränderungen in Unternehmen zu erzeugen, muss man andere Fragen stellen, Reibung erzeugen", sagt Müller. Das hat sie bei Opel gemacht und es hat funktioniert. Der Erfolg der Kampagne hat ihr recht gegeben. Und auch bei Douglas scheint ihr Prinzip aufzugehen, wie die jüngst veröffentlichen Wachstumszahlen des Beauty-Händlers zeigen.

Egal ob Henkel, Opel oder Douglas: Tina Müller hat den längsten Teil ihrer Karriere in Großkonzernen verbracht und sich in diesem Umfeld immer sehr wohlgefühlt. Aber das muss nicht zwangsläufig immer so weitergehen. "Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann selbst zu gründen", sagt sie. Derzeit stehe dies jedoch noch nicht auf ihrer Agenda, sagt Müller, "ich habe einen tollen Job und wir haben bei Douglas noch viel vor." Unter anderem, den Beauty-Händler an die Börse zu bringen.

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