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Das müssen Unternehmen vor dem Brexit im Januar beachten

Knitterscheidt, Kevin
·Lesedauer: 5 Min.

Niemand weiß bisher, wie die Handelsbeziehungen nach dem Brexit aussehen werden. Das macht die Vorbereitung schwer. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens bedeutet für die Wirtschaft immer noch große Unsicherheiten. Foto: dpa
Der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens bedeutet für die Wirtschaft immer noch große Unsicherheiten. Foto: dpa

Seit bald vier Jahren geistert der harte Brexit als Horrorvorstellung durch die Köpfe europäischer Manager. Über Jahrzehnte eingespielte Prozesse drohen sich über Nacht zu verändern, wenn Großbritannien im Januar aus der Europäischen Union austreten wird.

Noch verhandeln beide Seiten über ein Handelsabkommen, das die Modalitäten der Post-Brexit-Ära regeln soll. Doch dass das noch vor dem Tag X gelingt, scheint derzeit unwahrscheinlich. Viele Unternehmen bereiten sich daher auf das Schlimmste vor: einen ungeregelten Austritt, der Großbritannien gegenüber der EU auf den Status eines Drittlandes zurückwirft.

Es wäre ein radikaler Umbruch, wie ihn die europäische Wirtschaft bislang noch nicht erlebt hat. Wie also vorbereiten auf ein Ereignis, von dem keiner weiß, ob es kommt – und wie schlimm es am Ende tatsächlich wird? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was bedeutet ein harter Brexit für die Lieferketten?

Ein Austritt ohne Handelsabkommen wäre der Worst Case für die Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Denn das würde bedeuten, dass für den Handel zwischen der EU und Großbritannien künftig die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten – und die sehen hohe Abgaben auf viele Produkte vor, die bislang zollfrei gehandelt werden.

Allein für die Automobilindustrie überqueren täglich rund 1100 Lkws die Grenze zwischen Großbritannien und der restlichen EU. Dabei werden einzelne Produkte teilweise mehrfach ein- und ausgeführt – etwa, weil sie in Großbritannien aus importierten Bauteilen montiert und danach in der EU in einem Fahrzeug verbaut werden.

Der Licht- und Elektronikspezialist Hella hat frühzeitig Strategien erarbeitet, um mögliche Engpässe in Lieferketten zu verhindern. So hat der Autozulieferer bereits vor Monaten mit dem Aufbau zusätzlicher Vorräte begonnen oder sich für den Notfall alternative Lieferanten gesucht.

Ähnlich hielt es auch der baden-württembergische Kabelhersteller Lapp, der vor dem Brexit auf Vormaterialien aus Großbritannien angewiesen war. Schon vor zwei Jahren hat das Unternehmen sich daher einen zweiten Lieferanten in den USA gesucht – und seine Lagerhaltung verstärkt.

Wie gut sind die Zollbehörden vorbereitet?

Beim Eurotunnel sieht man dem Austritt eher entspannt entgegen. Das Auf und Ab in den Verhandlungen zwischen London und der EU um ein Freihandelsabkommen beeinträchtigt den Güterverkehr durch den Kanaltunnel bislang nicht.

Es ist paradox: Je angespannter die Verhandlungen über den Brexit verlaufen, desto einfacher wird die Abfertigung der Lkws, die auf Tiefladern durch den Tunnel rollen. Eurotunnel hat erreicht, dass ein Großteil der Kontrollen und der Grenzabfertigung bereits erledigt wird, bevor die Lastwagen eintreffen.

Die Unternehmen haben sich auf ähnliche Prozeduren an den anderen Grenzübergängen vorbereitet. So heißt es etwa bei Bosch: „Wir bereiten uns beispielsweise auf automatisierte Zollabfertigungsverfahren bei einer Wiedereinführung von Zöllen vor“, sagte eine Sprecherin.

Dabei rechnet der Industriekonzern mit steigenden Kosten. „Ohne Handelsabkommen schätzen wir allein durch die Wiedereinführung von Zöllen aufseiten Großbritanniens und der EU, auf Basis der WTO-Regeln, die Mehrkosten für Bosch auf einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag jährlich“, sagte eine Sprecherin.

Wie teuer wird der Austritt insgesamt?

Weil noch unklar ist, wie die genauen Zollmodalitäten aussehen werden, fällt eine Taxierung der zu erwartenden Brexit-Kosten derzeit schwer. Schlimmstenfalls aber, so schätzte die Bertelsmann Stiftung vor einiger Zeit, seien für die EU-Mitgliedsländer Einkommensverluste von bis zu 40 Milliarden Euro jährlich zu erwarten.

Deutlich schwerer dürften aber die Briten selbst getroffen werden, deren Einkommen infolge des Brexits Einbußen um bis zu 57 Milliarden Euro sinken könnten. Und selbst bei einem Handelsabkommen ist mit deutlichen Einbrüchen zu rechnen: Für die EU veranschlagt Bertelsmann hier etwa die Hälfte der Kosten, für Großbritannien etwas mehr.

Inwieweit die veränderten Rahmenbedingungen auch zu Umstrukturierungen innerhalb der Unternehmen führen werden, ist offen. Dennoch bereiten sich die Firmenlenker auf das Schlimmste vor – und hoffen das Beste.

So hält es auch der US-Autohersteller Ford, der sowohl auf der britischen Insel als auch in Kontinentaleuropa in eigenen Werken produziert. „Wir gehen in unseren Planungen davon aus, dass sich Großbritannien und die EU auf eine Vereinbarung verständigen werden“, so Ford-Europa-Chef Stuart Rowley.

Dennoch hat sich der Autobauer mit Notfallplänen auf eine Zeit ohne Abkommen vorbereitet, unter anderem mit vergrößerten Lagern. Doch die kosten Geld – das die Europa-Tochter von Ford schon seit Jahren kaum verdient. Zölle würden die Wirtschaftlichkeit wohl zusätzlich infrage stellen.

Wo liegen weitere Schmerzpunkte?

Neben den zu erwartenden Handelsbeschränkungen herrscht immer noch große Unklarheit bei der Regulierung vieler Branchen, die bislang von einem einheitlichen Rechtsrahmen profitieren. Eines der prominentesten Beispiele dafür sind die Fluggesellschaften, für die dies- und jenseits des Ärmelkanals bislang die gleichen Regeln gelten.

Tritt Großbritannien ohne Abkommen aus der EU aus, dürfen britische Airlines europäische Flughäfen nicht mehr anfliegen. Die EU-Kommission hat als Teil ihres Notfallplans eine sechsmonatige Übergangsperiode angeboten, die allerdings Bedingungen enthält, die London bisher nicht akzeptiert hat.

Der Billigflieger Easyjet hat deshalb bereits vor Längerem eine Tochter in Österreich gegründet, die den Betrieb sicherstellen soll. Denn das sogenannte AOC, die Erlaubnis für den Betrieb, wurde von einem europäischen Land erteilt.

Eine Hürde könnte es trotz aller Zuversicht bei Easyjet noch geben. Die geltenden Regeln im Luftverkehr besagen, dass eine Airline nur dann in Europa frei fliegen darf, wenn sie mehrheitlich im Besitz europäischer Aktionäre ist. Bei Easyjet ist das bisher noch nicht der Fall.

Im schlimmsten Fall will Easyjet einer kleinen Anzahl von Investoren die Stimmrechte entziehen. Doch ist es durchaus möglich, dass das nicht nötig sein wird – etwa, weil die EU den Airlines eine Übergangsfrist einräumt, um ihre Aktionärsstruktur EU-konform zu machen.