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Lufthansa muss ihre Kosten noch stärker drücken als bislang geplant

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Die Airline verschärft ihren Sparkurs: Der Verkehr wird auf das Drehkreuz Frankfurt konzentriert, Büros werden geschlossen. Der Vorstand spricht von einer „immensen Herausforderung“.

Der Vorstand kündigt weitere Einschnitte an. Foto: dpa
Der Vorstand kündigt weitere Einschnitte an. Foto: dpa

Die Lufthansa muss die Kosten noch weiter drücken als bisher geplant. Der Vorstand informierte die Belegschaft am Sonntag in einem internen Schreiben über radikale Einschnitte. Unter anderem werden große Teile der Administration vorübergehend geschlossen, der Flugbetrieb wird ausgedünnt und in Deutschland noch stärker auf Frankfurt konzentriert.

Im Detail sieht der sogenannte „Wintermodus“ eine weitgehende Schließung der Konzernzentrale LAC in Frankfurt vor – mit Ausnahme der notwendigen Bereiche. Die Tochter Eurowings gibt ihre Büroflächen in Düsseldorf sogar komplett auf.

Im Flugbetrieb sollen vier weitere A350 von München nach Frankfurt verlegt werden, zusätzlich zu den bereits beschlossenen vier Jets. Bei Swiss könnten die Airbus A320 ceo – das sind die Jets, die noch nicht die effizienten Triebwerke des A320 neo haben – außer Betrieb gestellt werden.

Bei Austrian hat es die Boeing 777 getroffen, die nicht mehr abhebt. Zudem sollen dort auf der Kurzstrecke Regionaljets der Marke Embraer eingesetzt werden, die sonst dort fliegenden A320 bleiben ebenfalls am Boden.

Insgesamt nimmt die Gruppe 125 Jets wieder aus dem Betrieb, die eigentlich für den reduzierten Winterflugplan vorgesehen waren. Das sind tief greifende Einschnitte in den Flugbetrieb, die nach Aussage des Vorstands aber unumgänglich sind. Die Managementspitze hatte am Freitag mehrere Stunden getagt und weitere Maßnahmen diskutiert.

Flugkapazität wie in den 70er-Jahren

„Unsere Airlines werden maximal ein Viertel ihrer Vorjahreskapazität anbieten können, einige liegen sogar deutlich darunter“, heißt es in dem Schreiben. Die Zahl der Gäste werde voraussichtlich bei weniger als einem Fünftel des Vorjahreswerts liegen und damit noch einmal deutlich unter der angebotenen Kapazität. „Im historischen Vergleich sind wir in etwa auf dem Niveau Mitte der 1970er-Jahre.“

Lufthansa leidet seit dem Beginn der Pandemie massiv. Die Airline-Gruppe mit Marken wie Lufthansa, Swiss oder AUA hängt stark von Geschäftsreisenden ab, die etwa auf der Langstrecke nach Nordamerika häufig teurere Buchungsklassen wählen. Der Langstreckenverkehr ist aber nahezu zum Erliegen gekommen. Damit fehlt auch auf vielen Zubringerflügen die Ticketnachfrage.

Wegen der wieder steigenden Infektionszahlen und weiterhin geltenden Reisebeschränkungen ist auch nicht absehbar, wann diese lukrativen Verbindungen wiederbelebt werden können. Zudem ist offen, ob die Unternehmen nach ihren Erfahrungen mit Videokonferenzen während des Lockdowns ihre Reisebudgets nicht grundsätzlich kappen werden.

Gerade deshalb ist es zwingend notwendig, den wenigen Langstreckenverkehr, den es überhaupt gibt, zu konzentrieren. „Wenn man kaum eine Langstreckenmaschine nach Washington voll bekommt, kann man nicht einen Jet in Frankfurt und einen in München starten lassen“, beschreibt eine Führungskraft die Situation.

Die Konzentration auf Frankfurt als Hauptdrehkreuz birgt jedoch Sprengkraft. In der bayerischen Landespolitik dürfte der Abzug der A350 auf wenig Begeisterung stoßen. Doch Frankfurt hat zwei Vorteile: das dichteste Zubringernetz und das Drehkreuz für die Fracht, mit der Airlines wie Lufthansa in der Krise wenigstens noch etwas Geld verdienen.

„Jetzt rächt sich die Strategie des früheren Lufthansa-Chefs Wolfgang Mayrhuber mit dem Multihub-Ansatz und der Entscheidung, möglichst viele Flugzeugmuster zu fliegen, statt sich auf wenige zu beschränken, die flexibel eingesetzt werden können“, klagt ein Manager. Nach Informationen des Handelsblatts prüft Lufthansa, ob man neben der A350 nicht gebrauchte Boeing 787 erwerben kann. Diese Langstreckenjets sind wie die A350 kleiner als die Vierstrahler A380 und Boeing 747-800 und somit leichter zu füllen.

Das Unternehmen hatte vor wenigen Tagen erste Eckdaten für das dritte Quartal bekanntgegeben. Danach lag das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) bei minus 1,26 Milliarden Euro. Das ist zwar ein geringerer Verlust als die 1,7 Milliarden Euro im zweiten Quartal. Aber ein Jahr zuvor standen noch 1,29 Milliarden Euro Gewinn in den Büchern. In den ersten Monaten flog die Airline-Gruppe einen Verlust von gut vier Milliarden Euro ein.

Der bereinigte freie Mittelzufluss (Free Cashflow) betrug in den ersten neun Monaten fast minus 2,6 Milliarden Euro. Lufthansa verbrennt also Geld. Zwar hat das Unternehmen noch Reserven. So nennt der Konzern per Ende September liquide Mittel in Höhe von 10,1 Milliarden Euro – inklusive bisher nicht abgerufener Gelder aus der neun Milliarden Euro schweren Staatshilfe.

Doch die „Cashburn-Rate“ ist hoch, auch wenn, wie es in dem Schreiben heißt, es gelungen ist, den Wert von rechnerisch einer Million Euro pro Stunde auf eine Million Euro pro zwei Stunden zu reduzieren. Das Management will den Mittelabfluss im kommenden Jahr vollends gestoppt haben.

Streit über Sparbeitrag der Mitarbeiter

Dazu müssen allerdings die Kosten radikal gesenkt werden. Das Ziel des Managements: Mittelfristig soll das Unternehmen die Deckungskosten schon bei einer Auslastung der angebotenen Kapazität von lediglich 50 Prozent einfliegen.

Auch deshalb verschärft das Management jetzt erneut die Sparmaßnahmen. „Wir müssen Ausgaben noch strikter vermeiden und Kosten noch weiter senken. Einen anderen Weg gibt es für uns leider nicht“, heißt es in dem Brief an die Mitarbeiter.

Erst am 21. September hatte der Vorstand mit dem dritten Sparpaket die Maßnahme nachjustiert. Das sieht unter anderem eine Verkleinerung der Flotte der insgesamt 800 Maschinen – inklusive gemieteter Jets und Crews (Wet Lease) – um 150 Flugzeuge vor. Bis dahin war lediglich eine Schrumpfung um 100 Jets geplant gewesen.

Gleichzeitig will das Unternehmen deutlich mehr Jobs streichen als noch im Sommer angekündigt. Statt 22.000 sollen es nun 27.000 Vollzeitstellen sein. Längst ist klar, dass das ohne betriebsbedingte Kündigungen nicht gehen wird.

Zwar hat Lufthansa-Chef Carsten Spohr ursprünglich vorgehabt, durch einen Verzicht aller Beschäftigten bei gleichzeitiger Reduzierung der Arbeitszeit möglichst viele Jobs der aktuell 128.000 Mitarbeiter zu retten. Doch um wirklich alle Stellen zu sichern, müsste der Verzicht so groß sein, dass viele Mitarbeiter – etwa in der Kabine – ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren könnten.

Neue touristische Plattform Ocean ist ein Zankapfel

Auch deshalb stocken die Gespräche mit den Gewerkschaften seit Monaten. Hinzu kommt der Zankapfel „Ocean“. Lufthansa will unterhalb der Kernmarke Lufthansa eine neue Betriebsplattform für touristische Ziele ab den beiden Drehkreuzen Frankfurt und München einführen. Die Entscheidung wurde schon vor Beginn der Pandemie getroffen.

Dahinter steht die Erwartung, dass der touristische Verkehr stärker wachsen wird als der Geschäftsreiseverkehr. Die Pandemie beschleunigt diese Entwicklung noch.

Das Projekt will das Management trotz aller wirtschaftlichen Probleme durchziehen – zum Ärger der Arbeitnehmervertreter. Die Piloten der Kernmarke Lufthansa etwa fürchten, dass das Projekt eine Plattform ist, mit der mittelfristig der Konzerntarifvertrag unterlaufen werden kann, indem Wachstum nur noch dort stattfindet. Tatsächlich sollen alle Crewmitarbeiter bei der neuen Plattform auf der vergleichbar niedrigen Basis von Sunexpress Deutschland bezahlt werden.

Außerdem kritisieren die Arbeitnehmervertreter, dass Lufthansa mit Staatsgeld im Rücken den Wettbewerb gegen Rivalen wie Tuifly oder Condor verschärft, denen der Staat ebenfalls finanziell geholfen hat. Für Konzernchef Spohr ist „Ocean“ dagegen nur die Fortsetzung der Langstrecke von Eurowings. Es würden die gleichen Jets und die gleichen Crews eingesetzt.

Die wieder steigenden Infektionszahlen und Reisebeschränkungen führen zu einem deutlichen Buchungsrückgang im Luftverkehr. Foto: dpa
Die wieder steigenden Infektionszahlen und Reisebeschränkungen führen zu einem deutlichen Buchungsrückgang im Luftverkehr. Foto: dpa