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Lufthansa muss gewaltiges Sparpaket schultern

Die Airline steht vor einem gewaltigen Umbau, der Arbeitsplätze kosten und Besitzstände gefährden wird. Ruhe erwartet vom Großaktionär Thiele niemand.

Die Lufthansa-Hauptversammlung vergangene Woche war entscheidend für die Zukunft des Konzerns: Großaktionär Heinz Hermann Thiele stimmte dem Hilfspaket und dem Einstieg des deutschen Staats mit 20 Prozent trotz vorheriger Kritik zu. Die Lufthansa ist mit dem Finanzpaket über neun Milliarden Euro gerettet. Vorerst zumindest.

Die eigentliche Arbeit beginnt nun aber erst. Die Fluggesellschaft steht vor einem Umbau, der bis zu 26.000 Lufthanseaten den Job kosten könnte, wie es in Kreisen des Unternehmens heißt. Jede sechste Stelle ist damit gefährdet. Der Umbau bedeutet aber nicht nur einen Verlust an Arbeitsplätzen. Europas größte Airline soll auch komplett neu aufgestellt werden – und das in einer Zeit, die erheblich von den Folgen der Corona-Pandemie geprägt ist.

Daniel Röska, Analyst bei Bernstein Research, greift deshalb auf ein Bild aus der Bergsteigerei zurück. „Wenn es einen Berg gibt, den Lufthansa erklimmen muss, dann haben sie jetzt lediglich das Basislager erreicht“, schreibt der Luftfahrtexperte. Die Lufthansa sei mit dem Rettungspaket handlungsfähig geworden, heißt es aus dem Kreis der Lufthanseaten, die sich nach der Hauptversammlung zu der kleinen Feierlichkeit versammelt hatten. „Das Schicksal liegt nun wieder in unserer Hand.“

Doch der Spielraum, der nun mit der staatlichen Finanzspritze vorhanden ist, ist nicht sehr groß. Der Großteil der Flotte steht unverändert am Boden, auch wenn die Lufthansa mit ihren Flugzeugen wieder mehr Ziele ansteuern kann. Konzernmitarbeiter berichten, dass sich die Flugzeuge, die abheben, wieder füllen. Bei einigen wenigen Strecken habe es sogar Überbuchungen gegeben, sagte einer der Beschäftigten.

Das Niveau ist aber weit vom früheren Stand entfernt. Bis sich der Markt für Reisen erholt, wird es aus Sicht des Managements noch Jahre dauern. Vor 2022 oder 2023 werde das nicht geschehen, hatte Spohr auf dem Aktionärstreffen gesagt. Vielleicht werden frühere Rekordwerte auch niemals wieder erreicht, prognostizieren einige Experten.

Hohe Schuldenlast

Bei der Lufthansa klafft also eine enorme Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben. Flugzeuge und Mitarbeiter kosten Geld. Außerdem muss die Lufthansa die Kunden entschädigen, die ihre Flüge nicht wahrnehmen wollten. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte zuletzt keinen Zweifel daran gelassen, dass er dies erwarte. Mit dem Bund als Hauptaktionär an Bord wird sich das Unternehmen gegen solche Forderungen nicht mehr wehren können.

Neun Milliarden Euro erhält die Lufthansa – ein gewaltiger Betrag. Das Geld reiche, um durchs Jahr zu kommen, hat das Management immer wieder betont. Doch viel weiter wird es nicht reichen. Schon jetzt sind bei der Firma Forderungen in Höhe von über zwei Milliarden Euro aufgelaufen. Mit dem Stillstand am Himmel droht der Verlust von weiteren Milliarden. Verbessert sich die Lage nicht, dann dürfte die Lufthansa ab dem kommenden Frühjahr erneut frisches Kapital benötigen, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen.

Also führt an einem radikalen Umbau kein Weg vorbei. Auch weil das Rettungspaket des Bundes eine finanzielle Belastung ist. „Für den Staat ist das durchaus lukrativ, insgesamt sind die Belastungen aber durchaus erheblich“, hatte Karl-Ludwig Kley bei dem Aktionärstreffen gesagt.

Wie groß die Last ist, zeigen Berechnungen von Bernstein-Experte Röska. Er hat alle Verpflichtungen des Unternehmens addiert – inklusive Pensionsverpflichtungen – und die verfügbaren Barmittel abgezogen. Das Ergebnis: In der Spitze wird die sogenannte Nettofinanzverschuldung den imposanten Wert von 26 Milliarden Euro erreichen.

Lufthansa-Chef Spohr hat am Donnerstag deutlich gemacht, dass er trotz dieser Last und der damit verbundenen Tilgungspflicht die Staatsmittel möglichst schnell zurückzahlen will. Das waren keine Beruhigungspillen für die Aktionäre, die sich Sorgen um die Zukunftsfähigkeit machen. „Spohr meint das absolut ernst. Er hat intern deutlich gemacht, dass es sein oberstes Ziel ist, das Kapitel Staatshilfen sehr schnell wieder zu beenden“, sagt eine Führungskraft. Dem werde alles andere vorerst untergeordnet.

Die Frage ist, wie er das schaffen kann und will. Ein Element ist eine Refinanzierung am Kapitalmarkt. Der war für die „Hansa“ in der Spitze der Coronakrise verschlossen. Aber mit dem behutsamen Neustart des Flugverkehrs und der Entspannung aufseiten der Pandemie hofft das Management, hier bald wieder tätig werden zu können. Das Ziel dabei ist, bei den Ratingagenturen möglichst schnell wieder ein sogenanntes „Investmentgrade“ zu bekommen, um für Investoren attraktiv zu sein.

Die Last der Tilgung

Ein zweites Element ist die Reorganisation des gesamten Betriebs, ebenjener Umbau, der nun vorbereitet wird. Die Flottengröße, die Strategie, mehrere Drehkreuze (Hubs) zu betreiben, die Vielzahl von Flugbetrieben (AOC), die zum Flugbetrieb gehörenden Dienstleistungen – alles das steht zur Disposition und wird überprüft.
Unter dem Strich will das Management die Komplexität des Konzerns reduzieren, die seit Langem ein Klotz am Bein der „Hansa“ ist. Zudem sollen die Systempartner wie Flughäfen oder Bodenverkehrsdienste einen Beitrag leisten, etwa durch reduzierte Gebühren.

Eines der wichtigsten Elemente ist indes der Beitrag der Mitarbeiter. Mit der Kabinengewerkschaft UFO hat das Management gerade einen Abschluss erzielen können, der Einsparungen von mehr als einer halben Milliarde Euro möglich macht. Die Gespräche mit der Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit (VC) sind laut Spohr auf einem guten Weg, die mit Verdi für das Bodenpersonal gingen am vergangenen Freitag weiter.

Nach der Zustimmung der Aktionäre zum Rettungspaket herrschte bei den Arbeitnehmervertretern große Zuversicht. „Die Pilotinnen und Piloten aller Airlines der Lufthansa Group haben bereits mit weitreichenden Angeboten gezeigt, dass sie ihren Beitrag dazu leisten wollen“, erklärte Markus Wahl, der Präsident der VC.

Doch Analyst Röska fragt sich, ob solche Abkommen, wie sie jetzt etwa mit der UFO getroffen wurden, angesichts der enormen finanziellen Last des Konzerns ausreichen werden. Oder ob nicht das ganze Tarifsystem komplett erneuert werden muss. „Der Schuldenberg und die Pflicht, die Staatshilfen möglichst schnell zurückzuzahlen, werden das Management dazu zwingen, harte Entscheidungen in den Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern zu treffen“, so Röska.

Allerdings gibt es bei diesen Verhandlungen noch ein anderes Problem: Um einen belastbaren Personalplan erstellen zu können, muss das Management erst einmal die künftige Nachfrage kalkulieren. Eine enorme Herausforderung, denn keiner kann aktuell sagen, wie schnell sich der Privat- und der Geschäftsreiseverkehr wieder erholen wird.

Mitarbeiter müssen bluten

Wie schwer eine solche Vorhersage ist, zeigt eine Aussage Spohrs auf der Hauptversammlung. Noch im März hatte der Lufthansa-Chef erklärt, man verhandele mit den Herstellern auch über die Stornierung von Flugzeugen. Am Donnerstag bemerkte er, dass man keine Stornierung mehr plane: „Wir glauben, die nötige Flexibilität komplett über Verschiebungen erreichen zu können.“

Nach letzten Daten hat Lufthansa für die Gruppe 198 Flugzeuge bestellt, die eigentlich bis 2027 ausgeliefert werden sollen. Zwar wird das Unternehmen zahlreiche alte Jets ausmustern und durch neue ersetzen. Das schreibt auch das Rettungspaket vor. Doch dass das Management nun plant, alle bestellten Flugzeuge zu übernehmen, zeigt: Man geht davon aus, dass der Flugbetrieb irgendwann wieder ein halbwegs normales Niveau erreicht. Dafür wird dann allerdings auch wieder das entsprechende Personal benötigt.

Das Personal zu stark kürzen ist also ein Risiko. Doch die eine Milliarde Euro, die das Rettungspaket allein im kommenden Jahr an Zinsen und Tilgung kosten wird, sind auch nicht wegzudiskutieren. „Diesen Betrag kann das Unternehmen nicht aus eigener Kraft stemmen, wenn die Reisetätigkeit so eingeschränkt ist“, sagte ein hochrangige Führungskraft.

Bliebe der Verkauf von Bereichen. Nach einer internen Aufstellung sieht das Management die Töchter Airplus (Kreditkarten) oder die Wartungstochter Lufthansa Technik als potenzielle Kandidaten. „Ein Verkauf könnte schnell eingeleitet werde“, sagte die Führungskraft. Allerdings würden die Preise unter Druck stehen, weil das Umfeld schwach sei.

Wie schwierig Verkäufe von Unternehmen oder Unternehmensteilen in der aktuellen Situation sind, zeigt sich an der Cateringtochter LSG Sky Chefs. Deren europäisches Geschäft soll vom Wettbewerber Gategroup übernommen werden. Der Deal ist zwar vereinbart, aber noch nicht abgeschlossen. Nun hakt er, denn die Geschäftsaussichten sind mehr als verhalten.

Die Einnahmen von LSG liegen am Boden, da kaum Flugzeuge unterwegs sind. Die Transaktion werde daher im Moment nachverhandelt, wird im Unternehmensumfeld berichtet. Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Lufthansa weitere Zugeständnisse beim Preis machen müsse.

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