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Die Lehre aus dem Brand von Notre Dame

Der Brand der Kathedrale Notre Dame de Paris kann niemanden unberührt lassen, der ein Herz hat. Denn da brannte nicht irgendein großes Gebäude. Es brannte ein Denkmal dessen, was einmal das christliche Abendland genannt wurde und die Grundlage ist für alles, was wir heute Europa nennen.

David Macauleys wunderschönes Bilderbuch „Sie bauten eine Kathedrale“ verschafft einen Eindruck davon, was es unter den Bedingungen des 13. Jahrhunderts bedeutete, eine Kathedrale zu bauen. Allein das jetzt vernichtete Dach! 1300 Eichen (eine Waldfläche von rund 21 Hektar), die nur mit Muskelkraft gefällt, transportiert und bearbeitet wurden. Über mehrere Generationen hinweg, gaben die Bürger fast aller damaligen europäischen Städte, deren Einwohnerzahlen meist allenfalls heutigen Kleinstädten entsprachen, einen großen Teil ihrer Einkommen her – und viele Handwerker und Arbeiter ihr Leben -, um prachtvolle und für damalige Verhältnisse gigantische Bauwerke zu errichten. Natürlich waren das auch damals schon Statussymbole von städtischen Patriziern, Fürsten, Königen. Aber in erster Linie dienten diese Kathedralen der Ehre Gottes.

Wie irrational, wie unökonomisch! Wieviel Geld und wohl auch Menschenleben hätten unsere Vorfahren sparen können! „So teuer war der Bauwahn der katholischen Kirche“, betitelt eine Kollegin in der Welt einen aus aktuellem Anlass geschriebenen Bericht. Sie klagt darüber, dass die Kirche nicht all das Geld und die Arbeitskräfte „in den Bau von Schulen, Straßen und anderer Infrastruktur investiert“ hat. Es gibt tatsächlich moderne Ökonomen und Historiker, die so denken – und beklagen, dass das Mittelalter viel früher hätte enden können, wenn all die menschliche Arbeitskraft für produktivere Zwecke verwendet worden wäre.

Aus solchen pseudowissenschaftlichen Albernheiten lernt man nicht viel. Sie zeigen nur: Die Entgrenzung und historisch-kulturelle Entwurzelung ist ausgerechnet an den Universitäten weit fortgeschritten. Nicht nur Ökonomen, sondern auch viele Historiker haben sich völlig abgewöhnt, was doch die zentrale Voraussetzung für jedes Verstehen ist: Sich in die geistige Welt früherer Menschen hineinzuversetzen und sie eben nicht nach den Maßstäben der Gegenwart zu bewerten.

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Die Existenz von mittelalterlichen Kathedralen gebietet zunächst vor allem eines: Ehrfurcht und Dankbarkeit angesichts der kulturellen Leistung früherer Generationen. Wie viel ärmer wäre Frankreich ohne seine Kathedralen! Und Italien und England und nicht zuletzt Deutschland!

Für Ökonomen halten mittelalterliche Kathedralen aber noch eine besondere Botschaft bereit. Sie widerlegen das geschichtsblinde Menschenbild der dominierenden Wirtschaftswissenschaft, das davon ausgeht, dass vermeintliche ökonomische Gesetzmäßigkeiten ähnlich wie Naturgesetze für alle Menschen und alle Zeiten gelten. Kathedralen aber belegen durch ihre schiere Existenz, dass materielle Nutzenoptimierung keineswegs immer das zentrale Motiv produktiven Handelns war – und es daher wohl auch nicht unbedingt bis in alle Ewigkeit sein wird.

Den Menschen des 13. Jahrhunderts kam es nicht in den Sinn, nach unseren Maßstäben ökonomisch zu handeln. Nicht materiellen Reichtum in dieser Welt anzuhäufen und das finstere Mittelalter hinter sich zu bringen, war für die meisten damals lebenden Menschen in Frankreich, Deutschland und anderen christlichen Ländern der Sinn des Lebens, sondern ein gottgefälliges Leben und schließlich das Seelenheil im Himmelreich.

Der Brand von Notre Dame sollte darum nicht nur ein Grund sein, Geld zu spenden für den Bau eines neuen Dachs. Er sollte auch eine Mahnung sein, sich wichtigere als ökonomische Fragen zu stellen: Wie lange werden die Erzeugnisse unserer Kultur halten? Wie werden unsere Nachkommen in 800 Jahren auf unsere Leistungen schauen? Wird irgendetwas von dem vermeintlich Nützlichen, was wir heute schaffen, in 800 Jahren noch so bestaunt und geliebt werden, wie wir heutigen Menschen die Kathedrale Notre Dame bestaunen und lieben?

Peter Sloterdijk beendet sein bestes Buch – „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – mit dem klugen Aufruf, uns „in der verlernten Kunst des Dauerns zu üben“. Eine zukunftsträchtige Idee.