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Leere Städte, leere Kassen – der Handel bangt ums Weihnachtsgeschäft

·Lesedauer: 5 Min.

Der Lockdown trifft nicht nur Hotels und Gastronomen, sondern auch den stationären Handel. Ausgerechnet das Weihnachtsgeschäft, die umsatzstärkste Zeit des Jahres, droht zum Fiasko zu werden.

Restaurants, Bars und Kneipen müssen wie hier in Hannover im November geschlossen bleiben. Das trifft auch den Einzelhandel. Foto: dpa
Restaurants, Bars und Kneipen müssen wie hier in Hannover im November geschlossen bleiben. Das trifft auch den Einzelhandel. Foto: dpa

Christian Greiner ist bereit fürs Fest. Unten im Erdgeschoss des traditionsreichen Münchner Kaufhauses Ludwig Beck will er weihnachtliche Stände aufbauen lassen, an denen seine Kunden Geschenkartikel oder mit Blattgold verzierte Erdbeeren kaufen können. Auch die Schaufenster sollen in festlichem Glanz erstrahlen. „Wenn sich unsere Kunden schon in die Innenstadt wagen“, sagt Unternehmenschef Greiner, „sollen sie dafür auch belohnt werden.“

Es wird kaum ausreichen, um das Weihnachtsgeschäft zu retten. Am Sonntag sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier der „Bild am Sonntag“, er erwarte noch bis ins Frühjahr hinein erhebliche Einschränkungen: „Zur Zwischenbilanz gehört auch, dass die Infektionszahlen nach wie vor viel zu hoch sind. Sehr viel höher sogar als vor zwei Wochen“, sagte der CDU-Politiker. Für Lockerungen sehe er wenig Spielraum. „Wir werden zumindest in den nächsten vier bis fünf Monaten mit erheblichen Vorsichtsmaßnahmen und Einschränkungen leben müssen.“ Vor wenigen Tagen musste der sanierungserfahrene Unternehmer Greiner die Prognose für das Geschäftsjahr 2020 kappen. „Wegen der wieder stark zunehmenden Dynamik der Covid-19-Pandemie“ sowie der von Bund und Ländern beschlossenen Einschränkungen seien die bisherigen Planungen obsolet, teilte Ludwig Beck mit. Während Restaurants, Bars oder Kinos im November schließen müssen, dürfen Modeläden, Warenhäuser und Shoppingcenter anders als im Frühjahr zwar geöffnet bleiben. Dennoch: Ausgerechnet das Weihnachtsgeschäft, die umsatzstärkste Zeit des Jahres, droht für weite Teile der Branche zum Fiasko zu werden.

Die beschlossenen Einschränkungen würden sich deutlich auf das Weihnachtsgeschäft auswirken. „Die Unbeschwertheit und Vorfreude der Menschen wird es nicht geben“, sagt Frank Revermann, Chef des Schuhhändlers Görtz. Der Lockdown führe „bereits jetzt dazu, dass wir Frequenzrückgänge von circa 60 Prozent sehen“, so Revermann. „Wir gehen davon aus, dass sich dies in den nächsten Wochen fortsetzen wird“. Die Düsseldorfer Modekette Peek & Cloppenburg stellt sich „in den kommenden Monaten auf weiterhin herausfordernde Zeiten“ ein. Und Michael Busch, geschäftsführender Gesellschafter des Buchhändlers Thalia Mayersche, sieht „definitiv einen negativen Effekt auf unser Weihnachtsgeschäft“. So kämen deutlich weniger Menschen in die Innenstädte, da beispielsweise das gastronomische Angebot fehlt.

Auch Europas größter Shoppingcenterbetreiber ECE erwartet, dass die Besucherzahlen im Weihnachtsgeschäft „in der aktuellen Lage leider deutlich unter dem üblichen Niveau liegen werden“. Nachdem die Besucherfrequenzen in den Centern zuletzt wieder auf 80 bis 90 Prozent des Vorjahresniveaus gestiegen seien, haben sie sich seit Mitte Oktober – seit sich das allgemeine Infektionsgeschehen wieder verstärkt hat und die von der Regierung beschlossenen Maßnahmen in Kraft getreten sind – wieder deutlich rückläufig entwickelt, teilt ein ECE-Sprecher mit.
Tatsächlich haben sich die Besucherzahlen seit dem Lockdown im Frühjahr allenfalls teilweise erholt, belegt auch eine Analyse des Datenspezialisten Crosscan für die WirtschaftsWoche.

Das Unternehmen analysiert die Besucherströme in weltweit mehr als 12.000 Filialen. Aktuell liegen sie in Deutschland rund 25 Prozent unter den Vorjahreswerten. „Führt sich diese Entwicklung der Besucherfrequenzen ins Weihnachtsgeschäft des stationären Einzelhandels fort, erwarten wir auch hier ein Minus von 25 Prozent der Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Crosscan-Chef Thorsten Cramer. „Das ist ein großes Risiko für den Handel, da absolut gesehen eine hohe Umsatzlücke droht.“ Dies bedeute, dass der Einzelhandel alle Stellschrauben nutzen muss, um die positiven Effekte des Weihnachtsgeschäfts zu maximieren.

Je nach Sortimentsschwerpunkt werde dies unterschiedlich schwierig. „Es gibt Retailbranchen, wie die Telekommunikation oder Parfümerie, in denen die persönliche Beratung ein essentieller Umsatztreiber ist. Gerade dort sorgt mehr verfügbares Verkaufspersonal für mehr Umsatz und höhere ‚Durchschnittbons‘, so Cramer. Allerdings gebe es auch große regionale Unterschiede: „So lässt sich aktuell Hamburg mit einem Besucherplus von plus 9,34 Prozent im Vergleich zur Vorwoche wenig vom Teil-Lockdown beeindrucken“. In München würden die Besucherzahlen dagegen sinken.

Immerhin: „ Wer jetzt vorbei kommt, will nicht nur gucken, sondern auch kaufen“, sagt Ludwig-Beck-Chef Greiner. „Die Conversion ist höher, wir verkaufen mehr Artikel pro Kunde.“

Schöne Bescherung?!

Laut einer Umfrage des Handelsverbands HDE unter 500 Innenstadthändlern liegen die Umsätze in der ersten Novemberwoche im Schnitt allerdings mehr als ein Drittel unter dem Vorjahresniveau. „Dennoch ist selbst ein geringer Umsatz besser als eine erneute Schließung unserer Häuser und wir freuen uns über alle Kunden, die zu uns kommen“, heißt es bei Peek & Cloppenburg.

Auch für den Parfümerie- und Kosmetikhändler Douglas ist das Weihnachtsgeschäft von existenzieller Bedeutung. Fast die Hälfte des Jahresumsatzes spielt Douglas zwischen Oktober und Dezember ein. Douglas spüre „wie alle Händler, dass in den Innenstädten zur Zeit deutlich weniger los ist“, sagte Vorstandschefin Tina Müller. „Beim Shoppen möchte man mal einen Kaffee trinken oder etwas essen. Das ist aktuell nicht möglich, und das macht dem gesamten stationären Einzelhandel zu schaffen“, so Müller. Helfen soll nun vor allem das Online-Geschäft: „Wir erzielen inzwischen rund 40 Prozent unseres Umsatzes in Deutschland online und können den Rückgang der Kundenzahlen in den Innenstädten durch unser digitales Geschäft“ auffangen. „Weihnachten fällt für Douglas auch in diesem Jahr nicht aus“, sagt Müller im Interview mit der WirtschaftsWoche.

Auch der Buchhändler Thalia versucht die stationären Umsatzverluste abzufedern und hat jüngst etwa ein System für das kontaktlose Bezahlen eingeführt. „Das Anstehen an der Kasse entfällt“, sagt Thalia-Chef Busch. Auch Express-Spuren in den Läden und das Onlinegeschäft sollen dazu beitragen, die Kundenströme in den Läden zu entzerren.
„Auch wenn der Online-Handel erfreulicherweise dazu gewinnen konnte, sind die gesamtwirtschaftlichen Einbußen damit nicht auszugleichen“, heißt es derweil beim Modehändler Peek & Cloppenburg. „Unser Fundament ist seit jeher der stationäre Handel.“

Das gilt auch für das Münchner Traditionskaufhaus Ludwig Beck. Unternehmenschef Greiner hat zudem Zweifel, ob Unterstützungsmaßnahmen der Politik an der richtigen Stelle ansetzen. „Die Senkung der Mehrwertsteuer ist verpufft“, sagt Greiner. „Das hat niemanden interessiert.“ Konsumgutscheine hätten aus seiner Sicht deutlich mehr gebracht. Noch wichtiger wären aber flexible Öffnungszeiten. „Die würden dem stationären Handel wirklich helfen“, so Greiner. Und könnten nebenbei dazu beitragen, die Kundenströme zu entzerren und so die Corona-Risiken zu verringern.

Mehr zum Thema: Das ausführliche Interview mit Douglas-Chefin Tina Müller und Digitalexpertin Vanessa Stützle lesen Sie hier.