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Lagardes Moment der Wahrheit kam in einem Londoner Hotel

(Bloomberg) -- Christine Lagarde brauchte zweieinhalb Stunden Videokonferenz für die Entschärfung der vorerst letzten Schuldenkrise der Eurozone. Bewaffnet mit einer Kanne Kaffee und ihren üblichen iPads überzeugte sie ihre Ratskollegen der Europäischen Zentralbank aus einem Arbeitszimmer im Untergeschoss eines Londoner Hotels von ihrem zweigleisigen Konzept.

Der Plan, auf den sich die Währungshüter am 15. Juni einigten, während draußen auf London eine kleine Hitzewelle lastete, erstickte die aufkeimende italienische Bondkrise ohne dass auch nur ein einziger Euro ausgegeben werden musste.

Ein Jahrzehnt, nachdem ihr Vorgänger Mario Draghi - ebenfalls in London - weitaus schlimmere Turbulenzen eindämmen konnte, unterstreichen Lagardes Maßnahmen den Wandel der EZB-Philosophie in Bezug auf die Märkte.

Dieses Umdenken dürfte auch im Zentrum der jährlichen Klausurtagung der EZB stehen, die am heutigen Montag im portugiesischen Sintra beginnt. Die Idee, sagen Notenbanker, sei es früh gegen Turbulenzen vorzugehen, damit man dann in Ruhe die notwendigen Entscheidungen treffen kann. Im März 2020 war das Lagarde noch nicht gelungen und löste mit einem Fehltritt eine Panik aus, die mit dem pandemischen Notfallprogramm für den Anleihekauf bereinigt werden musste.

Im Folgenden eine Chronik der Ereignisse im Umfeld des 15. Juni, die auf den Informationen verschiedener Personen beruhen, die mit dem Thema vertraut sind und um Anonymität baten. Begonnen hatte alles eine Woche vorher, am Mittwoch, dem 8. Juni, in Amsterdam.

Dort traf sich der EZB-Rat für sein erstes Treffen außerhalb Frankfurts seit 2019. Lagarde zeigte sich entspannt. Sie witzelte mit dem König und der Königin, nahm sich Zeit, Jan Vermeers Meisterwerk “Dienstmagd mit Milchkrug” im Amsterdamer Rijksmuseum anzusehen und speiste mit politischen Entscheidungsträgern.

Bei der Ausarbeitung der Zinserhöhungspläne zeigten sich die Notenbanker noch gelassen in Bezug auf potenziellen Stress bei den Staatsanleihen schwächerer Euro-Staaten - trotz der diesbezüglichen Warnung des italienischen Notenbankchefs Ignazio Visco neun Tage zuvor.

Bei der zweitägigen Sitzung ging es vor allem um das Tempo der Straffung. Im Vorfeld war über ein Instrument zur Bewältigung potenzieller Marktspannungen spekuliert worden. Als Lagarde keines enthüllte, führte das zu Enttäuschung, aber noch nicht zu Marktreaktionen, die Anlass zur Sorge geboten hätten.

Innerhalb von 24 Stunden änderte sich das Bild jedoch deutlich. Ein 40-Jahres-Hoch bei der US-Inflation löste Spekulationen aus, die Federal Reserve könnte zur Eindämmung der Teuerung zu einem besonders großen Zinsschritt greifen. Nach dem Wochenende intensivierte sich am Staatsanleihemarkt der Abverkauf. Die Renditen italienischer Bonds erreichten neue Höhen.

Erstmals seit 2014 rentierten zehnjährige Anleihen aus Rom oberhalb der Marke von 4%. Lagarde erörterte die Verwerfungen mit Kollegen aus dem Direktorium, so mit Chefökonom Philip Lane und Isabel Schnabel, sowie mit hochrangigen Mitarbeitern. Sie begann sich zu fragen, ob Nichtstun überhaupt noch eine Option sei.

Am Dienstag traf sich das sechsköpfige Direktorium zum wöchentlichen Morgenmeeting. Lagarde war sich bewusst, dass die Schlagzeilen über Italien nicht aufhören würden, zumal im Wochenverlauf bei einer Konferenz in Mailand die Auftritte von sieben EZB-Ratsmitgliedern auf der Agenda standen.

Mit dem Argument, dass sich die Spannungen an den Märkten verschärfen könnten, überzeugte Lagarde ihr Direktorium davon, dass es an der Zeit sei, das Krisenkonzept der EZB zu überarbeiten und eine Ad-hoc-Sitzung einzuberufen. Die Einladungen für eine Videokonferenz am nächsten Tag wurden umgehend verschickt.

Lagarde reiste danach nach London. In der Zwischenzeit hielt Schnabel in Paris eine Rede vor Sorbonne-Studenten, die nicht den Anschein erweckte, als stünde eine Reaktion unmittelbar bevor.

Am 15. Juni, einem Mittwochmorgen, meldete die italienische Zeitung Corriere della Sera unter Berufung auf informierte Kreise, dass die EZB ein Notsitzung plane. Lagarde leitete die Videokonferenz ab 10 Uhr Londoner Zeit von dem kahlen Raum im Untergeschoss, den sie ihrem eher winzigen Hotelzimmer vorgezogen hatte.

Bundesbankchef Joachim Nagel gehörte den Personen zufolge zu denen, die in der Sitzung Vorbehalte hatten. Letztlich entschieden sich die Währungshüter jedoch dafür, zu handeln. Die Erfahrungen der Vergangenheit hatten gezeigt, dass anhaltende Probleme nur allzu schnell ausufern können.

Die Räte einigten sich darauf, fällig werdende Anleihen aus dem Pandemieprogramm der EZB zunächst in die höher verschuldeten Länder zu reinvestieren und zugleich die Arbeit an einem neuen Kriseninstrument voranzutreiben.

Keiner der beiden Beschlüsse bedeutete einen sofortigen Ankauf von Anleihen. Es bleibt abzuwarten, ob solche Käufe noch notwendig werden. Tatsächlich hoffen die Notenbanker noch immer, dass sie ein Werkzeug entwickeln können dessen reine Existenz eine Spekulationsdynamik am Markt verhindert - so wie Draghis nie genutztes OMT-Instrument aus dem Jahr 2012.

Die EZB wartet nun auf Vorschläge ihrer Experten, die unter anderem festlegen sollen, wann Maßnahmen gerechtfertigt sind, welche Bedingungen die Regierungen erfüllen müssen und wie die Auswirkungen der erneuten Anleihekäufe auf die Bilanz der EZB neutralisiert werden können. Idealerweise soll eine Entscheidung am 21. Juli fallen.

Im Nachgang der EZB-Entscheidung hatte der niederländische Notenbankgouverneur Klaas Knot auf der Konferenz in Mailand erklärt: “Seien Sie beruhigt, wir sind bereit.” Die Renditen 10-jähriger Anleihen Italiens sind seither deutlich unter 4% geblieben.

Zurück in London verließ Lagarde den Krisenmodus und nahm ihre geplanten Verpflichtungen wieder auf. Sie weihte ein neues EZB-Büro in der Nähe von Westminster ein und erhielt die Ehrendoktorwürde der Eliteuni London School of Economics.

Die Turbulenzen könnten zwar immer wieder aufflammen. Im Moment erscheint die Entscheidung vom 15. Juni jedoch als eine der wirksamsten verbalen Interventionen unter Lagardes Führung. Hatte Draghi den Markt mit der schillernden Erklärung beruhigt, “to do whatever it takes”, um den Euro zu schützen, hat seine Nachfolgerin eine Krise frühzeitig eingedämmt.

Kritik bleibt ihre dennoch nicht erspart. Am vergangenen Montag wurde Lagarde im Europaparlament der Vorwurf der Unentschlossenheit gemacht. “Glauben Sie, dass Ihr EZB-Rat Entscheidungen trifft oder dass er mit seinen Ankündigung den Märkten hinterherhinkt?” fragte der spanische Abgeordnete Jonas Fernandez, und fügte hinzu: “Ich denke, die EZB hinkt den Märkten hinterher.”

Lagarde widersprach. Die EZB müsse Marktverwerfungen zuvorkommen, die das Risiko der Fragmentierung in sich trügen: “Man muss sie im Keim ersticken.”

Überschrift des Artikels im Original:

Lagarde’s Moment of ECB Crisis Reckoning, in a London Basement

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