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Labour-Chef Keir Starmer glänzt als Korrektiv zu Boris Johnson

Der Labour-Politiker hat sich in der Coronakrise zu einem effektiven Oppositionsführer entwickelt. Premier Johnson macht es ihm leicht.

Keir Starmer war in seinem Element. Ihm sei da etwas aufgefallen, sagte der Labour-Chef am Mittwoch in der Fragestunde des britischen Premierministers und wedelte mit einem Blatt Papier. Die internationalen Vergleichskurven der Corona-Opfer seien plötzlich aus den Präsentationen der Regierung verschwunden. Warum?

Boris Johnson wand sich. Seine Berater hätten gesagt, Vergleiche mit anderen Ländern seien „verfrüht“, erklärte der Regierungschef. Das ließ Starmer ihm nicht durchgehen. Sieben Wochen lang habe die Regierung die Opferzahlen im internationalen Vergleich präsentiert, sagte er. „Aber sobald wir ganz oben standen, wurden sie fallen gelassen.“

Der 57-Jährige ist in diesen Tagen der oberste Johnson-Peiniger. Im April wurde er zum Labour-Vorsitzenden gewählt, seither hat Starmer sich zu einem effektiven Oppositionsführer entwickelt. Dabei sollte die Corona-Pandemie eigentlich die Stunde der Exekutive sein.

Tatsächlich genießt Johnson auch einen Amtsbonus, seine Beliebtheitswerte sind weiterhin hoch. Doch Starmer schaffte es immer wieder, Treffer zu landen. Johnson macht es ihm leicht: Das Krisenmanagement ist chaotisch, die Statistiken sind verheerend.

In den ersten vier Monaten des Jahres sind in Großbritannien 50.745 mehr Menschen gestorben als gewöhnlich in diesem Zeitraum. Diese sogenannte Übersterblichkeit ist die höchste in Europa, und sie deutet darauf hin, dass die offizielle Corona-Statistik der Regierung die Opferzahl massiv unterschätzt. Demnach sind bisher rund 33.000 Menschen an oder mit Corona gestorben.

Detaillierte Fragen, keine Antworten

Auch sonst bietet die Regierung viele Angriffsflächen: Die Pandemie wütet immer noch in den Altenheimen, vielerorts mangelt es an Schutzkleidung, die Exit-Strategie ist widersprüchlich. Akribisch seziert der ehemalige Staatsanwalt Starmer diese Schwachstellen.

Als Johnson diese Woche erste Lockerungen des Lockdowns verkündete, fragte Starmer gezielt nach Arbeitsplatzsicherheit, Kinderbetreuung und „social distancing“ in der U-Bahn. Auf die detaillierten Fragen hatte Johnson keine Antworten. Die Briten sollten einfach ihren gesunden Menschenverstand benutzen, erklärte der Regierungschef.

Der Oppositionsführer profitiert davon, dass die Duelle mit Johnson in einem nahezu leeren Parlament stattfinden. Normalerweise säßen den 202 Labour-Abgeordneten 365 Konservative gegenüber, die jegliche Kritik niederbrüllen können. Aktuell sind die meisten Abgeordneten jedoch per Video zugeschaltet, die übliche Geräuschkulisse fehlt.

Ohne seine Fankurve wirkt Johnson verwundbar. Die leise Beharrlichkeit des Labour-Chefs kann sich ganz entfalten. Selbst Tory-Abgeordnete bescheinigen ihm einen guten Start. In Umfragen sagen 40 Prozent der Briten, er mache einen guten Job.

Begonnen hatte Starmer seine Karriere als Menschenrechtsanwalt, später wurde er zum obersten Staatsanwalt von England und Wales. Erst seit 2015 sitzt er im Parlament. Als Brexit-Sprecher unter Jeremy Corbyn trug er dessen desaströsen Zickzackkurs mit, bewies als Redner jedoch bereits seine Eloquenz.

Zeit, an Profil zu gewinnen

Es gibt Zweifel, ob Starmer in einem Wahlkampf gegen den Entertainer Johnson bestehen könnte. Dafür wirkt er zu blass und dröge. Auch sein näselnder Tonfall stößt manchem auf. Starmer klinge so, als habe er vergessen, seinen Schnorchel abzunehmen, ätzte die „Times“. Die nächste Wahl ist jedoch erst 2024. Starmer hat also Zeit, an Profil zu gewinnen.

In der Krise wirkt der seriöse Jurist wie ein nötiges Korrektiv zu Johnson, der gern im Ungefähren bleibt und große Sprüche klopft. Laut Umfragen haben die meisten Briten noch große Angst vor dem Virus und drängen nicht zurück an den Arbeitsplatz. Das erlaubt es Starmer, sich als Anwalt der Sorgen und Nöte der Briten zu inszenieren.

Wem die Coronakrise langfristig nutzen wird, ist noch nicht klar. Starmer sagt, dass sich die Einstellung zum Staat geändert hat und Pflegeberufe eine neue Wertschätzung erhalten. Darauf sollte Labour aufbauen können. Er fordert bereits höhere Löhne für Krankenpfleger und mehr Investitionen in den öffentlichen Sektor.