Deutsche Märkte geschlossen

„Längste unverteidigte Grenze“ – US-kanadische Grenze ist für mindestens 30 Tage dicht

Auf ihre Grenze sind die USA und Kanada sehr stolz – trotzdem ist diese nun vorübergehend geschlossen. Der Handel soll trotzdem weitergehen.

Nicht einmal nach 9/11, den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001, war die Grenze für eine längere Zeit geschlossen worden. Foto: dpa

Kanada und die USA rühmen sich, die längste, nicht durch das Militär verteidigte Grenze zu haben. Niemals zuvor war diese viele Tausend Kilometer lange Grenze komplett über einen längeren Zeitraum geschlossen worden.

Dies ist nun der Fall: In der Nacht zum heutigen Samstag traten die Vorschriften in Kraft, die jeden nicht unbedingt notwendigen Grenzübertritt vorerst ausschließen. Dadurch soll die weitere Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt oder verhindert werden. Der Handel soll möglichst unberührt bleiben. Er ist für beide Seiten lebenswichtig.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau und US-Präsident Donald Trump hatten am Mittwoch die vorübergehende Grenzschließung bekanntgegeben. „Wir haben vereinbart, jedweden nicht essenziellen Verkehr über die Grenze einzuschränken“, sagte Trudeau, der sich in seiner Residenz Rideau Cottage in Ottawa Ende vergangener Woche in Selbstisolation begeben hatte. Zuvor war bei seine Frau Sophie nach Rückkehr aus Großbritannien positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Nach aktuellen Angaben des Premierministers und der stellvertretenden Regierungschefin Chrystia Freeland arbeiteten die Experten beider Seiten bis zuletzt an den Vorschriften, die diese massive Unterbrechung des Grenzverkehrs regeln sollen. Trudeau machte klar, dass die Vorschriften in der Nacht zum Samstag in Kraft treten sollten. Sie sollen für mindestens dreißig Tage gelten.

Nicht einmal nach 9/11, den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001, war die Grenze für eine längere Zeit geschlossen worden. Die Grenze ist fast 9000 Kilometer lang, wovon allerdings etwa 2500 Kilometer auf die nicht so stark frequentierte Grenze zwischen dem US-Staat Alaska und Nord-Kanada entfallen.

Grenzübertritte wichtig für Handel

Täglich werden an der kanadisch-amerikanischen Grenze in Normalzeiten 400.000 Grenzübertritte registriert und der Wert des Warenflusses beläuft sich auf täglich rund 2,7 Milliarden Can-Dollar, etwa 1,8 Milliarden Euro.

Beiderseits der Grenze sind Betriebe auf die Zulieferung von Teilen aus dem Nachbarstaat abhängig, darunter die in der kanadischen Provinz Ontario und den angrenzenden US-Staaten so wichtige Automobilindustrie.

Sie musste allerdings im Zuge der Covid-19-Krise bereits ihre Produktion deutlich zurückfahren. Aber auch Lebensmittel und Medikamente im Wert von vielen Millionen Dollar werden täglich über die Grenze gebracht.

Dies wird nun drastisch eingeschränkt. Bereits am Donnerstag bildeten sich an Grenzübergänge lange Autokolonnen, weil die Fahrzeuge eingehend inspiziert wurden. Chrystia Freeland machte klar: „Reisende werden für Freizeit- oder Tourismusbesuche nicht mehr die Grenze überqueren dürfen. Grenzübertritte, die essenziell sind, werden aber fortgesetzt. Der Handel zwischen unseren beiden Ländern wird nicht beeinträchtigt.“

Freeland wandte sich insbesondere an die Lastwagenfahrer, die nun stärkeren Kontrollen ausgesetzt sein werden: „Wir brauchen sie für weiteren grenzüberschreitenden Verkehr, um unsere Lebensmittelläden zu beliefern und medizinische Güter zu bringen.“

Niemals zuvor habe es eine derart weitreichende Grenzschließung gegeben, sagt Christopher Sands, Direktor des Canada Institute am Wilson Center in Washington, einem Thinktank. Selbst nach 9/11 sei das größte Problem nach der kurzfristigen Grenzschließung nur der Rückstau auf beiden Seiten der Grenze gewesen. „Dies hat jetzt eine ganz andere Dimension“, meint er.

Handel sicherstellen

Die kanadische Handelskammer unterstrich die Notwendigkeit, den Handel zwischen beiden Seiten weiter in Gang zu halten. Goldy Hyder, Präsident des Arbeitgeberverbandes Business Council of Canada, dankte der Trudeau-Regierung für ihren „verantwortungsvollen und wohlüberlegten Ansatz“ in der Grenzpolitik.

Es sei dringend geboten, nicht notwendige Reisen über die Grenze einzuschränken und sicherzustellen, dass der Handel fortgesetzt werde und dringend benötigte Arbeitskräfte in beide Richtungen die Grenze überqueren können.

Nach den Terrorangriffen von 2001 hatten die USA und Kanada mehrere Maßnahmen ergriffen, die den Handel sicherstellen und zugleich die Sicherheit garantieren sollen. Dazu gehören die „Customs Trade Partnership Against Terrorism“ und „Free and Secure Trade“.

Aufgrund dieser Programme können sich Unternehmen einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen, sich offiziell bei den Grenzbehörden registrieren lassen und damit nachweisen, dass sie einen legitimen Grund haben, die Grenze zu überqueren. Dies wird nach Ansicht von Handelsexperten nun Unternehmen, die regelmäßig in das jeweils andere Land liefern, Grenzübertritte erleichtern.

Die kanadische Regierung versucht zudem mit einem bisher insgesamt 82 Milliarden Can-Dollar (55 Mrd. Euro) umfassenden Programm, die Wirtschaft in Gang zu halten und Unternehmen, Arbeitnehmer und Familien zu unterstützen.

27 Milliarden Dollar (etwa 18 Mrd. Euro) gehen als Direkthilfe an Unternehmen und Privatpersonen etwa in Form von Lohnzuschüssen oder höhere Kindergeldzahlungen. Steuerstundungen in Höhe von 55 Mrd. Dollar (36 Mrd. Euro) sollen helfen, die Liquidität von Unternehmen zu sichern.