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Kommt die Rally bei Schwellenländer-Währungen?

·Lesedauer: 4 Min.

Brasilianischer Real, mexikanischer Peso oder türkische Lira haben in der Coronakrise stark abgewertet. Nun profitieren sie von der Aussicht auf einen Impfstoff.

Das Jahr 2020 war bisher ein Horrorjahr für die Währungen von Schwellenländern wie der Türkei, Brasilien oder Südafrika. Vor allem wegen der Folgen der Corona-Pandemie haben die Devisen zeitweise um bis zu 50 Prozent im Vergleich zum Euro abgewertet. Umso mehr sorgt nun die Aussicht auf einen Impfstoff für Hoffnung.

Für die türkische Lira war die vergangene Woche die erfolgreichste seit 19 Jahren. Sie profitierte auch von Personalwechseln an der Spitze von Notenbank und Finanzministerium. Ohne das positive Umfeld durch die Impfstoffhoffnung wären die Rekordgewinne aber kaum möglich gewesen. Auch andere Schwellenländer-Währungen wie der brasilianische Real, der mexikanische Peso und der südafrikanische Rand legten deutlich zu.

Kurz nachdem die Nachricht über die Impfstoff-Fortschritte die Runde machte, schrieb der Chefvolkswirt des Institute for International Finance (IIF), Robin Brooks, auf Twitter: „Ein Impfstoff wird eine Rally der Schwellenländer-Währungen gegenüber dem Dollar entfesseln.“ Auch andere Experten sehen einen positiven Effekt. „Das Umfeld für die Schwellenländer-Währungen hat sich verbessert“, sagt Ulrich Leuchtmann, Devisenchef der Commerzbank. Wenn sich die Aussicht auf einen Impfstoff bestätige, sei das ein „deutlicher Unterstützungsfaktor“.

Das liegt zum einen daran, dass die Nachricht zu einer höheren Risikobereitschaft von Investoren geführt hat, von der Schwellenländer-Währungen in der Regel immer profitieren. Es hat aber auch tiefere wirtschaftliche Gründe. Die Corona-Pandemie hat vielen Schwellenländern deutlich stärker zugesetzt als entwickelten Volkswirtschaften wie den USA und den Ländern der Euro-Zone.

IIF-Chefökonom Brooks verweist auf das Beispiel Mexikos. Für das Land wird in diesem Jahr ein Einbruch der Wirtschaft um zehn Prozent erwartet – für die USA dagegen nur um vier Prozent. Ein entscheidender Grund ist der geringere fiskal- und geldpolitische Spielraum, den Schwellenländer wie Mexiko, aber auch Südafrika, Brasilien oder die Türkei haben. Weil Investoren ihnen weniger vertrauen, ist es für diese Länder schwieriger, sich in der Krise zu verschulden und unkonventionelle Mittel wie Anleihekäufe einzusetzen.

Je länger sich die Impfstoffsuche hinzog, desto stärker wuchsen Zweifel an der Finanzierung einzelner Schwellenländer. Länder wie zum Beispiel Brasilien hatten schon vor der Corona-Pandemie hohe Schulden. Oft notieren diese auch noch in Dollar, was in der aktuellen Situation die Schwierigkeiten noch verschärft. Denn durch die Abwertung der eigenen Währung steigt die Last dieser Schulden.

Aufholpotenzial bei Lira und Rand

Insofern hilft neben der Aussicht auf einen Impfstoff auch ein schwächerer Dollar. Commerzbank-Experte Leuchtmann sieht hier auch durch den Wahlsieg von Joe Biden bei den Präsidentschaftswahlen in den USA eine gewisse Entlastung. Aus seiner Sicht steht Biden für einen moderat schwächeren Dollar – zumindest wenn die Demokraten bei den Stichwahlen in Georgia nicht doch noch die Mehrheit im Senat erringen, was der Biden-Regierung erlauben könnte, leichter höhere Ausgaben zu beschließen. Ein schwächerer Dollar wäre positiv für die Schwellenländer, die sich stark in Dollar finanzieren.

Aufholpotenzial unter den Schwellenländer-Währungen sieht Leuchtmann aktuell vor allem bei der türkischen Lira und dem südafrikanischen Rand. Ob sie dies abrufen können, hängt aus seiner Sicht davon ab, ob die Geldpolitik dort Vertrauen an den Märkten schafft. Hier gibt es durchaus skeptische Stimmen. Manfred Stamer, Ökonom bei der Allianz-Tochter Euler Hermes, erwartet zwar eine baldige Zinserhöhung in der Türkei. Er rechnet aber damit, dass die Geldpolitik dort in einigen Monaten wieder gelockert wird, sobald sich der Wechselkurs und die Inflation stabilisieren.

Sollten sich die Impfstoffhoffnungen bestätigen, geht Commerzbank-Experte Leuchtmann davon aus, dass sich der Markt stärker der Frage zuwendet, welchen Schwellenländern eine Normalisierung der Geldpolitik zugetraut wird.

Auch wenn viele Schwellenländer besonders hart von der Krise betroffen sind, spricht einiges dafür, dass sie sich wieder schneller von dem Schock erholen können. So liegt die langfristige Wachstumsrate dort deutlich höher als in den entwickelten Volkswirtschaften. Und bei der Erholung könnte vielen Schwellenländern auch die starke Währungsabwertung in diesem Jahr helfen. Sie hat den Effekt, dass heimische Güter auf dem Weltmarkt günstiger und damit attraktiver werden – und Importe teurer. Dies hilft ihnen, ihre Leistungsbilanz, also den Saldo im Handel von Waren und Dienstleistungen mit dem Ausland, zu verbessern. „Vor allem kleinere Schwellenländer dürften von einer höheren Wettbewerbsfähigkeit durch die Abwertung ihrer Währungen profitieren und könnten schneller einen Kurswechsel in der Geldpolitik einleiten“, sagt Leuchtmann.

Dagegen erwartet er, dass die EZB und die Fed „noch sehr lange an ihrer extrem lockeren Geldpolitik festhalten“. Beide großen Notenbanken hatten jüngst eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik in Aussicht gestellt. Auch nach der Finanzkrise hielten EZB und Fed viel länger als zunächst erwartet an einem solchen Kurs fest. Damals wurden die Schwellenländer zeitweise geradezu von Kapital überflutet. Dieses Mal allerdings sind sie selbst stärker von der Krise betroffen. Ob ihnen daher wirklich eine schnellere Erholung gelingt, ist nicht ausgemacht.